Archiv für den Monat Juli 2014

Kinderaugen

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Endlich ist der wohlverdiente Urlaub da. 16 Tage Erholung vom Alltag und viel Zeit für die 2 Töchter. Ich beobachte beide so gern wenn diese sich wiederum unbeobachtet fühlen. Und immer wieder kommt in mir dann der Wunsch hoch (besonders bei der besonderen Tochter) „die Welt durch deren Kinderaugen zu sehen“. Und ich erinnere mich zurück an meine Kindheit. Und schwebe, träume, ab. Und versuche mich zu erinnern an die Blicke durch meine Kinderaugen.

Manchmal möchte ich nochmal zurück auf den Schoss meines Opas, mich freuend, dass ich ihn mal wieder mit meinem Rumgezappel und Plappern beim Fußball schauen störe. Manchmal möchte ich wieder mit der Stofftier-Biene-Maja durch das Haus meiner Eltern „fliegen“. Manchmal möchte ich mich wieder mitten in meinem Kinderzimmer auf den Teppich setzen, welches an den Wänden mit Schlumpf-Tapete verschönert war, und mich mitten in Schlumpfhausen wiederfinden. Manchmal möchte ich wieder mit Mama Fingerfarben kaufen und meinen Namen so bunt wie möglich und in Spiegelschrift auf das Fenster in meinem Kinderzimmer schreiben, damit man es von draussen lesen kann. Manchmal möchte ich wieder vor dem Hasenstall im Garten stehen, diesen grinsend öffnen und es lustig finden dass Mama und Papa die zwei dicken aber doch flinken Hasen wieder einfangen müssen.

Ich möchte wieder bei jedem Regenbogen diesem entgegen laufen um zu wissen wie er sich anfühlt.  Ich möchte Regenwürmer sammeln und glauben, dass sie sich mit noch etwas Gras in diesem Einmachglas total wohlfühlen. Ich möchte manchmal zurück auf die Couch, mit meinem Kopf auf Mamas Brust und ihrem Herzschlag zuhören, bis ich einschlafe. Ich möchte mit meinen Freundinnen im Spielzimmer sitzen, mit dem Hanni und Nanni Buch in der Hand, natürlich vorlesend, obwohl niemand von uns auch nur ansatzweise lesen konnte.

Zu meiner Kindheitsfreundin gehen und, während unsere Mamas Kaffee und Sherry trinken, heimlich mit unserem „vielen Geld (natürlich Pfennige)“ an dem Büdchen um die Ecke gehen, der heute Neubau mit einem großen Anwaltsbüro ist, und dort von der netten Tante eine bunte Tüte kaufen.

Manchmal würde ich jetzige reale Welt gern noch einmal kurz durch meine Kinderaugen sehen. Fernab… von Vernunft und Unvernunft, Moral und Unmoral, links oder rechts, sich-im-Kreis-drehen und stehen bleiben, Entscheidungen, Unehrlichkeit, Enttäuschungen, von einem Glück, das viel zu schnell wieder geht, Erinnerungen, die so wunderschön, aber vergangen sind. Fernab von einer Gegenwart, durch die man sich manchmal eben so kämpft und von einer Zukunft, die einem im Dunkel durch ein großes neonfarbenes Fragezeichen anblinkt.

Von dem Trugschluss dass man jederzeit jedem Menschen helfen kann.

Von dem Wissen, dass es nicht für jedes Problem eine Lösung gibt

Kind sein. So unbeschwert. So frei.

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Allein Allein

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Nach einem wunderschönen Sommertag am Badesee den Gedanken wägen den darauffolgenden Tag noch zu toppen: ein Tag am Meer.

Sonntag früh, 6 Uhr, ich sitze im Auto und fahre aus der Stadt hinaus. Die Sonne ist bereits da und lächelt mir und meinem Vorhaben warm entgegen. Auf den Straßen ist kaum ein Auto zu sehen, und gegen die Leere die kurz in mir aufsteigt, schalte ich das Radio ein. Musik hilft… immer! Erst summe ich leise die Musik vor mich hin und schließlich singe ich laut alles mit. Irgendwann ist es soweit, die ersten Möwen ziehen ihre Bahnen am Sommerhimmel und ich rieche das Meer. Mein Lächeln hinterm Steuer erreicht die Ohrläppchen.

Bei den lieben Freunden angekommen kann ich es kaum erwarten zum Strand zu gehen. Das Ziel zu erreichen. Und ja, endlich kommt  am Ende des Weges durch die Dünen die blaue Weite zum Vorschein. Ich werde still. Sprachlos. Fassungslos. Es ist immer wieder aufs neue ein Anblick der Atem raubt. Ein Gefühl wie bei einem Kuss mit dem Herzmenschen. Man will Meer und Meer und Meer.

Und Meer ist genug da: es ist Flut. Es ist Macht. Es ist Kraft. Die Wucht der Wellen, die immer wieder gegen meine Füsse schlägt.

Einige Stunden später Ebbe. Es ist die Ruhe. Es ist nichts zu hören ausser dem Wind. Es ist als läge eine magische Stille über dem Watt. Ich kann nicht aufhören, hinzusehen, hinzuhören, denn ich weiss es ist nur dieser eine Tag für mich am Meer. In wenigen Stunden werde ich wieder zuhause sein.

