Archiv für den Monat April 2014

GutMENSCHEN

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Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich mit der besonderen Tochter an einem ihrer besonders guten Tage mutig in der City unterwegs. An der Eisdiele war nicht viel Betrieb und mit kurzem Blick erkannte ich, dass die Kellner nicht viel zu tun hatten und wir wahrscheinlich ohne lange Wartezeit das gewünschte Eis zügig am Tisch haben. Alles reine Kalkulationen, die ich vornehmen muss, da eventuelle Wartezeiten von der besonderen Tochter nicht akzeptiert und somit lautstark rebelliert werden.

Aber: es schien alles gut zu gehen. Dachte ich jedenfalls. Nicht einkalkuliert hatte ich nämlich, dass auch ein Kellner mal einen Eisbecher fallen lassen kann. Und zwar direkt vor der Nase der besonderen Tochter. Die Rebellion begann mit einem ruckartigen Zurückschieben des Stuhls, gleichzeitig gingen die Kinderfäuste hoch in die Luft und ich hörte ein laut weinerliches „Oooooh nein! MEIN EIS! RUNTERGEFALLEN!“ als wäre es ihr Fehler gewesen.

Der Kellner wurde mehr als nervös, denn spätestens jetzt merkte er wohl dass etwas mit diesem Kind nicht stimmt. Er wusste nicht was er zuerst machen sollte, das Eis-Desaster vom Boden entfernen oder diesem seltsamen Kind einen neuen Becher bringen? Da die Tochter immer lauter wurde und sie nun auch mit den Füßen stampfte und ihr Kreischen durch die Fußgängerzone schallte, half ich dem jungen Italiener schnell bei der Entscheidung, indem ich ihm meinen Becher aus der anderen Hand nahm und diesen meiner Tochter vor die Nase stellte. Sofort nahm diese wieder Platz, ging mit ihrem Jackenärmel durch ihr Rotztränengesicht, atmete tief ein, bedankte sich artigst bei mir mit einem „Danke, liebe Mama!“ und fing an das kalte Süß zu löffeln. Dazu sang sie mit allerbester Sonnenscheinlaune „Himbeereis zum Frühstück…“ als wäre das Alles gerade eben gar nicht geschehen.

Die Tische um uns rum waren weiterhin frei, an einem Tisch weiter entfernt jedoch sassen ein Mann mit seiner Frau und ein junges Mädchen etwa im Alter meiner besonderen Tochter. Mir fiel auf, dass sie uns seit der Szene gerade immer wieder ansahen und über uns sprachen. Sowas merkt man ja. Meiner Tochter lief trotz ihrer mittlerweile zehn Jahre einiges vom Eis übers Kinn und tropfte dann auf ihre Jacke und Hose. Davon liess sie sich aber nicht weiter stören, anscheinend aber die gerade erwähnten Personen am Familientisch ein Stück weit entfernt. Die 3 wechselten Worte, blickten im Wechsel auf uns und auf ihre Eisbecher. Innerhalb weniger Minuten kam meine übliche Wut hoch, Gedanken wie „glotzt nicht so doof!“ und „kann nicht jeder die perfekte Tochter haben“ schossen mir durch den Kopf.

Ich beschloss, mich nicht weiter drum zu kümmern und summte den OldiebutGoldieEisSong der Tochter mit. Ich provozierte sogar denn als der Refrain kam „… Du und ich WIR WAREN HOFFNUNGSLOS VERRÜCKT!“ sang auch ich laut mit. So! Wenn die schon lästern wollen, dann geb ich denen auch Munition, dachte ich mir böse.

Als die Familie ihren Tisch verließ kam die Tochter zu meiner Tochter und sagte. „Du singst wirklich wunderschön!“ Zur kompletten Überrumpelung sagte die Mutter total freundlich zu mir: „Clever, wie Sie bei dem Eisunfall reagiert haben!“ Ich stammelte: „Ehm ja, also Danke.!“ Oh.

Deswegen schauten sie uns immer wieder an. Sie lästerten nicht darüber, dass meine Tochter einen Ausraster gehabt hatte oder gar, dass sie ein offensichtliches geistiges Handicap hat. Ganz im Gegenteil: Sie bewunderten uns ein wenig. Sie fanden uns trotz alledem so sympathisch, dass sie uns ansprachen.

