Archiv der Kategorie: Kleine Tochter

BegutACHTEN

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BegutACHTEN

Ich habe ein Faible für kaputte Menschen. Und ich liebe Dinge, die nicht spiegelglatt sind.

Ich mag Persönlichkeiten, die angekratzt wurden, gebrochen, zersplittert. Menschen, die sich selber wieder zusammensetzen mussten und dabei etwas Unglaubliches geschaffen haben. Ein neues Ich, bei dem das alte Selbst noch in jedem Baustein wohnt. Facettenreich, glitzernd, leuchtend. Konstrukte, die man sich so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Ich mag mich. 😉

Ich sitze mit einem lecker dampfenden Tee vor mir in der Küche und schaue auf die Fotos vom letzten Sonntag. Ein Ausflug ins zugeschneite Sauerland. Ein große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus beim Anblick der Schneebilder. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Bilder in meinem Kopf ein Glückskino abspielen würden. So schnell, dass mir fast ein wenig schwindelig wird, so wie bei der Abfahrt mit dem Schlitten auf der Rodelbahn. Die Bilder rauschen vorbei, ich höre das Jauchzen der besonderen Tochter die vor mir auf dem Schlitten sitzt, das Lachen der kleinen Tochter die stolz alleine vom Rodellift hochgezogen wird… eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.

Ich atme tief ein. Das Kino ist zu Ende. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht. So fühlt es sich an, mein Glück. Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiss, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.

Mein Blick schweift durch meine Küche. Er bleibt an einem Ordner mit einem rosa Etikett hängen. Dieser Ordner ist einer von fünfen. Als ich den ersten Ordner damals anlegte, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mal fünf und mehr sein werden. “Befunde Maja” steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Und trotzdem rosa. Kindlich. Mädchen-like. Der Inhalt lässt einen jedoch erstarren.

„Ihre Tochter hat eine geistige Behinderung“. Mit diesem Satz geriet meine Welt erneut aus den Fugen. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher. Man sei sich aber sicher. Man könnte diese Behinderung nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.

Die Behinderung meiner Tochter hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Tage, an denen Maja “austickt”. Momente, in denen Jenna es wirklich schwer hat mit ihrer besonderen Schwester.

Aber mein Blickwinkel hat sich verändert. Ja, ich pendel sozusagen zwischen 2 Welten. 2 Kinder, deren Entwicklung immer weiter auseinanderdriftet. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu händeln sind. Zwischen „Mama, Du musst nun mit mir viel Radfahren und auch Verkehrszeichen üben, damit ich in der Radfahrprüfung gut abschneide“ und “Vorsicht… Halt! Du musst LENKEN UND GLEICHZEITIG TRETEN auf Deinem Dreirad, Maja!” Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Denn in die Zukunft zu blicken macht mir Angst.

Ich habe mich mit unserem Schicksal angefreundet. Unser Leben ist für mich fast wieder normal. Es gibt immer mal wieder Freudensprünge weil Maja Fortschritte macht. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem es keine Fortschritte mehr gibt. Oder schlimmer noch, dass erneute schlimme Befunde kommen. Dass meine Welt erneut zusammenbricht. Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie der wunderschöne Sonntag im Schnee. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über das Jauchzen und Lachen meiner Töchter freue.

Wir 3 sind das schönste Chaos, das ich seit langem gesehen habe. Formen uns aneinander, beieinander. Wachsen dabei. Und lernen. Lernen einander zu lauschen und selber dafür zu verstummen. Genau daraus besteht es: unser Glück. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

Ich starre nochmal auf die Fotos vom gemeinsamen weissglitzernden Wintertag und begutACHTE unsere ganz eigene Harmonie.

Vielleicht muss man etwas nicht begreifen, um seine Schönheit zu verstehen.

Vielleicht sind wir einfach das. Wir. Und unser kleines Chaos.

