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Traumhafte Erinnerung – erinnernde Träume

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Pfingstmontag. Beim Frühstück beschlossen wir gemeinsam das Planetarium in Bochum zu besuchen. Problemlos wurden online Tickets für die Musikshow „Tabaluga – und die Zeichen der Zeit“ gebucht, und schon beim Trailer auf der Homepage des Zeiss-Planetariums kamen Kindheitserinnerungen hoch.

Meine Eltern waren Peter Maffay Fans. (Und ganz ehrlich: es gibt weitaus Schlimmeres. Mein Musikgeschmack hat sich trotzdem anders entwickelt.) Jegliche Konzerte haben sie besucht, alle Platten / CDs gekauft. Und als Achtjährige wurde mir natürlich Tabaluga nicht vorenthalten. Vernunft und Fantasie wurden mir anhand der Reise eines kleinen Drachens erklärt. Und das wunderbarst. ♥

Mit einem wohligfreudigen Gefühl in der Magengegend fuhr ich mit beiden Töchtern die A2 Richtung Bochum. Ich hatte das Planetarium nur noch aus Schulzeiten in Erinnerung und war umso mehr positiv erstaunt, dass mich eine wahrhaftig moderne (Planeten)Welt empfing. Innerhalb kürzester Zeit (worüber ich sehr erfreut war, denn die besondere Tochter ist nicht gut im Warten) saßen bzw. lagen wir in unseren bequemen Sesseln unter dem Rundkuppel-Himmelsdach. Eine wirklich freundliche junge Dame empfing alle Besucher mit einer kurzen Erläuterung über den Ablauf der Show und dann ging es auch schon mit einem lauten Geschepper (Wecker) los. Tabaluga triftt auf seiner Reise viele Wesen; unter anderem auch den Tod. Hier hatte ich beide Töchter besonders im Auge, denn ich finde das Thema wirklich „schwierig“. Als Tabaluga sich nachts von seiner Reise nach der Zeit erholt, erscheint ihm Tyrion, sein Vater, im Traum. Eine Szene, in der ich schwer schlucken musste und auch Tränchen in den Augen hatte. Aber schon geht es weiter, die Frage ist ja noch nicht beantwortet: WAS ist Zeit? Und WER bestimmt sie? Und vor allem GIBT ES WAS STÄRKERES ALS ZEIT? Bei dieser Frage kommt natürlich die LIEBE dazu. Am Ende jedenfalls waren die Kinder und ich tief beeindruckt von dem Gesamtergebnis. Durch die Kuppel war es weder wie ein Kino-Film und wir brauchten auch keine 3-D-Brille; waren aber trotzdem mitten im Geschehen: im Raum und der Zeit. Verblüffend!

Nach der Vorstellung begleitete mich weiterhin dieses wohlige Gefühl. Sei es die traumhafte Erinnerung an meine Kinderzeit – oder aber der Blick auf meine Kinder, wie sie genauso fasziniert auf diese Tabaluga-Musikshow reagieren, wie ich es als Kind auf das erste Tabaluga-Album (auf Schallplatte) tat. Erinnerungen traumhaft wiederkehren zu lassen gibt die Schönheit der Augenblicke wieder.

Die kleine Tochter kam vorhin mit einem Babyfoto von mir in die Küche und lachte sich kruselig darüber, wie ich damals aussah. Kurze Zeit später lief im Küchenradio Bosse mit „Schönste Zeit“ und bei der Textzeile

„Was wir nicht können

ist irgendwas wiederholen

kein Augenblick kein Moment

kann sich je wiederholen

 

muss ich schwer schlucken. Denn sie ist so wahr. Und mehrmals wurde ich heute darauf aufmerksam gemacht. Erst Tabaluga. Dann das alte Kinderfoto. Nun singt Bosse es mir entgegen. Und immer um mich rum: meine Kinder. Und meine Kindheit.

Es gab kein Trash-TV. Kein Internet, Handy oder Spielekonsolen to go. Bei 90-60-90 dachte ich als junge Teenagerin nicht an Diät oder irgendwelche Traummasse um Jungs zu betören, sondern an ’nehme ich die 60er Kassette um meine Hits auf dem Radio aufzunehmen oder lieber die 90er Länge‘?! Ich bin jetzt als Mutter mal ganz ehrlich: die Zeiten für eine goldene Kindheit wie ich sie hatte sind leider vorbei. Aber ich kann meinen Kindern erzählen wie es war. Ich kann meine Erinnerungen weitergeben. Zum Beispiel wie es war bis zum Sonnenuntergang oder gar bis es ganz dunkel war, draussen täglich rumzutoben. Dass Mama mich suchen und reinzerren musste. Dass da kein Handy war mit dem sie mir eine whatsapp schreiben konnte, weil „DSDS“, „Germany´s next Topmodel“ oder sonstwas grad anfängt. All das werde ich nie vergessen.

