Archiv für den Monat Oktober 2014

Alltag off – Kur on

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Dinge, die man zum ersten Mal tut, fühlen sich immer etwas komisch an.
Dinge, die man 10 Jahre vor sich hingeschoben hat und dann doch endlich in Angriff nimmt, noch komischer.
Ja, die besondere Tochter ist nun zehn Jahre alt. Und oftmals habe ich über eine Mutterkindkur nachgedacht. Es dann aber immer wieder verdrängt, denn irgendwie passte es nie in den „Zeitplan“, den ich mir selber auferlegt habe. Fast zwanghaft.
In einer Kur sollen Kind und Mutter „Luft holen, zur Ruhe kommen“. Und ich selber sagte mir: „Nö, keine Zeit dafür.“

Nun bin ich bereits den 3. Tag hier in Schillig, Wangerland, an der Nordsee. Mit beiden Töchtern. Weil Herz und Seele danach schrien.

Ob die Kur helfen wird, weiss ich jetzt noch nicht. Ich lasse alles auf mich zukommen. Noch ist mein Kopf voll. Zu voll. Aber auf jeden Fall genieße ich die Dreisamkeit.

Was aber bisher nicht eine Minute hochkam waren Fluchtgedanken. Denn ich fühle mich hier wohl. Ja, ich bin sogar glücklich hier. Wir drei haben sehr schnell Anschluss gefunden. Selbst die besondere Tochter wird hier von allen anderen Müttern und Kindern angelächelt und nicht belächelt. Die Ärzte und Therapeuten haben für uns meines Erachtens sinnvolle Behandlungspläne erstellt. Ich merke wie sich meine Nerven entspannen, die Seele seufzt und das Mutterherz lächelt.

Ich schrieb heute mittag in dicken Lettern „A L L T A G“ auf ein weißes Blatt Papier, bastelte daraus einen Papierflieger, öffnete das Fenster und liess diesen fliegen. Aufatmend.

Wangerland

Herbstsonnen

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Herbstsonnen

Es gibt nichts Schöneres als zu lachen.
Doch… wenn ich zu dritt lache. Mit meinen beiden Töchtern. Gemeinsam!

„Was macht eigentlich eine Mutter aus?“ frage ich mich im Halbschlaf. Die Haare strubbelig in alle Richtungen zeigend, ein Blick, der eine große Leere füllt und Augen, die denen einer müden Asiatin ähneln, ergeben das Bild, das mich nach dem Aufstehen zeigt. Meine Töchter sind weg. Im Urlaub. Ohne mich. Und ich schlafe nicht gut bis gar nicht. Zu still ist es. Im Haus.

Wenn ich den Aussagen der Elternratgeber glauben schenken darf, ist es die Fähigkeit auch in schwersten Zeiten stets die Ruhe zu bewahren, was eine gute Mutter ausmacht. Nun ja, meine große Tochter hatte in ihren ersten Lebensjahren Herzfehler, dazu schlimmste epileptische Krampfanfälle, ich habe immer noch einen gewissen Grad an Ruhe bewahrt. Meine jüngere Tochter erprobt seit gut 2 Jahren provokant „ihre Grenzen“ und es wird gewiss noch bis zum 18. Lebensjahr anhalten… zudem bin ich seit einiger Zeit alleinerziehend. Und trotzdem halte ich fest. An mir. Warum? Weil ich eben so bin, dafür gibt´s keine besonders einleuchtende Erklärung. Es gibt anscheinend nicht viele Dinge, dich mich so richtig zum Schwitzen bringen. Zwei Dinge fallen mir spontan ein. Das eine ist sicherlich der Drang, meinen Alltag niederzuschreiben. Tagebuch. Es beruhigt mich. Als würde ich durch das Niederschreiben Lasten loswerden. Das andere sind eigentlich 2 Gründe auf einmal: der eine Grund wurde mir erstmals mit zartzitternden 700 Gramm und angeschlossen an Maschinen und Sauerstoff in meine Arme gelegt. Und der andere Grund mit 4400 Gramm nach Muttermilch brüllend auf den Oberkörper mehr oder weniger geworfen. Meine Töchter. Sie sind die Gründe die mich Ruhe bewahren lassen, auch wenn sie es mir das Leben manchmal schwer machen. Die Gründe dich mich zum Ausrasten provozieren und gleichzeitig zur Ruhe und Vernunft kommen lassen. Und genau das ist doch unser Job. Als Mutter. Als Vater. Als Eltern.

Auch wenn ich mich manchmal wie eine erfahrene Mutter fühle, schaffen die 2 es doch, wie durch Zauberhand, dass ich mich wie ein Kind fühle. Wenn wir uns über „Jungs“ unterhalten, kann ich mir das Kichern nur schwer verkneifen. Wenn wir über den Weihnachtsmann, Osterhasen oder Hexen sprechen, bringen die 2 mich immer wieder an den Punkt an dem ich einfach mein Herz sprechen lasse. „Liebe, Glauben und Vertrauen sind so wichtig.“ Es ist so wunderschön die 2 täglich um mich zu haben. Sie schaffen es immer wieder durch ein kleines Lächeln oder Gestik Ruhe in meinen doch nicht so einfachen Alltag zu bringen und mein Leben von einem Checkpoint zum nächsten vorzustoßen.

Und ich glaube, die 2 wissen noch gar nicht, was für tolle Kinder sie sind. Beide haben riesige leuchtende blaue Augen und ein verzauberndes Lächeln. Finde ich jedenfalls. Ich liebe es, wenn sich beide morgens zur Schule verabschieden: mit einem dicken nassen Kuss. Noch ist die jüngere Tochter nicht in einem Alter, in dem sie sich schämt ihre Mama vor ihren Klassenkameraden zu küssen. Die ältere, geistig behinderte Tochter, umarmt, wenn dann richtig. Am liebsten minutenlang. Und diese Umarmung ist als würde die ganze lebhafte und laute Welt um einen rum stillstehen. Diese Umarmung schafft es, den schwierigen Alltag mit ihr auszugleichen. Sie gibt mir das Gefühl eine gute Mutter für sie zu sein. Ihre Umarmungen sind manchmal sogar so stark (sie kann ihre Kräfte nicht kontrollieren), dass sie weh tun. Aber das ist mir egal. Ich kann sie spüren. Sie lebt.

Die kleine Tochter hat vor kurzem mit ihren 8 Jahren die Ironie für sich entdeckt. Es gefällt mir, dass sie meinen Humor mittlerweile teilt, dass sie genau wie ich Wortspiele mag, dass sie spontan und flippig wird. Sie ist unkompliziert. Sie hat die Fähigkeit aus jeder Situation etwas Gutes gewinnen zu können, besitzt Leidenschaft, Offenheit und meist gute Laune.

Bald kommen die zwei aus ihren Urlauben zurück. Und noch im Spät-Herbst fahren wir drei gemeinsam in Mutter-Kind-Kur. Die Herbstsonne(n) an der Nordsee-Küste erleben.

In diesem Sinne:

Die Sonne scheint das ganze Jahr. Zweifach. Für mich.

Bild: Andrea Hüttermann

Bild: Andrea Hüttermann