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Zeit

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Die kleine Tochter traut sich neuerdings immer mal wieder im Alleingang etwas zu unternehmen. Wichtig sind ihr dabei aber klardeutliche Ansagen meinerseits. Sie fragt mehrfach nach WANN sie wieder am vereinbarten Treffpunkt sein soll und dabei geht ihr fragender Blick von mir auf ihre bunte neue Kinderuhr am Handgelenk. Vor einigen Tagen fragte sie mich abends im Badezimmer beim Ablegen der Uhr doch glattweg mit rümpfender Nase „Mama, warum gibt es eigentlich Zeit?“ Spontan antwortete ich aus dem Bauch heraus: „Damit nicht alles auf einmal passiert.“ Ich sah ihren Kinderkopf nicken. Sie gab sich mit meiner Antwort zufrieden.

Das Zufriedenheitsgefühl stellt sich aber nicht bei mir ein. Denn oftmals ist es so, dass wirklich ALLES AUF EINMAL PASSIERT! Liebe Zeit, wo bist Du da nur? Wo versteckst Du Dich? Da sind meine beiden Töchter, der Job, der Haushalt, der Garten, das Auto welches in die Werkstatt muss, die Freundin die grad Trost braucht, der Magen der knurrt, die Augen die zufallen und dringend Schlaf oder Kaffee brauchen. Da klingelt das Telefon denn die Mutter fragt nach dem Wohlbefinden, der Kalender zeigt an dass da diese Woche noch eine Blutabnahme für die große Tochter und ein längst fälliger Hautarzt-Termin für mich stehen, der Geburtstag eines Freundes, das Handy spielt die whattsapp Melodie denn die Freundin fragt ob ich für ein Sektchen vorbeikomme. Auf dem Weg nach draußen schaue ich in den Briefkasten und sehe Urlaubsprospekte und weiss dass dieser auch viel zu schnell näherrückt, ich aber bisher nicht dazu kam darüber nachzudenken wo es überhaupt hingehen soll.

Wenn ich das Wort ZEIT anschaue, kommen eigentlich nur Erinnerungen hoch. Ich empfinde Vergangenes. Und Respekt. Denn ich merke mit Blick auf meine Kinder, dass Zeit ihre wahre Größe doch erst zeigt je älter man wird. Und deshalb kann ich die Neugierde meiner kleinen Tochter gut verstehen, dass sie wissen möchte, warum es eigentlich Zeit gibt. Sie nimmt Zeit ganz anders wahr, denn sie hat genug davon. Meine Zeit jedoch ist knapp bemessen und ich meine hierbei nicht mein Lebensalter. Ich meine den Stress, den ich gerade habe. Ich schaue viel zu wenig auf die Gegenwart, sondern habe immer die Zukunft im Blick um mein Leben nicht aus den Fugen geraten zu lassen.

Wir waren alle mal Kind und haben die Welt täglich aufs Neue erlebt und sind an unseren Erfahrungen gewachsen. Und diese Wahrnehmung, die wir als Kind hatten, müßte eigentlich wach gehalten werden. Ich muss mir aber leider eingestehen, dass ich oftmals blind und taub durch diese viel zu laute und hektische Welt gehe. Und ich muss mit einem Kloss im Hals weiter zugestehen, dass einige Menschen, Dinge, Ereignisse, Probleme die vor einigen Jahren noch höchst präsent waren, heute wirklich Klein- oder Nichtigkeiten geworden sind. Heisst das also, dass Zeit Dinge nichtiger und kleiner werden lässt? Bin ich einfach vergesslich oder ein Meister im Verdrängen? Mit Schuldgefühlen kommt in mir ein „aber ich habe ein turbulentes und nicht einfaches Leben, und die Probleme sind jeden Tag von anderer Bedeutung. Und machmal läuft mir nunmal die Zeit davon um mich ewig mit ihnen auseinandersetzen zu können. Ich  möchte LEBEN!“ hoch.