Was ich mitnehme ist das Gefühl, schwächer, kleiner, verletzlicher zu sein als je zuvor. Und dabei die Gewissheit, keine Angst zu haben, nicht vor der Wucht des Lebens, nicht vor der Stille und auch nicht vor dem Alleinsein.

Und die unendlich große Dankbarkeit überhaupt sein zu dürfen.

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Foto: Andrea Hüttermann

Ich lass es… mir gut gehen!

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Thees Uhlmann singt: Und es ist Sommer in der Stadt… einer meiner Lieblingssongs zurzeit.
Und ja passend ist es warm um einen herum… und ja, warm auch in meinem Herz.
Meine eigene Wärme. Herzwärme. Ich l(i)ebe.

Die letzten Monate waren ziemlich turbulent. Es mag daran liegen, dass ich meinem Leben auf den Grund gehe. Zusammen mit einer Expertin. Fast ist es in letzter Zeit so als würde ich im Zimmer der Therapeutin meinen eigenen Film in den alten VHS-Kassettenrecorder legen. Zittrig auf PLAY drücken und zuschauen. Zuhören. Verwundert die Stirn runzeln. Vor Scham rot anlaufen. Traurig die Augenlider schliessen. Laut losprusten. Glücklich ausatmen. Schreckhaft zusammenzucken. Jedwede Farbe ist im Film enthalten, Gefühlschaos. Und ich möchte, ich kann und ich will das Filmband entwirren. Und lernen.

Der erste große Schritt, ein wunderschöner Lernerfolg, ist getan: Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Ich darf und ich muss an mich denken. Trotz und gerade wegen meiner 2 Töchter. JEDER hat das Recht auf eine Pause. Auch eine Mutter mit einem besonderen Kind. Seit Jahren überlege ich bereits ob ich die „Verhinderungspflege“ für meine Tochter annehme (d. h. ich kann eine Person beauftragen mit meiner Tochter ZEIT zu verbringen). ZEIT, die ich wiederum, FÜR MICH nutzen kann. Ich habe es immer als egoistisch angesehen. Ich habe an mir und meiner Kraft, Stärke und Mutterliebe gezweifelt, wenn mir mitten in der Überschätzung meiner Selbst als einzige sinnvolle Lösung diese Verhinderungspflege in den Kopf kam. Mittlerweile habe ich die Lebenshilfe hier in der Stadt kontaktiert. Es fand ein Vorstellungsgespräch statt und Maja freut sich bereits riesig wenn die junge Dame voller Elan und guter Laune kommt und mit ihr Unternehmungen macht. Es ist wunderbar, sich ein Innehalten zu erlauben und genug Kraft zu sammeln um schließlich weitermachen zu können.

Mein Freundeskreis hat sich in den letzten Jahren extremst verkleinert. Ich habe es immer damit in Zusammenhang gebracht, dass es an der Schwerbehinderung meiner Tochter liegt. Ich habe aber nun im Spiegel gesehen, dass das nicht der einzige und entscheidende Grund für die kleine Zahl der „echten Freunde“ ist. Der wahre Grund ist: Ich habe zu wenig gesprochen. Über meine Bedürfnisse. Ich war immer „nur“ für alle da. Still. Schweigend. Nur zu mir selbst hab ich immer konststant gefordert „Jetzt komm doch endlich wieder klar!“ Die letzten Wochen durfte ich erfahren wie es ist Unterstützung einzufordern und anzunehmen (ja, ich habe es wohl nie richtig beigebracht bekommen bzw. ich wollte nie jemanden zur Last fallen, ich habe mich einfach schwer damit getan). Ich unternehme sehr viel mit „alten“ und auch „neuen“ Freunden und es ist wunderschön sich von diesen Menschen ein Stück weit auffangen zu lassen. (An dieser Stelle: Danke, dass es euch gibt!!! <3)

Ich und meine To-do-Listen und meine Termine waren schon immer gemeinsam im Teufelskreis unterwegs. Und zwar mit 180… und irgendwann in den letzten Monaten kam der Vollchrash gegen die Mauer. Es ging einfach nicht so weiter. Es war nicht mehr realistisch was ich mir aufgebrummt habe. Der Anblick meines Terminkalenders verursachte mir Bauchschmerzen. Ich habe nun gelernt auch mal NEIN zu sagen. Und es tut noch nicht mal weh. Wirklich! Ich plane meine Termine nur noch mit gewissenhaftem Blick auf meine Kraftreserven. Und ich habe nun auch Zeiten für mich im Kalender stehen. Gestern erst war ich einen ganzen Tag (ohne Kinder!) in Holland und liess meine Augen Meer werden. Meine Batterien sind nun mit Glückshormonen aufgeladen. Die beiden Töchter sind übrigens die ganze Woche mit den Großeltern unterwegs. Das allererste Mal nach über zehn Jahren, dass ich ohne Kinder  7 Tage frei für mich zur Verfügung habe. Und ich sage mir: Ich habe diese Pause verdient. Ich bin nicht entbehrlich und gerade deswegen muss ich mich mal entbehrlich machen.

Anhalten mitten auf der Einbahnstrasse und endlich merken, dass allein ich es bin, die das Lenkrad in der Hand hat. Ich bin dabei mir Selbstwert in den Kofferraum zu laden um mich dann wieder ans Steuer zu setzen. Und ich möchte völlig wertfrei ein stückweit die Einbahnstrasse rückwärts zurückfahren um mich dann im Sommer der Stadt in die Straßen „heute“, „morgen“, „übermorgen“ … zu trauen.