Archiv für den Monat November 2014

Fliehkraft und Erdanziehung

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Da ist er: der KURKOLLER. 14 Tage hat es gedauert bis ich (wie einige andere Mütter hier auch) in Tränen ausbreche. Bei einigen Müttern war es natürlich direkt am Anfang schwer als man sich vom Partner verabschiedete. Es flossen Tränen und das Vermissen setzte ein. Ich habe keinen Partner. Ich habe aber 2 Töchter, die mich in dieser Mutter-Kind-Kur bisher glücklich lachend begleiten.

Nach dem Frühstück verabschiedete sich die kleine Tochter mit Schulranzen bepackt Richtung „Piratenland“ hier auf dem Kurgelände. Die besondere Tochter brachte ich in die „Kajüten“ mitsamt ihrem Turn- und Schwimmzeug. Eine Einheit Einzel-Krankengymnastik und Bewegungsbad in der Gruppe mit anschließender Traumreise stehen auf ihrem Therapieplan. Für mich ging es auch sofort um 08:45 los Richtung Panorama-Raum zum Workshop „Nobody is perfect, Teil III“. Wir bekamen nach kurzem Rückblick auf die Termine I und II eine Skala, in der wir uns „ALLEIN“ einschätzen sollen.

Skala

Und schon bei dem Wort „ALLEIN“ kam bei mir Unwohlsein. Ich blickte mich um. Alle Mütter fingen an die 4 Punkte (Ich-Autonomie, Du-Bezogenheit, Ruhe-Beständigkeit und Bewegung-Veränderung) für SICH einzuzeichnen. Ich wiederum blockierte. Ich bin nicht allein. Ich habe eine geistig-behinderte Tochter die nie selbstständig sein wird. In Gedanken malte ich die Skala und mir schossen bei dem Ergebnis Tränen in die Augen. Da war sie: meine Verletzbarkeit. Ich sah auf dieser Skala, dass ich wenig bis gar nicht an mich denke. Dass Ruhe und Beständigkeit da sein MÜSSEN; Bewegung und Veränderungen kaum da sind. Ich riss mich zusammen und hörte halb abwesend weiter zu.

Die nächste Aufgabe sollte sein seinen Partner einzuschätzen. Passend dazu kullerten nun bei mir die ersten Tränen. Partner? Hab ich nicht. Es gab dann den Zusatz, dass man auch einen Menschen nehmen kann, der einem nah steht. Ich atmete auf und dachte an meine kleine Tochter. Ok, warum nicht? Also sah ich erneut auf die Skala hatte meine 8-jährige vor Augen. Ihr endlich ausgeprägtes ICH-Verhalten keimt in den letzten Monaten stark auf. Und darauf bin ich stolz. Ruhe und Beständigkeit ist bei diesem Wirbelwind eher selten der Fall. Deswegen auch ein hoher Wert bei der Bewegung-Veränderung. Ich malte nur im Kopf und fasste dieses Blatt Papier nicht weiter an, denn was das Ergebnis war: die Überschneidung zwischen meinen Werten (gemeinsam mit der besonderen Tochter) und der kleinen Tochter waren minimal. Sozusagen 2 Welten. Ich hörte wie die anderen Mütter fröhlich auf ihre Papiere blickten weil sie mit ihrem Partner viel gemeinsam hatten. Und ich wiederum war noch nicht mal in der Lage die Skala für MICH ALLEINE (weil ich eben mit der besonderen Tochter NICHT ALLEINE bin) auszuwerten. Ich stand einfach auf und verliess den Raum. Still. Leise. Suchte mir mein Eckchen und heulte los.