Irgendwann war es soweit, auch meine Kindheit war vorbei, und Mutter & Vater schickten mich raus in „die große weite Welt“, oder ich entschied dass es soweit war. Eigentlich ein Kompromiss aus beidem. Jedenfalls hat meine Kindheit mich dazu gebracht auf mein Herz zu hören; auf meinen Herzschlag zu achten. Und was ich bisher in meinem Leben lernen musste ist, dass alles im Leben seine Zeit hat. Aber Peter Maffay kann es schöner als ich wiedergeben:

 

A und O, Liebe und Hass,
es gibt diesen Schlüssel für alles und jegliches Maß.
Es gibt die Treue, die Hoffnung und manchmal Versöhnung und Streit,
glaub mir, alles auf dieser Welt hat seine Zeit.

 

Es ist vielleicht nicht Profi-Mama-like, dieses „back to the roots“ Denken.  Und erst Recht nicht Bosse mit Peter Maffay in einem Blog-Artikel zu mixen. Aber ich mache das was mein Gefühl mir sagt: das Gute aus der Vergangenheit hervorholen um Frohsinn weiterzugeben. Hauptsache, es kommt von Herzen.

BegutACHTEN

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BegutACHTEN

Ich habe ein Faible für kaputte Menschen. Und ich liebe Dinge, die nicht spiegelglatt sind.

Ich mag Persönlichkeiten, die angekratzt wurden, gebrochen, zersplittert. Menschen, die sich selber wieder zusammensetzen mussten und dabei etwas Unglaubliches geschaffen haben. Ein neues Ich, bei dem das alte Selbst noch in jedem Baustein wohnt. Facettenreich, glitzernd, leuchtend. Konstrukte, die man sich so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Ich mag mich. 😉

Ich sitze mit einem lecker dampfenden Tee vor mir in der Küche und schaue auf die Fotos vom letzten Sonntag. Ein Ausflug ins zugeschneite Sauerland. Ein große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus beim Anblick der Schneebilder. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Bilder in meinem Kopf ein Glückskino abspielen würden. So schnell, dass mir fast ein wenig schwindelig wird, so wie bei der Abfahrt mit dem Schlitten auf der Rodelbahn. Die Bilder rauschen vorbei, ich höre das Jauchzen der besonderen Tochter die vor mir auf dem Schlitten sitzt, das Lachen der kleinen Tochter die stolz alleine vom Rodellift hochgezogen wird… eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.

Ich atme tief ein. Das Kino ist zu Ende. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht. So fühlt es sich an, mein Glück. Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiss, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.

Mein Blick schweift durch meine Küche. Er bleibt an einem Ordner mit einem rosa Etikett hängen. Dieser Ordner ist einer von fünfen. Als ich den ersten Ordner damals anlegte, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mal fünf und mehr sein werden. “Befunde Maja” steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Und trotzdem rosa. Kindlich. Mädchen-like. Der Inhalt lässt einen jedoch erstarren.

„Ihre Tochter hat eine geistige Behinderung“. Mit diesem Satz geriet meine Welt erneut aus den Fugen. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher. Man sei sich aber sicher. Man könnte diese Behinderung nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.

Die Behinderung meiner Tochter hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Tage, an denen Maja “austickt”. Momente, in denen Jenna es wirklich schwer hat mit ihrer besonderen Schwester.

Aber mein Blickwinkel hat sich verändert. Ja, ich pendel sozusagen zwischen 2 Welten. 2 Kinder, deren Entwicklung immer weiter auseinanderdriftet. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu händeln sind. Zwischen „Mama, Du musst nun mit mir viel Radfahren und auch Verkehrszeichen üben, damit ich in der Radfahrprüfung gut abschneide“ und “Vorsicht… Halt! Du musst LENKEN UND GLEICHZEITIG TRETEN auf Deinem Dreirad, Maja!” Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Denn in die Zukunft zu blicken macht mir Angst.

Ich habe mich mit unserem Schicksal angefreundet. Unser Leben ist für mich fast wieder normal. Es gibt immer mal wieder Freudensprünge weil Maja Fortschritte macht. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem es keine Fortschritte mehr gibt. Oder schlimmer noch, dass erneute schlimme Befunde kommen. Dass meine Welt erneut zusammenbricht. Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie der wunderschöne Sonntag im Schnee. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über das Jauchzen und Lachen meiner Töchter freue.

Wir 3 sind das schönste Chaos, das ich seit langem gesehen habe. Formen uns aneinander, beieinander. Wachsen dabei. Und lernen. Lernen einander zu lauschen und selber dafür zu verstummen. Genau daraus besteht es: unser Glück. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

Ich starre nochmal auf die Fotos vom gemeinsamen weissglitzernden Wintertag und begutACHTE unsere ganz eigene Harmonie.

Vielleicht muss man etwas nicht begreifen, um seine Schönheit zu verstehen.

Vielleicht sind wir einfach das. Wir. Und unser kleines Chaos.

