Archiv für den Monat Juni 2013

Vergnügungssucht

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Vergnügungssucht

Ich war letztes Wochenende unterwegs. Seit langem mal wieder. Ganze 40 Stunden keine Mutti sondern Frau on Tour. Auch nicht in der Heimatstadt unterwegs, falls mal etwas mit den Kindern sein sollte, sondern ein paar hundert Kilometer weit weg. Und soll ich Euch mal was sagen: ich gebe ungeniert zu, dass ich es genossen habe.

Vor 9 Jahren wurden mir die Augen für eine andere Welt geöffnet. Klar wusste ich, dass es auf dieser Welt Menschen mit Behinderungen gibt. Mir war durchaus bewusst, dass es diese Menschen nicht einfach haben und sich ihr Schicksal nicht ausgesucht haben. Aber: ich habe Angst (und ja: Schrecken) vor dieser Welt verloren. Ich habe meine Tochter Maja von Anfang an geliebt. Und es gab nicht einen Zeitpunkt in diesen 9 Jahren in denen es nicht so war. Ich habe unglaublich herzensgute Menschen kennen und lieben gelernt. Ich habe mit der Zeit meine Ruhe gefunden – hört sich vielleicht doof an. Aber dieses sichere Gefühl wurde mir von vielen Menschen bestätigt. Sie staunen über meine Geduld, die ich nicht nur Maja gegenüber bringe, sondern auch dem Alltag.

Mein Humor hat sich auch geändert. Auch merke ich in gewissen Situationen dass ich spöttisch sein kann. Lächelnderweise, nicht böse. Wenn einer Freundin im Karibik-Urlaub das Wetter und Essen nicht geschmeckt hat, sage ich ihr: „Und sonst? Dein Flugzeug ist nicht abgestürzt und an Malaria bist Du auch nicht erkrankt?!“

Ich kann natürlich bei meinen Freunden mitleiden. Ich habe Herz. Aber ich erlaube mir mittlerweile ab und zu eine Verweigerungshaltung. Seelsorger sollen auch mal andere spielen. Kuchen auf Schulfesten verkaufen können auch andere Mütter. Nicht bei jedem Elternstammtisch dabei sein und nicht bei jedem Sportfest die Stoppuhr bedienen müssen. Ich bin trotzdem nicht asozial.

Als Maja sechs wurde und auf die Förderschule kam, habe ich mir auch das erste mal erlaubt die sogenannten Betreuungskosten der Pflegestufe in Anspruch zu nehmen. In den Herbst-, Winter-, Oster- und Sommerferien besucht sie eine Woche lang für täglich 6 Stunden eine Ferienfreizeit der Lebenshilfe. Das sind 6 Stunden, die ich mir gönne. Weil ich weiss und sichergestellt habe, dass Maja in diesen 6 Stunden Spaß hat. Genau wie ich.

Diese 6 Stunden sind mein Vergnügen. Ich gehe Essen, besuche das Training meiner Lieblingsfußballmannschaft, gehe in die Bibliothek, Shopping, Freunde besuchen. Ich benötige diese 6 Stunden Vergnügen vielleicht nicht. Aber ich will sie!

Freunde. Das ist auch so eine Sache. Ich habe in diesen neun Jahren viele kommen und gehen sehen. Und auch da dazugelernt: ich erlaube mir mittlerweile Menschen nur mit diesem Wort anzusprechen, wenn es wirklich passt. Lieber ein paar wenige Freunde, die mich und meine Welt verstehen und akzeptieren, als welche die mich je nach Lust und Laune abwürgen. Dafür habe ich keine Zeit. Und drarauf habe ich keine Lust.

Vergnüngungssucht. Trotz einem Kind mit Behinderung und einem zweiten Wirbelwind im Hause. Das bin ich. Und ich mag mich. Trotzdem.