Die kleine Tochter hätte weiter fragen können, was passieren würde wenn die Menschen alle Uhren verbannen. Obwohl, dazu gefällt ihr die neue Armbanduhr viel zu gut 😉 … aber ich wäre gern bei diesem Experiment dabei, sollte es je starten! Ich könnte dann endlich mal die Worte „STOPP, BITTE MAL LUFTHOLEN!“ oder einfach ein seufzendes „Es ist mir grad ALLES zu viel. HALT!“ ohne schlechtes Gewissen rauslassen. Es wäre wie ein die Lebensbatterie aufladen dann wenn sie es nötig hat. Und nicht mehr ein Leben auf den letzten Akkuprozenten. Eigentlich ein schöner Traum. Bei der nächsten „Nacht der Sternschnuppen“ werde ich mir die Zeit nehmen, um an diesen Wunsch zu denken wenn ich denn eine Glitzerschnuppe entdecken sollte. Gleich mal im Netz googlen wann die nächste Nacht ist und dann im Kalender eintragen… ach Moment, es klingelt grad an der Tür. Der Nachbar gibt mir seinen Haustür-Schlüssel, damit ich in den nächsten 2 Wochen an seine Blumen und Mülltonnen denke. Schnell mal notieren. Huch! Wieso schreibe ich grad das Wort HAMSTERRAD in den Kalender?! Tja nun…

Was ich mir wiederum vom gemeinsamen Leben mit der besonderen Tochter abgeschaut habe, ist dass man sich an den wenigen schönen Ereignissen hochziehen kann. Es sollte also auf die Zeitqualität ankommen. Und selbst wenn mal tage- oder gar wochenlang eine Scheisse nach der nächsten passiert… einfach im eigenem Kopf-Denkarium die Sonnentage hochholen, denen man eine sehr große Bedeutung beigemessen hat. Oder aber ganz nach meiner Lebensart: wegträumen. Mit Blick in den Horizont.

SCHÖNE Scheisse! 😉  #positivethinking

 

 

 

Fliehkraft und Erdanziehung

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Da ist er: der KURKOLLER. 14 Tage hat es gedauert bis ich (wie einige andere Mütter hier auch) in Tränen ausbreche. Bei einigen Müttern war es natürlich direkt am Anfang schwer als man sich vom Partner verabschiedete. Es flossen Tränen und das Vermissen setzte ein. Ich habe keinen Partner. Ich habe aber 2 Töchter, die mich in dieser Mutter-Kind-Kur bisher glücklich lachend begleiten.

Nach dem Frühstück verabschiedete sich die kleine Tochter mit Schulranzen bepackt Richtung „Piratenland“ hier auf dem Kurgelände. Die besondere Tochter brachte ich in die „Kajüten“ mitsamt ihrem Turn- und Schwimmzeug. Eine Einheit Einzel-Krankengymnastik und Bewegungsbad in der Gruppe mit anschließender Traumreise stehen auf ihrem Therapieplan. Für mich ging es auch sofort um 08:45 los Richtung Panorama-Raum zum Workshop „Nobody is perfect, Teil III“. Wir bekamen nach kurzem Rückblick auf die Termine I und II eine Skala, in der wir uns „ALLEIN“ einschätzen sollen.

Skala

Und schon bei dem Wort „ALLEIN“ kam bei mir Unwohlsein. Ich blickte mich um. Alle Mütter fingen an die 4 Punkte (Ich-Autonomie, Du-Bezogenheit, Ruhe-Beständigkeit und Bewegung-Veränderung) für SICH einzuzeichnen. Ich wiederum blockierte. Ich bin nicht allein. Ich habe eine geistig-behinderte Tochter die nie selbstständig sein wird. In Gedanken malte ich die Skala und mir schossen bei dem Ergebnis Tränen in die Augen. Da war sie: meine Verletzbarkeit. Ich sah auf dieser Skala, dass ich wenig bis gar nicht an mich denke. Dass Ruhe und Beständigkeit da sein MÜSSEN; Bewegung und Veränderungen kaum da sind. Ich riss mich zusammen und hörte halb abwesend weiter zu.