Es war einmal…

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Es ist der 31. Oktober 2015 kurz vor Mitternacht. Halloween. Und ich habe einen wirklich wunderschönen, lustigen und gruseligen Abend hinter mir. Lächelnd nippe ich am Glas Wein, welches ich mir nach einer Kinder-Halloween-Party bei einer Freundin redlich verdient habe. Meine beiden Töchter waren als Hexen verkleidet, und wieder andere Kinder auf dieser Party waren Dracula, Zombies oder ähnliche Untote.

Doch am allerbesten fand ich die Verkleidung eines Mädchens, die ihr Gesicht geteilt hatte in einerseits das wunderhübsche Mädchen oder gar Prinzessin und andererseits total entstellt bzw. tot. Wirklich coole Idee. Malen wir uns nicht alle dann und wann aus unser Leben sei ein Märchen? Nund ja… vielleicht ist es das ja wirklich 😉 und in hundert Jahren werden die Kinder davon hören, so wie wir von Dornröschen, Schneewittchen und Aschenputtel. Unser Leben kann jederzeit zu einem Märchen werden, von einen zum anderen Moment. Wir müssen nur unseren gläsernen Schuh verlieren, damit der Prinz uns findet. Wir müssen bloss in langen Schlaf fallen und uns wach küssen lassen. Es scheint doch gar nicht so schwierig zu sein und doch irgendwie unerreichbar.

Menschen wie ich brauchen unbedingt den Gedanken dass uns jederzeit dieses „Es war einmal…“ begegnen kann und dass es irgendwann unser Leben beschreibt. Eine unserer tragischen Liebesgeschichten. Ach, wüssten wir doch bloss, wie wir unser Leben zu einem wirklichen Märchen machen könnten, zu einem Märchen mit Happy End und allem drum und dran. Ok, eine Märchenhochzeit brauch ICH persönlich nun nicht… aber das ist eine andere Geschichte. *g

Und trotzdem, ein Märchen indem das Gute siegt und am Ende das langersehnte Glück, Frieden und Gesundheit ist. Das wünsche ich mir. Ein Märchen, das keine Fortsetzung braucht, weil es so einfach und vollkommen ist. Weil es keine Ergänzung nötig hat.Also, woher wissen wir nun, dass wir uns in einem Märchen befinden? Und nicht in einer Horrorshow? Da ist es nämlich wieder, das Mädchen von der heutigen Kinder-Halloween-Party, die mit den 2 Gesichtern. Da sehe ich mich wieder selbst, ich in einer hässlichen, traurigen Version. Und gleichzeitig an wieder anderen Tagen wirklich als hübsche Königin.

Ich nippe erneut am Wein, und erfreu mich grad an diesem Moment, indem ich ehrlich sein kann mit mir selbst, und einfach schreiben. Was habe ich schließlich zu verlieren? Dann schreibe ich so ein Paar Zeilen und denke mit in diesen Sekunden der manischen Euphorie, ja das ist es, das ist genial, es geht wieder, schau es geht noch, man muss nur anfangen, das ist das Schwierigste. Nur sitze ich letztendlich vor einem halbgaren WordPress-Dokument und beobachte den blinkenden Cursor, bevor ich die Taste zum Löschen betätige. Aber der Titel „Es war einmal…“ ist doch so vielversprechend, wie kann es sein, dass ich nicht weitermache? Das utopische Potential von unvollendeten Ideen in meinem Herz, Kopf und Bauch. Schreiben, das ist doch das, was immer funktioniert hat? Es ist bestimmt mein Schicksal, dass ich mit viel zu viel fühle und einfach zu wenig Ventile habe. Viel fühlen aber zu wenig sein. Ja, das macht mir mein Leben manchmal unglaublich schwer. Wieso habe ich das Gefühl mich würde etwas zurückhalten? Oder haben wir das alle? Das Gefühl, dass da immer ist, das uns davon abhält, das Leben zu führen, das wir uns im Traum vorstellen?

Ich glaube ja diesen ganzen Kram, dass wir an den schlechten Zeiten wachsen, und all dieses Blabla von wegen jede Erfahrung zählt and what doesn’t kill you makes you stronger, aber verdammt und fuck, wann kommen wieder die Tage, an denen ich mich fühlen kann als würde ich über eine verdammte Blumenwiese rennen mit wehendem Haar und flauschig schönen Gedanken? Wir wollen unser Märchen, also schaffen wir uns unser Märchen, wenn auch nur in unserer eigenen Welt, unserer Traumwelt.

Nun ja, ich denke jeder von uns hat tief in sich einen Traum. Vielleicht träumt er ihn auch schon so lange, dass er sich fragt, ob er jemals zur Realität werden wird. Ich denke es ist im Leben nicht entscheidend, dass Träume Realität werden, viel wichtiger ist, dass man welche hat. Ich könnte mir ein Leben ohne Träume und Wünsche nicht vorstellen. Sicherlich, die kalte und auch unberechenbare Realität packt einen Menschen immer wieder aufs Neue, doch ist es manchmal auch grade in einer etwas schwereren Zeit einfach sich mit Hilfe von Träumen wieder in eine Art Leichtigkeit zurück zu retten. Allein wenn ich mein eigenes Leben betrachte, kann ich wirklich nicht sagen, dass es voll mit Leichtigkeit war, jedoch habe ich meine Träume nie vergessen. Im Gegenteil: diese kleinen und auch großen Dinge waren es, die mir halfen mich selbst nicht zu verlieren, auch wenn ich schon oft vielleicht kurz davor stand.