Und da fiel es mir auf: Warum unterstellen wir anderen Menschen eigentlich immer böse Absichten? Warum betrachtete ich es nicht als Möglichkeit, dass andere Menschen meine Tochter akzeptieren wie sie ist? Warum unterstellte ich ihnen sofort, sie würden sich das Maul über uns zerreißen? Liegt das an unserer Gesellschaft, in der es ganz normal ist, dass jeder über die Schwächeren, nicht Perfekten, herzieht? Liegt es an meinen Selbstzweifeln? Oder an den (eigentlich wenigen) blöden Erfahrungen die ich / wir bisher gemacht haben?

Ich gehöre selbst zu der Sorte Mensch, die, wenn sie Menschen mit Handicap sieht, neugierig und freundlich inspiziert. Natürlich nicht auffällig. Aber wenn ich einen solchen Menschen dann auch noch sympathisch finde, kann ich kaum noch wegsehen und empfinde das dringende Bedürfnis, diesen kennenzulernen, anzusprechen. Und wenn das geistig vielleicht gar nicht möglich ist, spreche ich die Angehörigen an. Es mag am selben Schicksal liegen. Oder einem Zauber. Einem gewissen Extra. Und nun stelle ich mir die Frage: Besitzt meine Tochter auch dieses gewisse Etwas? Wurden wir deshalb von der Familie angesprochen?

Jedenfalls danke ich Euch, mir unbekannte Familie, für dieses Kompliment. So ein Feedback ist Gold für mich. Ich danke wirklich sehr. Euretwegen habe ich nun ein wenig mehr Selbstbewusstsein welches mir Kraft gibt. Kraft für meine Tochter.

Ich bezahlte die Eisrechnung nicht mit hängendem Kopf und Blick nach unten. Nein, ich bezahlte mit einem strahlendem Lächelblick auf meine eisverschmierte, singende Tochter.

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10! 2 Hände voll Leben

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Liebe Maja,

ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich Dich endlich das erste mal im Arm (känguruhen) halten durfte. Es war Montag, der 3. Mai 2004. 23 Tage nach Deiner Geburt. Ein paar Minuten durfte ich endlich Deine Wärme, dein Schmetterlingsgewicht und vor allem Deinen Atem spüren. Glückseligkeit. Trotz der vielen Kabel, Monitore und Piepsgeräusche um uns herum.

Du bist im Frühjahr, auf Ostersamstag geboren, und je wärmer die Tage wurden und je näher der Sommer kam, umso stabiler wurdest du. Im Sommer durftest Du dann, fast passend zu Deinem eigentlichen Geburtstermin, endlich nachhause. Als ich Dich am Entlassungstag aus dem Krankenhaus trug, hattest Du dieses süße Lächeln auf deinen winzigen Lippen, welches mich heute noch dahinschmelzen lässt. Dazu damals, wie auch heute, die verwuschelten Haare und die riesigen blau strahlenden Augen… das bist Du.

Mit vier Jahren konntest Du Laufen. Seit Deinem 9. Lebensjahr fährst Du alleine mit dem Dreirad, und mittlerweile so als hätte man das Wort „Verkehrsrowdy“ für Dich erfunden. Ohne Rücksicht auf Verluste fährst Du ins Feld, in den Straßengraben oder gegen Straßenschilder und lachst dabei laut über Dich selber. Kletterst innerhalb von Sekunden vom Dreirad, schiebst es wieder richtig, kicherst noch ein wenig vor Dich hin – und fährst direkt wieder so schnell wie vorher.
Denn: Du kannst nicht bremsen. Und was Dich ausmacht, ist: Es stört Dich nicht. Und das und vieles andere bewundere ich an Dir, meine Tochter.

Wenn ich überlege, ist es als wäre es gerade erst ein paar Tage her, dass wir stundenlang zusammen auf dem Sofa gekuschelt haben. Dass ich ein wenig zukunftsgedankenverloren dein Haar gestreichelt habe. Und heute, mit Deinen nun stolzen zehn Jahren, wirfst Du mich locker vom Sofa, wenn Du willst.