Die nächste Aufgabe sollte sein seinen Partner einzuschätzen. Passend dazu kullerten nun bei mir die ersten Tränen. Partner? Hab ich nicht. Es gab dann den Zusatz, dass man auch einen Menschen nehmen kann, der einem nah steht. Ich atmete auf und dachte an meine kleine Tochter. Ok, warum nicht? Also sah ich erneut auf die Skala hatte meine 8-jährige vor Augen. Ihr endlich ausgeprägtes ICH-Verhalten keimt in den letzten Monaten stark auf. Und darauf bin ich stolz. Ruhe und Beständigkeit ist bei diesem Wirbelwind eher selten der Fall. Deswegen auch ein hoher Wert bei der Bewegung-Veränderung. Ich malte nur im Kopf und fasste dieses Blatt Papier nicht weiter an, denn was das Ergebnis war: die Überschneidung zwischen meinen Werten (gemeinsam mit der besonderen Tochter) und der kleinen Tochter waren minimal. Sozusagen 2 Welten. Ich hörte wie die anderen Mütter fröhlich auf ihre Papiere blickten weil sie mit ihrem Partner viel gemeinsam hatten. Und ich wiederum war noch nicht mal in der Lage die Skala für MICH ALLEINE (weil ich eben mit der besonderen Tochter NICHT ALLEINE bin) auszuwerten. Ich stand einfach auf und verliess den Raum. Still. Leise. Suchte mir mein Eckchen und heulte los.

Ich denke es war nicht allein die Gewissheit die mir dieses Papier gab, dass ich in Tränen ausbrach. Ich bin mir meiner besonderen Lebenslage ja durchaus bewusst und verschließe nicht die Augen vor den 2 Welten, die ich immer wieder versuche mit einer Brücke für beide Seiten begehbar zu halten. Es war gewiss der sogenannte Kur-Koller der nun auch mich traf. Und ich darf weinen. Ich darf verletzbar sein. Und ich darf es auch zeigen. Ohne Scham. Und deshalb beruhigte ich mich nach ein paar Minuten und ging zurück in den Panoramaraum und erzählte kurz und knapp von meinem Problem mit dieser Aufgabe. Und ich hatte das Gefühl es lag Verständnis im Raum. Nicht zuletzt deshalb weil einige Mütter im Nachhinein auf mich zukamen und mich einfach umarmten oder mir ein Gespräch angeboten haben.

Ich habe später auch zum Phone gegriffen und mich „zuhause“ geöffnet und nicht einfach die Starke gespielt. Das habe ich lange genug getan. Und wenn ich weiter der „Fliehkraft (kleine Tochter)“ und der „Erdanziehung (besondere Tochter)“ gerecht werden will muss ich offen sein. Denn Offenheit an den richtigen Stellen zu wagen ist Stärke.

Ergebnis

Herbstsonnen

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Herbstsonnen

Es gibt nichts Schöneres als zu lachen.
Doch… wenn ich zu dritt lache. Mit meinen beiden Töchtern. Gemeinsam!

„Was macht eigentlich eine Mutter aus?“ frage ich mich im Halbschlaf. Die Haare strubbelig in alle Richtungen zeigend, ein Blick, der eine große Leere füllt und Augen, die denen einer müden Asiatin ähneln, ergeben das Bild, das mich nach dem Aufstehen zeigt. Meine Töchter sind weg. Im Urlaub. Ohne mich. Und ich schlafe nicht gut bis gar nicht. Zu still ist es. Im Haus.