Ich will ehrlich zu euch sein, das Leben ist mit Sicherheit nicht immer einfach und viele von euch mögen mich, meine Aussagen und meine Entscheidungen belächeln und mit einer Handbewegung (Vogelzeig) wegwischen wollen. Doch grade an euch möchte ich appellieren; träumt eure Träume weiter, auch wenn sie vielleicht nie wahr werden, aber sie werden euch helfen im Leben einfach mal in eine kleine heile Traumwelt entfliehen zu können und so die manchmal harte und kalte Realität besser meistern zu können… boooooo!!!! #HAPPYhalloween ❤

WARUM?!

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Verliebt. Verlobt. Verheiratet.
Und als nächstes, zum perfekten Glück, eine eigene Familie. Das war unser Wunsch.
Mit viel Hilfe wurde ich auch schwanger. Zwillinge. Die widerum viel zu früh auf die Welt kommen mussten. Denn bereits in der 19. Schwangerschaftswoche wurde ich stationär aufgenommen und ich hatte ANGST. Um diese 2 kleinen strampelnden Lebewesen in meinem Körper. Die Tage und Nächte waren schier endlos für mich. Nach 7 Wochen still liegen waren mein Rücken und Hintern wund gelegen. Und irgendwie war das Fieber, welches mich in der 26. Schwangerschaftswoche überkam wie ein (Alp-)Traum für mich, aus dem ich nicht mehr aufwachen wollte. Mit hoher Temperatur und am ganzen Körper zitternd wurde ich in den OP geschoben. Meine Hände lagen auf meinem Bauch, auf meinen Kindern, und dann kam Dunkelheit.

Diese Dunkelheit nahm mir eines der beiden Kinder für immer. Ich wurde wach, fasste mir auf den Bauch, auf dem Gewichte lagen. Ich fühlte mich leer, verloren und allein. Tränen fluteten mein Gesicht. Ich redete mir ein, ich würde bestimmt noch träumen. Wunschdenken. Die Krankenschwester, die neben mir stand, schien meine Gedanken lesen zu können. Sie schluckte schwer, schwieg aber. Dafür sprach mein Mann. Stockend. Der Junge hätte es nicht geschafft. Und das Mädchen würde noch um ihr Leben kämpfen, und er würde nun zu ihr gehen. Ich wurde auf mein Zimmer geschoben. Und ich betete. Das habe ich zuvor nie gemacht. Auch nachher nie mehr. Es war das Einzige, was mir in dieser Situation sinnvoll erschien. Was hätte ich sonst tun sollen?!

Irgendwann kam mein Mann ins Zimmer. Er sagte, dass die Schwestern und Ärzte meinen, wir sollten uns von unserem Sohn verabschieden. Wir brachen beide in Tränen aus. Und unsere Eltern, die im Türrahmen standen, mit uns. Was ich all die Wochen im Krankenhaus still vor mich hinliegend über gefürchtet hatte wurde wahr: ich habe es nicht geschafft die Kinder zu beschützen. Schlimmer noch. Der Tod nahm erneut Gestalt in meinem Leben an. NIE werde ich vergessen, wie eine Schwester mir das winzige, leblose, kleine Bündel auf meinen Arm legte. Es war nun bereits Ostersonntag im Jahr 2004. Von dem Tag an war mein Leben ein anderes.

Jeder war völlig überfordert. Vor allem wohl auch angesichts des Schmerzes der Anderen. Die Beerdigung des eigenen Kindes zu erleben, ist unvorstellbar grausam. Dieser Tag begleitet mich seither wie ein schwerer, dunkler Traum. Ich konnte mich körperlich kaum halten, hatte doch gerade erst einen Kaiserschnitt hinter mir, zudem lag ich sieben Wochen um das Leben meiner Kinder bangend wie ans Bett gefesselt im Krankenhaus. Mein Kreislauf, meine Muskeln, mein leerer Bauch und vor allem mein nun lebloses Herz machten mir diesen Tag Schwarz. Tiefschwarz. Ich habe mich nicht beschützt gefühlt. Im Gegenteil. Worte wie „Sabine, wie konnte das nur passieren.“ – „Hey, Du machst mir Kummer.“ – und vor allem das „WARUM?“ von allen Seiten liessen meine eh mir selbst auferlegten Schuldgefühle größer und größer wachsen. Ich war schließlich diejenige, die die 2 Kinder in sich trug. Habe ich mich falsch ernährt? Habe ich mich falsch bewegt? Habe ich…? WARUM NUR???