Ich denke es war nicht allein die Gewissheit die mir dieses Papier gab, dass ich in Tränen ausbrach. Ich bin mir meiner besonderen Lebenslage ja durchaus bewusst und verschließe nicht die Augen vor den 2 Welten, die ich immer wieder versuche mit einer Brücke für beide Seiten begehbar zu halten. Es war gewiss der sogenannte Kur-Koller der nun auch mich traf. Und ich darf weinen. Ich darf verletzbar sein. Und ich darf es auch zeigen. Ohne Scham. Und deshalb beruhigte ich mich nach ein paar Minuten und ging zurück in den Panoramaraum und erzählte kurz und knapp von meinem Problem mit dieser Aufgabe. Und ich hatte das Gefühl es lag Verständnis im Raum. Nicht zuletzt deshalb weil einige Mütter im Nachhinein auf mich zukamen und mich einfach umarmten oder mir ein Gespräch angeboten haben.

Ich habe später auch zum Phone gegriffen und mich „zuhause“ geöffnet und nicht einfach die Starke gespielt. Das habe ich lange genug getan. Und wenn ich weiter der „Fliehkraft (kleine Tochter)“ und der „Erdanziehung (besondere Tochter)“ gerecht werden will muss ich offen sein. Denn Offenheit an den richtigen Stellen zu wagen ist Stärke.

Ergebnis

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Freunde sind wie Sterne…

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Die erste Mutter-Kind-Kur mit meinen 2 Töchtern steht an. Ankunft gegen 16:30 in Schillig, Wangerland, an der Nordsee. Gegen 18:00 betreten wir 3 gemeinsam den Speisesaal zum Abendessen. Auf allen Tischen stehen Namensschilder, also nix mit meiner Hoffnung nach freier Platzwahl, am liebsten ins letzte Eckchen vom Saal. Die besondere Tochter hat Kohldampf und mir stehen bereits die Schweißperlen auf der Stirn vor innerer Unruhe. Wird sie sich „benehmen“ und nicht „ausrasten“ vor versammelter Mütter- und Kinderschaft hier im überfüllten, lauten und wuseligen Speisesaal? Nach einigem Suchen finden wir endlich unseren Tisch (Nummer 5). Ich entnehme der Tischgröße, dass wohl noch eine Familie hier ihren Platz findet. Und ja, das Tischschild verrät mir: eine Mutter mit 3 Kindern. Im Geiste tat mir diese Frau bereits leid, denn ich weiss ja dass die Tischmanieren der besonderen Tochter nicht die allerfeinsten sind und auch dass die andere Tochter beim Essen quasselt und nicht still stitzt. Aber noch ist der Tisch leer und wir 3 stellen uns in die lange Mütterkinder-Schlange vor dem Buffet.

Als wir zum Tisch zurückkehren sitzen bereits die 4 Tischpartner dort. Schüchtern stelle ich mich und Maja kurz vor, nur die kleine Tochter quasselt selbstständig ihren Namen und auch sonst allerlei Zeugs was die 4 bestimmt nicht wissen möchten. Aber ich bin nach einigen Minuten verwundert: es herrscht Harmonie am Tisch. Es wurde schnell, selbst von der kleinen 6-jährigen Eliana, begriffen, dass mit Maja etwas nicht stimmt. Natürlich wurde sie neugierig immer mal wieder gemustert. Aber mit lächelnden Blicken. Und ich seufzte innerlich tief und wohl auf.

Nach dem Abendessen bin ich mit den Töchtern hoch aufs Zimmer gegangen. Und die kleine Tochter fragte zugleich: „Kann ich meine neuen Freunde heute nochmal sehen?“ Ich fragte: „Welche Freunde denn, bitteschön?“ Die Antwort konnte ich mir fast selber geben: „Orrr Mama, die 3 Kinder vom Tisch. Meine neuen Freunde eben!“ Ich schaute meine Kleine an. Gerötete Wangen, Lächeln in den Mundwinkeln und blitzende, vor Aufregung funkelnde, Augen. Dann blickte ich in mich hinein. Verlegenheit, Schüchternheit und Ängste. Warum haben Kinder es so leicht Freunde zu finden? Da fährt man über 300 Kilomter weit weg in Kur und innerhalb von 2 Stunde nach Ankunft kommen die Kleinen mit „neuen Freunden“ an. Ist das  nicht herrlich schön?

