Archiv für den Monat Mai 2015

Zeit

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Die kleine Tochter traut sich neuerdings immer mal wieder im Alleingang etwas zu unternehmen. Wichtig sind ihr dabei aber klardeutliche Ansagen meinerseits. Sie fragt mehrfach nach WANN sie wieder am vereinbarten Treffpunkt sein soll und dabei geht ihr fragender Blick von mir auf ihre bunte neue Kinderuhr am Handgelenk. Vor einigen Tagen fragte sie mich abends im Badezimmer beim Ablegen der Uhr doch glattweg mit rümpfender Nase „Mama, warum gibt es eigentlich Zeit?“ Spontan antwortete ich aus dem Bauch heraus: „Damit nicht alles auf einmal passiert.“ Ich sah ihren Kinderkopf nicken. Sie gab sich mit meiner Antwort zufrieden.

Das Zufriedenheitsgefühl stellt sich aber nicht bei mir ein. Denn oftmals ist es so, dass wirklich ALLES AUF EINMAL PASSIERT! Liebe Zeit, wo bist Du da nur? Wo versteckst Du Dich? Da sind meine beiden Töchter, der Job, der Haushalt, der Garten, das Auto welches in die Werkstatt muss, die Freundin die grad Trost braucht, der Magen der knurrt, die Augen die zufallen und dringend Schlaf oder Kaffee brauchen. Da klingelt das Telefon denn die Mutter fragt nach dem Wohlbefinden, der Kalender zeigt an dass da diese Woche noch eine Blutabnahme für die große Tochter und ein längst fälliger Hautarzt-Termin für mich stehen, der Geburtstag eines Freundes, das Handy spielt die whattsapp Melodie denn die Freundin fragt ob ich für ein Sektchen vorbeikomme. Auf dem Weg nach draußen schaue ich in den Briefkasten und sehe Urlaubsprospekte und weiss dass dieser auch viel zu schnell näherrückt, ich aber bisher nicht dazu kam darüber nachzudenken wo es überhaupt hingehen soll.

Wenn ich das Wort ZEIT anschaue, kommen eigentlich nur Erinnerungen hoch. Ich empfinde Vergangenes. Und Respekt. Denn ich merke mit Blick auf meine Kinder, dass Zeit ihre wahre Größe doch erst zeigt je älter man wird. Und deshalb kann ich die Neugierde meiner kleinen Tochter gut verstehen, dass sie wissen möchte, warum es eigentlich Zeit gibt. Sie nimmt Zeit ganz anders wahr, denn sie hat genug davon. Meine Zeit jedoch ist knapp bemessen und ich meine hierbei nicht mein Lebensalter. Ich meine den Stress, den ich gerade habe. Ich schaue viel zu wenig auf die Gegenwart, sondern habe immer die Zukunft im Blick um mein Leben nicht aus den Fugen geraten zu lassen.

Wir waren alle mal Kind und haben die Welt täglich aufs Neue erlebt und sind an unseren Erfahrungen gewachsen. Und diese Wahrnehmung, die wir als Kind hatten, müßte eigentlich wach gehalten werden. Ich muss mir aber leider eingestehen, dass ich oftmals blind und taub durch diese viel zu laute und hektische Welt gehe. Und ich muss mit einem Kloss im Hals weiter zugestehen, dass einige Menschen, Dinge, Ereignisse, Probleme die vor einigen Jahren noch höchst präsent waren, heute wirklich Klein- oder Nichtigkeiten geworden sind. Heisst das also, dass Zeit Dinge nichtiger und kleiner werden lässt? Bin ich einfach vergesslich oder ein Meister im Verdrängen? Mit Schuldgefühlen kommt in mir ein „aber ich habe ein turbulentes und nicht einfaches Leben, und die Probleme sind jeden Tag von anderer Bedeutung. Und machmal läuft mir nunmal die Zeit davon um mich ewig mit ihnen auseinandersetzen zu können. Ich  möchte LEBEN!“ hoch.

Die kleine Tochter hätte weiter fragen können, was passieren würde wenn die Menschen alle Uhren verbannen. Obwohl, dazu gefällt ihr die neue Armbanduhr viel zu gut 😉 … aber ich wäre gern bei diesem Experiment dabei, sollte es je starten! Ich könnte dann endlich mal die Worte „STOPP, BITTE MAL LUFTHOLEN!“ oder einfach ein seufzendes „Es ist mir grad ALLES zu viel. HALT!“ ohne schlechtes Gewissen rauslassen. Es wäre wie ein die Lebensbatterie aufladen dann wenn sie es nötig hat. Und nicht mehr ein Leben auf den letzten Akkuprozenten. Eigentlich ein schöner Traum. Bei der nächsten „Nacht der Sternschnuppen“ werde ich mir die Zeit nehmen, um an diesen Wunsch zu denken wenn ich denn eine Glitzerschnuppe entdecken sollte. Gleich mal im Netz googlen wann die nächste Nacht ist und dann im Kalender eintragen… ach Moment, es klingelt grad an der Tür. Der Nachbar gibt mir seinen Haustür-Schlüssel, damit ich in den nächsten 2 Wochen an seine Blumen und Mülltonnen denke. Schnell mal notieren. Huch! Wieso schreibe ich grad das Wort HAMSTERRAD in den Kalender?! Tja nun…