Liebe Maja!
Ich wünsche dir: Dass du noch ganz viele Straßen mit Deinem Dreirad befährst. Dass du vielleicht sogar irgendwann an einem Dreirad-Rennen teilnimmst. Ich hoffe außerdem, dass Du so beweglich und frei bleibst und vielleicht sogar eines Tages aus einem Dreirad ein Fahrrad wird. Wer weiss…

Mir wünsche ich, dass du mir immer so vertrauen wirst, wie du es tust, seit wir uns kennen, dass alles, was uns verbindet, zwischen uns bleibt.
Dir wünsche ich, dass du immer Menschen um dich hast, die die unbändige Energie und große Kraft in dir erkennen und dich fördern.
Und vor allem: Dass du glücklich bist.
Ich küsse dich!
Alles Gute zu Deinem 10. Lebensjahr ♥
Deine Mama

PS: Lieber Mika… unvergessen bist und bleibst Du. Heute denke ich beSONders an Dich. ♥

Struwwelpetra

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Heinrich Hoffmann wusste bereits:

„Sieh einmal, hier steht er,
Pfui! der Struwwelpeter
An den Händen beiden
Ließ er sich nicht schneiden
Seine Nägel fast ein Jahr;
Kämmen ließ er sich nicht sein Haar.
Pfui! ruft da ein Jeder:
Garst’ger Struwwelpeter.“

Die besondere Tochter mag die Geschichte. Sie lacht, wenn sie die Bilder vom krausigen Kopf und die langen Nägel vom Struwwelpeter sieht. Dass aber sie selber alles Nötige dazu beiträgt, um auch eine „Struwwelmaja“ zu sein, versteht sie nicht so ganz.

Maja ist äußerst empfindlich an den Händen und Füßen, an der Zunge und vor allem am Kopf. Das lässt sich teilweise durch ihre Epilepsie erklären. Aber trotzdem ist es zum Beispiel für meine Tochter eine Qual einfach die Haare zu kämmen, die Zähne zu putzen, die Hände im Winter in Fäustlinge zu packen oder morgens die Socken anzuziehen. Alltägliche Handlungen, die sogar teilweise mit zur Grundhygiene gehören, bereiten ihr Tränen und Wut. Und bei mir – das gebe ich ehrlich zu – Hitze und Frust.

Finger- und Fußnägel schneide ich der Tochter zurzeit nachts, wenn sie schläft. Es muss verdammt schnell gehen, denn schließlich mache ich ja im Kinderzimmer Licht an, um die kleinen Nägel sehen zu können. Manches mal habe ich Pech und nach den zwei Füßen und einer Hand ist Maja so wach, dass sie sich wehrt. Und sie hat eine derart unbändige Kraft, dass man es sich kaum vorstellen kann. Ich muss mich dann meist geschlagen geben und die Nägel der verbleibenden Hand in der darauffolgenden Nacht nachschneiden.

In Maja´s Schule habe ich bereits mehrfach Eltern angesprochen und gefragt, ob es ähnliche Probleme bei deren Kindern gibt. Das Haare schneiden ist bei den Jungs kein Problem. Der Kopf wird – ZACK – mit dem Elekrorasierer geschoren. Fertig! Die Mädchen haben meist endlos lange Haare ohne ersichtlichen Schick oder Schnitt. So ist es bei Maja auch. Wenn ich merkte, dass Maja einen guten Tag hat, bin ich todesmutig mit ihr in einen Friseursalon spaziert. Aber entweder ist es bereits an der Wartezeit gescheitert, weil Maja schon beim Geräusch der Föns oder beim Anblick der Scheren „austickte“, oder aber sie wirbelte spätestens beim Umlegen des Umhangs wild mit den Händen um sich und rutschte immer wieder vom Stuhl.

Ich habe eine gute Freundin, die gelernte Friseurin, sogar Meisterin, ist. Sie nimmt die Herausforderung an und schneidet Maja, während jemand das Kind ablenkt, flink die Haare. Beim letzten gemeinsamen Urlaub mit Freunden haben sich die Leute die verrücktesten Sachen einfallen lassen, um Maja abzulenken. Running gags deluxe. Solche Freunde sind unbezahlbar.

Heute morgen vor der Schule war der erste Haarschneide-Tag in diesem Jahr. Und es hat einigermaßen gut geklappt. Die Freundin hat scherenflink gearbeitet und das Töchterchen liess sich zum Schluss sogar noch die eine Haarseite flechten.

Ein guter Tag! ♥

Maja_Haare