Wenn ich den Aussagen der Elternratgeber glauben schenken darf, ist es die Fähigkeit auch in schwersten Zeiten stets die Ruhe zu bewahren, was eine gute Mutter ausmacht. Nun ja, meine große Tochter hatte in ihren ersten Lebensjahren Herzfehler, dazu schlimmste epileptische Krampfanfälle, ich habe immer noch einen gewissen Grad an Ruhe bewahrt. Meine jüngere Tochter erprobt seit gut 2 Jahren provokant „ihre Grenzen“ und es wird gewiss noch bis zum 18. Lebensjahr anhalten… zudem bin ich seit einiger Zeit alleinerziehend. Und trotzdem halte ich fest. An mir. Warum? Weil ich eben so bin, dafür gibt´s keine besonders einleuchtende Erklärung. Es gibt anscheinend nicht viele Dinge, dich mich so richtig zum Schwitzen bringen. Zwei Dinge fallen mir spontan ein. Das eine ist sicherlich der Drang, meinen Alltag niederzuschreiben. Tagebuch. Es beruhigt mich. Als würde ich durch das Niederschreiben Lasten loswerden. Das andere sind eigentlich 2 Gründe auf einmal: der eine Grund wurde mir erstmals mit zartzitternden 700 Gramm und angeschlossen an Maschinen und Sauerstoff in meine Arme gelegt. Und der andere Grund mit 4400 Gramm nach Muttermilch brüllend auf den Oberkörper mehr oder weniger geworfen. Meine Töchter. Sie sind die Gründe die mich Ruhe bewahren lassen, auch wenn sie es mir das Leben manchmal schwer machen. Die Gründe dich mich zum Ausrasten provozieren und gleichzeitig zur Ruhe und Vernunft kommen lassen. Und genau das ist doch unser Job. Als Mutter. Als Vater. Als Eltern.

Auch wenn ich mich manchmal wie eine erfahrene Mutter fühle, schaffen die 2 es doch, wie durch Zauberhand, dass ich mich wie ein Kind fühle. Wenn wir uns über „Jungs“ unterhalten, kann ich mir das Kichern nur schwer verkneifen. Wenn wir über den Weihnachtsmann, Osterhasen oder Hexen sprechen, bringen die 2 mich immer wieder an den Punkt an dem ich einfach mein Herz sprechen lasse. „Liebe, Glauben und Vertrauen sind so wichtig.“ Es ist so wunderschön die 2 täglich um mich zu haben. Sie schaffen es immer wieder durch ein kleines Lächeln oder Gestik Ruhe in meinen doch nicht so einfachen Alltag zu bringen und mein Leben von einem Checkpoint zum nächsten vorzustoßen.

Und ich glaube, die 2 wissen noch gar nicht, was für tolle Kinder sie sind. Beide haben riesige leuchtende blaue Augen und ein verzauberndes Lächeln. Finde ich jedenfalls. Ich liebe es, wenn sich beide morgens zur Schule verabschieden: mit einem dicken nassen Kuss. Noch ist die jüngere Tochter nicht in einem Alter, in dem sie sich schämt ihre Mama vor ihren Klassenkameraden zu küssen. Die ältere, geistig behinderte Tochter, umarmt, wenn dann richtig. Am liebsten minutenlang. Und diese Umarmung ist als würde die ganze lebhafte und laute Welt um einen rum stillstehen. Diese Umarmung schafft es, den schwierigen Alltag mit ihr auszugleichen. Sie gibt mir das Gefühl eine gute Mutter für sie zu sein. Ihre Umarmungen sind manchmal sogar so stark (sie kann ihre Kräfte nicht kontrollieren), dass sie weh tun. Aber das ist mir egal. Ich kann sie spüren. Sie lebt.

Die kleine Tochter hat vor kurzem mit ihren 8 Jahren die Ironie für sich entdeckt. Es gefällt mir, dass sie meinen Humor mittlerweile teilt, dass sie genau wie ich Wortspiele mag, dass sie spontan und flippig wird. Sie ist unkompliziert. Sie hat die Fähigkeit aus jeder Situation etwas Gutes gewinnen zu können, besitzt Leidenschaft, Offenheit und meist gute Laune.