Es dauerte fünf Wochen, bis die Ärzte Entwarnung für unsere Tochter gaben. Fünf Wochen weitere Ungewissheit, die bei mir zudem eigentlich keine Hoffnung mehr zugelassen haben. Ich weiss noch, wie ich fast jede Nacht träumte, dass mein Sohn von oben als Engel seine Schwester zu sich nahm. Aber ich hatte niemanden mit dem ich über diese schwarzen Träume sprechen konnte. Meinen Mann wollte ich damit nicht belasten, denn er hatte mehr als genug damit zu tun, das zu verarbeiten, was er miterlebt hatte. Er war beim Tod des Sohnes dabei.

Mein Herz fuhr zweigleisig von dem Tag an, an dem ich meine Tochter endlich auf dem Arm halten durfte. Sie war gerade mal 30 cm klein, wog 800 Gramm, war an vielen Kabeln und Schläuchen angeschlossen, und trotzdem durchlief mich eine Wärme, die mir wieder Leben einhauchte. Eine kleine Flamme fing wieder in mir an zu zündeln, zu glitzern. Ich hatte ein Kind verloren und empfand tiefste Trauer und Wut und gleichzeitig war da trotzdem diese riesige Hoffnung und Liebe für meine winzig kleine Tochter, die hier auf meinem Oberkörper lag. Mir war nicht richtig klar, dass ich glücklich sein darf. Ich dachte, warum musste mein Sohn sterben und nicht ich? Warum soll ich weiterleben dürfen? Ich hatte keine erwachsenen Mechanismen in mir, die mir hätten sagen können, dass ich da keinerlei Macht oder Einfluss drauf habe. Und ja, es hat Jahre gedauert, bis ich kein schlechtes Gewissen mehr hatte, wenn es mir gut ging.

Nach einigen Wochen kam eine Freundin auf mich zu, die mir von ihrem Partywochenende erzählte. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir so etwas Banales erzählen konnte, angesichts dessen, was passiert war! Ich unterdrückte meine Wut und meine Tränen. Denn die Welt dreht sich weiter. Für alle. Und man will ja niemanden zur Last fallen. Also gewöhnte ich mir die Tränen ab. Geweint wurde nicht. Es wurde geschwiegen. Auch zwischen meinem Mann und mir. Die Zähne wurden zusammen gebissen. Wir funktionierten. Schlussendlich vor allem für die gemeinsame Tochter.

Mein Mann ging rasch wieder arbeiten. Eine Art Flucht, denke ich. Flucht vor der Trauer. Jeder verarbeitet anders. Ich lernte die Tränen und den Schmerz herunterzuschlucken. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das ohne professionelle Hilfe geschafft habe. Ich denke, dass meine Tochter mir geholfen hat. Sie war ein Extrem-Frühchen und brauchte all meine Aufmerksamkeit und vor allem all meine Liebe. Da war keine Zeit für Trauer.

Wir besuchten oft das kleine Grab. Aber sein Name, Mika, wurde nicht oft erwähnt. Schweigend Blumen einpflanzen, kleine Stofftiere hinlegen und eine Kerze anzünden. Aber im Alltag würde die Nennung seines Namens doch Wunden aufreissen und jeden mit dem eigenen Schmerz konfrontieren. In diesem Schweigen lag und liegt heute noch so viel Schweres, so viel Dunkles und so viel Angst. Jedenfalls bei mir. Die gemeinsamen Besuche am Grab wurden für mich zur Tortur. Schon auf dem Weg Parkplatzfriedhof hatte ich einen Kloss im Hals und wäre am liebsten wieder gefahren. Und doch habe ich mich jedesmal überwunden, denn ich hatte das Gefühl ich würde meinen Sohn nicht die Treue halten, wenn ich sein Grab nicht besuche.

Erst nach zehn Jahren habe ich mir professionelle Hilfe geholt und fing an zu sprechen. Und selbst hierzu war ich anfangs nicht imstande. Jahrelang trainiertes Schweigen und Schuldgefühle kann man nicht plötzlich ablegen. Aber ich habe an mir bzw. an der Trauer gearbeitet. Ich habe Konfrontation gesucht, gesprochen, Antworten und Erklärungen gesucht, habe gekämpft… und irgendwann: akzeptiert. ♥

 

Das hier ist meine Sicht der Dinge. Es gibt in der Familie durchaus andere Blickwinkel und Empfindungsweisen. Jede ist für sich gültig und bedeutungsvoll.

Und jetzt bin ich einfach mal traurig…

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Tatsache: Ich war immer jemand, der Depressionen lediglich für die Übersensibilität eines Hypochonders hielt, für eine dramatisierte Form der schlechten Laune. Hinzu kommt, dass ich Weinen, Tränen und Mundwinkel nach unten für „viel zu weich“ empfand. Stark MUSS man sein!