Was ich mir wiederum vom gemeinsamen Leben mit der besonderen Tochter abgeschaut habe, ist dass man sich an den wenigen schönen Ereignissen hochziehen kann. Es sollte also auf die Zeitqualität ankommen. Und selbst wenn mal tage- oder gar wochenlang eine Scheisse nach der nächsten passiert… einfach im eigenem Kopf-Denkarium die Sonnentage hochholen, denen man eine sehr große Bedeutung beigemessen hat. Oder aber ganz nach meiner Lebensart: wegträumen. Mit Blick in den Horizont.

SCHÖNE Scheisse! 😉  #positivethinking

 

 

 

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In Deinem Kopf

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Ich habe es immer wieder versucht. Du nahmst weder den kleinen Finger, noch die Hand, und schon gar nicht den Arm.

Ein Wutanfall deluxe. Ich habe versucht Dich zu beruhigen. Mit ruhiger Stimme. Erfolglos. Dann fing ich an zu schimpfen. Laut. Auch das interessierte Dich nicht. Also wartete ich einfach ab. Still. Geduldig. Bis auch Du still wurdest. Und nicht einmal jetzt würdigst Du mich eines Blickes. Du stehst vor mir, Dein Blick gesenkt, irgendeinen Punkt auf dem Boden mit leeren Augen anstarrend. Dann schaust Du wieder auf die anderen „normalen“ Kinder und mitten drin steht Deine kleine Schwester. Auf Rollschuhen. Und Du möchtest es auch so gerne, einfach in Rollschuhe steigen und losdüsen. Wie gern würdest Du das. Tief tief in Dir.

Und viele andere Sachen möchtest Du auch können. Du stehst weinend vor mir in den letzten Tagen, Monaten, Jahren. Du hast immer wieder von mir Umarmungen und ruhige auf Dich einredende Worte von mir bekommen. Mit Tränen in meinen Augen und Angst in meinem Blick. Angst um Dich, meine große Tochter. Weil ich Dich so sehr liebe. Ich glaube, manchmal spürst Du diese Liebe nicht, Du kannst sie nicht fühlen. Dafür bist Du zu betäubt, von IRGENDETWAS IN DEINEM KOPF. Du wirkst manchmal so verloren auf Deinem Weg. Du lauschst meinen Worten, dennoch kommen sie nicht an, sie treffen lediglich eine Mauer.

Irgendwann wird man müde, man legt immer wieder dieselbe Platte auf, Worte über Worte, Verzweiflung über Verzweiflung. Ich versuche jeden Deiner Sinne zu reizen, mehr kann ich nicht machen. Ich darf mich nicht mitziehen lassen, den Halt nicht verlieren. Manchmal sind meine Augen müde, träge und traurig, der Kopf zermürbt, Gedankenkarusselle, die in der Zukunft enden, die Stimmung im Keller, die Glücksgefühle sind nur noch künstlich zur Außenwelt ausgegraben.

Es schnürt mir die Kehle zu, wann immer ich Dir „NEIN, das kannst Du nicht, mein Kind.“ sagen muss. Ein NEIN gibt es für Dich nicht. Für Dich gibt es immer nur das JA. Zu jeder Zeit. Man sieht, Du WILLST dazugehören, es zieht dich immer wieder zu anderen Kindern hin. Du möchtest ein Teil von ihnen sein. Du möchtest Fahrrad fahren, ohne Schwimmflügel ins tiefe Becken springen, einen Topflappen häkeln, Deine Schuhe zubinden, alleine draussen rumlaufen und Rollschuhfahren.

Der Wille ist da. In Deinem Kopf. Und so lange ich diesen Willen in Dir sehe, keimt in mir soviel Hoffnung, dass es doch anders kommen könnte. Und diese Hoffnung teilen mit mir auch die Liebsten. Sie beobachten uns ja, mit etwas Abstand. Und machmal, wenn ich ganz tief unten bin, sehe ich diese Anteilnahme nicht. Von niemanden. Stattdessen krieche ich wie ein Kellergeist in meinem Selbstmitleid. Fühle mich einsam, fühle mich anders als die anderen. So unverstanden. Und ich mache dicht. Die Tür zum Leben. Genau wie Du, mein Kind, in Deinen Wutanfällen. Eine Tür, die sich uns nur öffnet, wenn wir endlich fühlen, was wir verpassen.

Wenn wir fühlen, was andere fühlen. Wenn wir fühlen, wie schön das Leben trotzundgeradedeshalb sein kann. Lass es uns „zulassen“!