Warum haben wir Erwachsenen mit „neuen Freunden“ eher unsere Schwierigkeiten? Sind wir zu wählerisch? Wurden wir zu oft enttäuscht? Nehmen wir uns nicht die Zeit? Oder haben wir sogar die Denkweise „es gibt nur diesen einen echten Freund, den dann aber für´s ganze Leben“?

Um Freunde zu finden braucht es ganz gewiss ein Quäntchen Glück, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und gegebene Umstände, die es erleichtern Menschen überhaupt kennen zu lernen. Gerade so eine Situation wie ich sie hier gerade erlebe, eine Kur an einem fremden Ort, mit vielen (noch fremden) Menschen um mich rum, könnte so ein „Glückszufall“ sein. Langsam tastet man sich heran, lernt sich durch gemeinsame Unternehmungen, mit und ohne Kinder, besser kennen. Irgendwann dann, wenn man sich des Gegenübers sicher ist, teilt man Probleme, Sorgen und Nöte.

Dann wiederum gibt es aber auch bereits jahrelang vorhandene Freundschaften, an denen der Zahn der Zeit nagt; oder aber an der Entfernung oder den Lebenswegen.  Oft lautet die Devise: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“  Zwar müssen diese Distanzen nicht unbedingt zum K.O.-Schlag für die Freundschaft werden, schließlich gibt es viele Kommunikationsmöglichkeiten, aber E-Mails und Telefonate können ein persönliches Gespräch, bei dem man sich in die Augen sehen kann, nicht ersetzen. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Freunde, die man nach Monaten oder Jahren wiedersieht, und alles ist genauso wundertoll wie beim letzten Aufeinandertreffen.

Freunde

Wer wirklich von sich behaupten kann, er habe echte Freunde, der kann sich also glücklich schätzen, denn vielen in unserer Gesellschaft geht es nicht so.
Freundschaft sollte nie als selbstverständlich angesehen werden. Man darf nicht vergessen, dass zur Erhaltung einer Freundschaft alle Beteiligten mithelfen müssen, denn eine Freundschaft besteht nicht nur aus Geben oder nicht nur aus Nehmen, es muss ein gegenseitiges Wechselspiel erfolgen. Und da spiele ich sehr sehr gerne mit. 🙂

 

Rolle vorwärts

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Ich war nie sehr sportlich, habe aber immer mit Respekt und Anerkennung auf die Menschen geschaut, die den Sport als wichtigen Bestandteil in ihrem Leben sehen. Und so schaue ich den anderen zu, wie sie alle um mich rum Flugrolle, Strecksprung, Rad, Flick-Flack und noch weitere Sternensprünge ihres Lebens meistern… während ich mir mitten im Leben den Kopf, die Seele und das Herz anhaue. Ich habe sozusagen in den letzten Jahren blaue Flecken gesammelt, mir die Knie oftmals aufgeschürft und feierte seltenst Erfolgserlebnisse. Statt Rolle vorwärts, machte ich die Rolle nur rückwärts. Dafür dann direkt mehrmals hintereinander. Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Überforderung, Schmerzen, Selbstüberschätzung.

Deshalb nun dieser Mutter-Kind-Kuraufenthalt. Mittlerweile ist Tag 10 erreicht. An sportlichen Aktivitäten habe ich bisher am Nordic Walking, Gymnastik für alle Muskelgruppen, Yoga und der Wassergymnastik teilgenommen. Ausserdem bekomme ich Wärmeanwendungen sowie Massagen. Es hört sich vielleicht verrückt an, aber wenn ich all diese Aktivitäten zusammenbringe komme ich auf Worte wie schweben, fliegen, schwerelos, nach den Sternen greifen, Schwung holen, Mut zusammen nehmen und am Ende des Tages einfach mit leicht schmerzenden Muskeln und glücklich pochendem Herz in den Dünen liegen. Endlich mal eine Rolle vorwärts… in meinem Leben.

Novembersonne