Tatsache ist auch: Ich habe kapituliert. Nach langem Kampf MUSSTE ich einsehen, dass mein Geist leidet. Trotz vermeintlicher Glitzerpflaster, die ich mir immer wieder stibitzte um nicht vom mittlerweile dunklen Alltag ins Schwarze abzutauchen.

Schwarz. Ich las letztens diese Worte, in denen ich mich wiederfand: „Schwarz ist eine Farbe. Die Farbe vom Wind, der nicht weht. Die Farbe von Licht, das nicht leuchtet. Und die Farbe von Feuer, das nicht wärmt.“

Ich habe Angst vor diesem Schwarz. Und nun habt bitte keine Angst um mich. Es ist nicht so, dass ich ständig traurig bin oder gar von Selbstmord rede. Nein. Ich bin viele Stunden am Tag eine überaus aktive, fröhliche Frau. Ich habe auch gelernt zu vertrauen, mich anzuvertrauen. Es wird mir von meinen Freunden lächelnd eine gewisse „Dummheit“ hintergesagt, bzw. ich brauche meist etwas länger um „abzuchecken“, aber gleichzeitig wird mir allgemeine Intelligenz zugestanden. Von daher: ich bin echt sowas von normal.

Und trotzdem hat mich eine tiefe, erschütternde (Selbst-)Unsicherheit im Griff. Wie ein Gift überkommt sie mich, ein Gift, das mich lähmt. Alle Kraft ist mit einem Mal spurlos verschwunden. Die berühmten Worte, die ich mittlerweile abartig hasse „Jetzt reiss Dich doch mal zusammen“, die ich so oft von aussen höre, schreie ich mir innerlich selber zu. Und es wird damit noch schlimmer. Mich selber noch weiter runterreissen. Herzlichen Glückwunsch für so viel Dummheit / Verzweiflung.

Auch heute wieder. Ich kämpfe gegen das Schwarz. Versuche mich hochzuziehen. Zwinge mich das Schwarz mit Weiss zu überdecken… auch wenn ich doch mittlerweile von einer Expertin gesagt bekommen habe, dass ich mir das Recht eingestehen DARF, das Schwarz NICHT mit Weiß zu überdecken. Denn daraus wird Grau. Und Grau ist nicht hübsch. Grau ist wie Sodbrennen. Wie eine verschleppte Grippe. Durchfall. Will keiner haben.

Was ich eigentlich schreiben wollte ist, dass es mir jahrelang schlechter ging, als ich gezeigt habe. Und dass ich mir sicher bin, dass es vielen Menschen so geht. Dass Grenzen, sei es auf Leistungs-, Schmerz- oder Kraftgrenze, schon längst überschritten wurden. Aber sie WOLLEN und MÜSSEN (ich hasse dieses Wort!) weiter funktionieren. Als Eltern, als Partner, auf der Arbeit oder als MENSCH.

Und damit verschenken wir die Chance glücklich zu sein!

Ich schäme mich dafür, dass ich die Krankheit „Depression“ immer noch nicht begriffen habe. Dass ich Menschen nicht ernst genommen habe, die darunter litten. Aber ich bin auch so ehrlich und gestehe mir ein, dass ich diese Krankheit wohl nie jemals begreifen werde. Das Wichtigste jedoch: ich habe begriffen dass es EINE KRANKHEIT IST. Eine ziemlich gemeine sogar. Denn sie kommt unerwartet, ohne jegliche Vorwarnung. Und es kann jeden treffen.

Was ich mir wünsche ist dass ihr euch öfters gönnt zu sagen:
Ich bin traurig.
Und ich will genau jetzt auch traurig sein.
Und nö! Ich werde nun nicht aufhören zu weinen.

Nehmt euch Zeit zum traurig sein, denn danach habt ihr mehr Zeit zum glücklich sein. Und umso mehr werdet ihr dieses Glück genießen. Mit jedem Atemzug, jedem Windhauch, jeden Sonnenstrahl und jedem wärmenden Feuer.

Glück

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Glück
Laut Wiki: Als Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens ist Glück ein sehr vielschichtiger Begriff, der Empfindungen vom momentanen bis zu anhaltendem, vom friedvollen bis zu ekstatischem Glücksgefühl einschließt, der uns aber auch als ein äußeres Geschehen begegnen kann, z. B. als glücklicher Zufall oder als eine zu Lebensglück verhelfende Schicksalswende. Glück darf nicht mit Glückseligkeit verwechselt werden, die meist in Zusammenhang mit einem Zustand der Erlösung erklärt und verstanden wird.
Das Streben nach Glück hat als originäres individuelles Freiheitsrecht Eingang gefunden in das Gründungsdokument der ersten neuzeitlichen Demokratie, in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Dort wird es als Pursuit of Happiness bezeichnet, ein Begriff aus der Feder von Thomas Jefferson.[1] Die Förderung individuellen menschlichen Glücksstrebens ist heute Gegenstand spezifischer Forschung und Beratung unter neurobiologischen, medizinischen, soziologischen, philosophischen und psychotherapeutischen Gesichtspunkten.
Das Wort „Glück“ kommt von mittelniederdeutsch gelucke/lucke (ab 12. Jahrhundert) bzw. mittelhochdeutsch gelücke/lücke. Es bedeutete „Art, wie etwas endet/gut ausgeht“. Glück war demnach der günstige Ausgang eines Ereignisses. Voraussetzung für den „Beglückten“ waren weder ein bestimmtes Talent noch auch nur eigenes Zutun. Dagegen behauptet der Volksmund eine mindestens anteilige Verantwortung des Einzelnen für die Erlangung von Lebensglück in dem Ausspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die Fähigkeit zum Glücklichsein hängt in diesem Sinne außer von äußeren Umständen auch von individuellen Einstellungen und von der Selbstbejahung in einer gegebenen Situation ab.