Bald kommen die zwei aus ihren Urlauben zurück. Und noch im Spät-Herbst fahren wir drei gemeinsam in Mutter-Kind-Kur. Die Herbstsonne(n) an der Nordsee-Küste erleben.

In diesem Sinne:

Die Sonne scheint das ganze Jahr. Zweifach. Für mich.

Bild: Andrea Hüttermann

Bild: Andrea Hüttermann

Gib 8 auf Dich

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Ich gratuliere Dir heute von ganzem Herzen zu Deinem achten Geburtstag, liebe Jenna. Deine königsblauen Augen strahlen mittlerweile nicht nur für mich allein sondern sie erfreuen auch viele andere Menschen, die Dich genau so schätzen wie Du bist. Du bist mein Stolz, es ist mir eine Freude Dich zu beobachten und Dich zu erleben.

Du warst bereits als Baby aktiv, lustig und quirlig. Als Kleinkind ebenso munter und lernbegierig. Nur fehlte Dir oftmals Mut und Selbstvertrauen. Und diese zwei Eigenschaften kamen im letzten Lebensjahr zum Vorschein, zwar gepaart mit Neugier und Ungeduld, was mich oftmals an den Rand meiner Beherrschung brachte, aber ich habe aus vielen Situationen einfach mitgelernt.

Mittlerweile beschreitest Du eigene kleine Wege und ich bin beeindruckt wie Du als eines der jüngsten Kinder in der Klasse die Schule ohne grosse Hilfe meisterst, erste eigene Entscheidungen triffst, wie Du mit Menschen im Alltag umgehst und dich (teilweise noch chaotisch) selber organisierst. Deine Klassenlehrerin sagt Du hättest einen „Fühler“ dafür, wenn es Mitschülern nicht gut geht. Du stehst (egal wem) sofort zur Seite und bietest Deine Hilfe oder einfach deinen Arm an.

Dein Lachen ist herzerfrischend! Ich möchte dich weiter ermutigen, auf dein Gefühl zu vertrauen und auch das auszusprechen was dir missfällt – selbst wenn dies anderen unbequem erscheint.

Mein Sternchen, ich möchte dir heute Danke sagen! Für deinen Widerstand, dein Auflehnen, dein Protestieren. Für dein Vertrauen und deine bedingungslose Liebe!

Auf ewig deine Mama, ich bin stolz auf dich!

Der Geist

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Kinder und die dazugehören Viren, Krankheiten, Phasen, … Folge 1345

Heute vormittag kam ein Anruf aus der Grundschule. Ich solle bitte die kleine Tochter abholen, sie hätte Bauchweh. Ich düse zur Schule, renne hastig über den Schulhof und hinein in das Klassenzimmer der 2a. Die Kinder sitzen gerade im Stuhlkreis und in der Mitte liegen allerlei Herbstlaub, Nüsse und Kürbisse. Ich schaue auf meine Tochter, die wie ein Schluck Wasser in der Kurve und blass um die Nase, auf ihrem Stuhl sitzt. Nix mehr da von ihrem inneren Wirbelwind. Sie steht sogleich auf und packt ihre Schultasche. Aus dem Stuhlkreis kommt ein ‚Gute-Besserungsruf‘ zu meiner Tochter, der mich zusammenzucken lässt: „Es ist ja nur Dein Bauch, nicht der Geist wie bei Deiner Schwester. Ich hoffe, du bist morgen wieder da.“ Ich schaue, woher diese Worte kamen und sehe ein kleines Mädchen, die wirklich mitleidig traurig schaut. Der Gesichtsausdruck dieses Mädchens lässt mich erstmal wieder ruhiger werden. Zudem möchte ich nun wirklich, dass das kleine Bauchwehkind schnell nachhause kommt.

