Archiv für den Monat Februar 2016

BegutACHTEN

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BegutACHTEN

Ich habe ein Faible für kaputte Menschen. Und ich liebe Dinge, die nicht spiegelglatt sind.

Ich mag Persönlichkeiten, die angekratzt wurden, gebrochen, zersplittert. Menschen, die sich selber wieder zusammensetzen mussten und dabei etwas Unglaubliches geschaffen haben. Ein neues Ich, bei dem das alte Selbst noch in jedem Baustein wohnt. Facettenreich, glitzernd, leuchtend. Konstrukte, die man sich so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Ich mag mich. 😉

Ich sitze mit einem lecker dampfenden Tee vor mir in der Küche und schaue auf die Fotos vom letzten Sonntag. Ein Ausflug ins zugeschneite Sauerland. Ein große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus beim Anblick der Schneebilder. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Bilder in meinem Kopf ein Glückskino abspielen würden. So schnell, dass mir fast ein wenig schwindelig wird, so wie bei der Abfahrt mit dem Schlitten auf der Rodelbahn. Die Bilder rauschen vorbei, ich höre das Jauchzen der besonderen Tochter die vor mir auf dem Schlitten sitzt, das Lachen der kleinen Tochter die stolz alleine vom Rodellift hochgezogen wird… eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.

Ich atme tief ein. Das Kino ist zu Ende. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht. So fühlt es sich an, mein Glück. Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiss, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.

Mein Blick schweift durch meine Küche. Er bleibt an einem Ordner mit einem rosa Etikett hängen. Dieser Ordner ist einer von fünfen. Als ich den ersten Ordner damals anlegte, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mal fünf und mehr sein werden. “Befunde Maja” steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Und trotzdem rosa. Kindlich. Mädchen-like. Der Inhalt lässt einen jedoch erstarren.

„Ihre Tochter hat eine geistige Behinderung“. Mit diesem Satz geriet meine Welt erneut aus den Fugen. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher. Man sei sich aber sicher. Man könnte diese Behinderung nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.

Die Behinderung meiner Tochter hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Tage, an denen Maja “austickt”. Momente, in denen Jenna es wirklich schwer hat mit ihrer besonderen Schwester.

Aber mein Blickwinkel hat sich verändert. Ja, ich pendel sozusagen zwischen 2 Welten. 2 Kinder, deren Entwicklung immer weiter auseinanderdriftet. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu händeln sind. Zwischen „Mama, Du musst nun mit mir viel Radfahren und auch Verkehrszeichen üben, damit ich in der Radfahrprüfung gut abschneide“ und “Vorsicht… Halt! Du musst LENKEN UND GLEICHZEITIG TRETEN auf Deinem Dreirad, Maja!” Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Denn in die Zukunft zu blicken macht mir Angst.

Ich habe mich mit unserem Schicksal angefreundet. Unser Leben ist für mich fast wieder normal. Es gibt immer mal wieder Freudensprünge weil Maja Fortschritte macht. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem es keine Fortschritte mehr gibt. Oder schlimmer noch, dass erneute schlimme Befunde kommen. Dass meine Welt erneut zusammenbricht. Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie der wunderschöne Sonntag im Schnee. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über das Jauchzen und Lachen meiner Töchter freue.

Wir 3 sind das schönste Chaos, das ich seit langem gesehen habe. Formen uns aneinander, beieinander. Wachsen dabei. Und lernen. Lernen einander zu lauschen und selber dafür zu verstummen. Genau daraus besteht es: unser Glück. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

Ich starre nochmal auf die Fotos vom gemeinsamen weissglitzernden Wintertag und begutACHTE unsere ganz eigene Harmonie.

Vielleicht muss man etwas nicht begreifen, um seine Schönheit zu verstehen.

Vielleicht sind wir einfach das. Wir. Und unser kleines Chaos.