Mit der Hand streichel ich über meinen linken Fuss, er fühlt sich kalt an. Nicht so kalt, dass ich befürchten müsste, dass ich krank werde, aber eben kalt. Typisch Frau eben. Ich habe bereits eine erste Schicht Nagellack auf die Fußnägel gestrichen, Mit leichtem Schwung trage ich die zweite Schicht auf.

Die Farbe ist knallrot. Nicht zu dunkel, nicht zu hell. Irgendwo dazwischen. Ich rieche den Lack, deshalb sitze ich ja draussen auf der Terrasse. Ich möchte nicht das Haus vollstinken. Dann lieber eiskalte Füße am Sommeranfang-Abend im kalten Juni. In den Rillen des Nagelbettes sammelt sich die Farbe. Zu dick aufgetragen.

Ich kann es nicht lassen und tippe mit dem Zeigefinger in das frisch Lackierte. Nicht klebrig, nur ganz leicht feucht. Besorgt prüfe ich, ob ich meinen Fingerabdruck hinterlassen habe. Fingerabdrucke auf den lackieren Fußnägeln. Ungeschickt, kann ich. Jederzeit. Aber heute nicht. Wenn ich mich ein wenig zur Seite beuge, kann ich im nun aufkommenden Sonnenlicht sehen, dass es keine häßlichen Stellen im Lack gibt.

Ich bin zufrieden. Mit meinen eiskalten, frisch lackierten, knallroten Fußnägeln. Lächele GLÜCKlich. Die Nägel wieder hübsch und im gleichen Moment kommt die Sonne nochmal hervor.

Was ist Glück? Das habe ich schon viele gefragt. Aus Neugier. Die verschiedensten Beispiele und Situationen von verschiedensten Menschen. Glück ist: in die Augen meines Kindes zu sehen, die Sonne auf der Nase zu spüren, wenn das Abi gut gelaufen ist, der Fußballclub gewinnt, Sommerurlaubsmeeresrauschen, der Partner mich morgens verschlafen anlächelt. Glück scheint individuell, einzigartig und schwer zu definieren. Greifbar, teilbar, erklärlich durch Beschreibungen von Zuständen, Augenblicken, Erlebnissen.

Mein persönliches Glück empfinde ich, wenn ich ganz in einem Moment aufgehe. Absolut konzentriert bin auf das, was ich in diesem Augenblick erlebe. Ohne Gedanken daran, was man als nächstes oder stattdessen oder auch noch erledigen sollte, müsste, könnte. Nur weit entfernt plätschert der eine oder andere Nebengedanke leise dahin. Ich empfinde das leider nicht oft.

Vielleicht liegt das Glück im Vergessen. Für kleine Momente. Einfach zu fühlen, wie die Abendsonne nun doch noch kurz die kalten Füße wärmt und sich an der spontanen, nicht erwarteten Wärme, zu erfreuen. Für einen Augenblick, lang oder kurz, bevor einem bewusst wird, dass die Sonne nun im Abend untergeht.

Glück könne man nicht erzwingen, heißt es. Und so ist es auch. Umso schöner wenn es mich unerwartet überrascht. Dann schaue ich es lächelnd an und flüstere leise: „Hier hätte ich dich nicht erwartet, ich danke Dir!“

Zeit

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Die kleine Tochter traut sich neuerdings immer mal wieder im Alleingang etwas zu unternehmen. Wichtig sind ihr dabei aber klardeutliche Ansagen meinerseits. Sie fragt mehrfach nach WANN sie wieder am vereinbarten Treffpunkt sein soll und dabei geht ihr fragender Blick von mir auf ihre bunte neue Kinderuhr am Handgelenk. Vor einigen Tagen fragte sie mich abends im Badezimmer beim Ablegen der Uhr doch glattweg mit rümpfender Nase „Mama, warum gibt es eigentlich Zeit?“ Spontan antwortete ich aus dem Bauch heraus: „Damit nicht alles auf einmal passiert.“ Ich sah ihren Kinderkopf nicken. Sie gab sich mit meiner Antwort zufrieden.