Zuhause angekommen ziehe ich der Tochter erstmal eine gemütliche Hose an und lege sie mitsamt einem wärmenden Körnerkissen auf den Bauch ins Bett. Und schaue ihr zu… beim Einschlafen. Währenddessen hallen die Worte des kleinen Mädchens in meinem Kopf umher. Es war sonnenklar, dass sie meine große Tochter mit „dem kranken Geist“ umschrieb. Und dass dieser ja nicht vergeht wie ein bisschen Bauchweh. Ich nahm mir vor, mit der kleinen Tochter darüber zu sprechen wenn sie nachher wach wird. Ich weiss, dass sie ihre Schwester überall und jederzeit ins gute Licht stellt. Aber ich denke, dass dieses Thema „Geist“ auch schnell falsch verstanden werden kann.

Nach einer guten Stunde öffnet sich die Küchentür und die kleine Tochter kommt angeschlufft, umarmt mich und sagt, dass sie Durst hat. Ich nehme ein Glas Wasser und mache es mir mit ihr auf der Couch bequem. Wir kuscheln uns aneinander und ich frage sie, ob sie die Bedeutung „geistige Behinderung“ versteht. Sie nickt sogleich und fängt an zu plappern: „Klar, Mama. Wir alle haben einen Geist. Und der von Maja ist behindert.“ Große Kinderaugen schauen mich an. Weil ich erstmal sprachlos nachdenklich bin, plappert sie weiter. „Sowas wie einen Schutzengel! Und Maja´s Geist hat ja schon genug mitgemacht. Deswegen kann er nicht so viel wie andere. Und wir müssen mehr auf Maja aufpassen, damit ihr nichts passiert.“ Ich schlucke schwer. Zittere innerlich. Und bin nicht zu mehr imstande, als die kleine Tochter noch fester zu umarmen. Nie habe ich eine schönere Umschreibung der „geistigen Behinderung“ gehört. Meine Augen füllen sich mit Tränen, und auch hier hat die kleine Tochter eine Lösung. Lächelnd meint sie, dass ich ihr doch lieber eine Geschichte vorlesen könne. Ihrem Bauch würde es schließlich schon viel besser gehen und es gäbe somit keinen Grund zum Weinen.

Passend zum Thema Geister und Schutzengel sucht sie sich die „Hexe Lilli“ aus. Und ich fange an vorzulesen. Das ist das Mindeste was ich machen kann… ihr vorzulesen soviel sie möchte. Als Dankeschön für ihre Stärke. Herzstärke.

Ein neues Schuljahr – Erwartungen

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Das neue Schuljahr hat begonnen. Nach über sechs Wochen Sommerferien kann ich für mich sagen: es wurde allerhöchste Zeit! Denn es musste dringend wieder ein Tagesrhythmus gefunden werden. Vor allem für die besondere Tochter.

Am zweiten Schultag der kleinen Tochter war in ihrer Schule die Einschulung der “I-Dötzchen”. Bei schönstem Sommerwetter wuselten die Erstklässler mit bunten Schultüten aufgeregt über den Schulhof. An den Gesichtern der Familienangehörigen konnte man Stolz und Freude ablesen. Über jedem Kopf eine riesige Sprechwolke mit dem großen Wort “Erwartung”.