Das Zufriedenheitsgefühl stellt sich aber nicht bei mir ein. Denn oftmals ist es so, dass wirklich ALLES AUF EINMAL PASSIERT! Liebe Zeit, wo bist Du da nur? Wo versteckst Du Dich? Da sind meine beiden Töchter, der Job, der Haushalt, der Garten, das Auto welches in die Werkstatt muss, die Freundin die grad Trost braucht, der Magen der knurrt, die Augen die zufallen und dringend Schlaf oder Kaffee brauchen. Da klingelt das Telefon denn die Mutter fragt nach dem Wohlbefinden, der Kalender zeigt an dass da diese Woche noch eine Blutabnahme für die große Tochter und ein längst fälliger Hautarzt-Termin für mich stehen, der Geburtstag eines Freundes, das Handy spielt die whattsapp Melodie denn die Freundin fragt ob ich für ein Sektchen vorbeikomme. Auf dem Weg nach draußen schaue ich in den Briefkasten und sehe Urlaubsprospekte und weiss dass dieser auch viel zu schnell näherrückt, ich aber bisher nicht dazu kam darüber nachzudenken wo es überhaupt hingehen soll.

Wenn ich das Wort ZEIT anschaue, kommen eigentlich nur Erinnerungen hoch. Ich empfinde Vergangenes. Und Respekt. Denn ich merke mit Blick auf meine Kinder, dass Zeit ihre wahre Größe doch erst zeigt je älter man wird. Und deshalb kann ich die Neugierde meiner kleinen Tochter gut verstehen, dass sie wissen möchte, warum es eigentlich Zeit gibt. Sie nimmt Zeit ganz anders wahr, denn sie hat genug davon. Meine Zeit jedoch ist knapp bemessen und ich meine hierbei nicht mein Lebensalter. Ich meine den Stress, den ich gerade habe. Ich schaue viel zu wenig auf die Gegenwart, sondern habe immer die Zukunft im Blick um mein Leben nicht aus den Fugen geraten zu lassen.

Wir waren alle mal Kind und haben die Welt täglich aufs Neue erlebt und sind an unseren Erfahrungen gewachsen. Und diese Wahrnehmung, die wir als Kind hatten, müßte eigentlich wach gehalten werden. Ich muss mir aber leider eingestehen, dass ich oftmals blind und taub durch diese viel zu laute und hektische Welt gehe. Und ich muss mit einem Kloss im Hals weiter zugestehen, dass einige Menschen, Dinge, Ereignisse, Probleme die vor einigen Jahren noch höchst präsent waren, heute wirklich Klein- oder Nichtigkeiten geworden sind. Heisst das also, dass Zeit Dinge nichtiger und kleiner werden lässt? Bin ich einfach vergesslich oder ein Meister im Verdrängen? Mit Schuldgefühlen kommt in mir ein „aber ich habe ein turbulentes und nicht einfaches Leben, und die Probleme sind jeden Tag von anderer Bedeutung. Und machmal läuft mir nunmal die Zeit davon um mich ewig mit ihnen auseinandersetzen zu können. Ich  möchte LEBEN!“ hoch.

Die kleine Tochter hätte weiter fragen können, was passieren würde wenn die Menschen alle Uhren verbannen. Obwohl, dazu gefällt ihr die neue Armbanduhr viel zu gut 😉 … aber ich wäre gern bei diesem Experiment dabei, sollte es je starten! Ich könnte dann endlich mal die Worte „STOPP, BITTE MAL LUFTHOLEN!“ oder einfach ein seufzendes „Es ist mir grad ALLES zu viel. HALT!“ ohne schlechtes Gewissen rauslassen. Es wäre wie ein die Lebensbatterie aufladen dann wenn sie es nötig hat. Und nicht mehr ein Leben auf den letzten Akkuprozenten. Eigentlich ein schöner Traum. Bei der nächsten „Nacht der Sternschnuppen“ werde ich mir die Zeit nehmen, um an diesen Wunsch zu denken wenn ich denn eine Glitzerschnuppe entdecken sollte. Gleich mal im Netz googlen wann die nächste Nacht ist und dann im Kalender eintragen… ach Moment, es klingelt grad an der Tür. Der Nachbar gibt mir seinen Haustür-Schlüssel, damit ich in den nächsten 2 Wochen an seine Blumen und Mülltonnen denke. Schnell mal notieren. Huch! Wieso schreibe ich grad das Wort HAMSTERRAD in den Kalender?! Tja nun…

Was ich mir wiederum vom gemeinsamen Leben mit der besonderen Tochter abgeschaut habe, ist dass man sich an den wenigen schönen Ereignissen hochziehen kann. Es sollte also auf die Zeitqualität ankommen. Und selbst wenn mal tage- oder gar wochenlang eine Scheisse nach der nächsten passiert… einfach im eigenem Kopf-Denkarium die Sonnentage hochholen, denen man eine sehr große Bedeutung beigemessen hat. Oder aber ganz nach meiner Lebensart: wegträumen. Mit Blick in den Horizont.

SCHÖNE Scheisse! 😉  #positivethinking