Einen Tag später das gleiche Szenario an der Schule der besonderen Tochter. Einer Förderschule für Kinder mit besonderem Bedarf. Die Aufgabe dieser Schule ist die individuelle Förderung im Rahmen der geistigen Entwicklung. Und auch hier gab es natürlich bunte Schultüten mit den dazugehörigen aufgeregten Kindern. Was aber sofort ins Auge fiel: Es sind weitaus weniger Familienangehörige da. Meist ist nur ein Elternteil anwesend und bei zwei Kindern erkenne ich einen Kinderheimleiter. Und trotzdem hat die Schule es geschafft, eine familienähnlich warme und freundliche Atmosphäre zu schaffen. Lehrer, sonstiges Personal und auch die Schüler haben – bestimmt nicht nur für meine Augen – etwas Verzauberndes an sich. Vielleicht ist es auch einfach alles zusammen: Das Entgegenkommen, das Einfühlungsvermögen, die Gutmütigkeit… vielleicht sogar Dankbarkeit?! Ich weiß es nicht. Aber ich genieße dieses Gefühl immer vollstens.

In meinem Kopf und Herz schwirren gerade die bunten Bilder der Einschulungen meiner Töchter. Ich durfte beides erleben: Mit der besonderen Tochter einen Schultstart in einer Förderschule. Und mit der jüngeren Tochter einen Schulstart an einer Grundschule. Und ja: einmal erwartungsfrei und einmal erwartungsvoll.

Ich war frei von Erwartungen beim Schulstart von Maja, weil ich gelernt habe, alle großen Meilensteine der kindlichen Entwicklung Obelixmässig wegzukarren. Bei einem besonderen Kind, wie sie es ist, ist es besser, keine Ziele zu setzen, keine Ergebnisse zu erwarten, keine Diskussionen zu führen und erst Recht keine Vergleiche zu machen, das Wort Zukunft wirklich nur ein Wort sein zu lassen und die Gegenwart möglichst warm und rosa zu halten. Ich habe nun mal die langfristige Wahrheit ihrer Besonderheit vor Augen. Das Einzige was ich machen kann, ist meiner Tochter meine Liebe zu zeigen und ihr Zeit und vor allem Geduld zu geben. Sie immer wieder zu ermuntern das zu tun, was sie kann. Denn das macht sie glücklich. Auch wenn es noch so oft wiederholt wird, denn Wiederholungen geben ihr Sicherheit. Ich beobachte gerne, wie sie somit frei von Egoismus und Ehrgeiz ist. So ganz anders als wir.

Bei Jenna war ich natürlich am ersten Schultag genauso voller Erwartungen wie alle anderen Grundschuleltern auch. Weil ich weiß, dass sie ihre Flügel streckt, wächst, dazulernt und mit ihrem Können auftrumpfen wird. Es ist so wunderbar schön zu sehen, wie sie sich in dem 1. Schuljahr entfaltet hat. Wo vorher nur einzelne Buchstaben gelesen werden konnten, sind es nun kleine Geschichten, die selbständig abends vorm Zubettgehen aus ihren Lieblingsbüchern laut vorgelesen werden. Und selbst, wenn sie mal in der Schule nicht so gut mitkommen sollte: dann schraube ich die Erwartungen eben zurück. Mit dem wohlwissenden und dankbaren Gefühl, dass ich bei diesem Kind überhaupt Erwartungen stellen darf.

Nach dem Einschulungsgottesdienst der Förderschule bin ich noch ein wenig geblieben und habe weiter beobachtet. Mir hallten noch die Worte von einem Tag vorher im Kopf: Stundenplan, Bastelmaterial, Sitzordnung und Schultüteninhalt waren die Themen auf dem Schulhof der Grundschule. Hier aber unterhielten sich die Eltern der neuen Förderschüler darüber, welche Medikamente bei Anfällen am besten helfen und welche Schluckbeschwerden es bei den Mahlzeiten geben könnte. Ein kurzer Traumgedanke von mir war, dass alle Kinder GEMEINSAM auf einem Schulhof stehen. Aber dann wiederum schüttelte ich energisch den Kopf. Gespräche über Anfälle oder gar ein Anfall selber wäre zu furchteinflößend für die anderen Kinder. Unsere Momente der Trauer – ja, die haben wir Eltern eines besonderen Kindes, und die stehen uns meines Erachtens auch durchaus zu – wirken bestimmt befremdlich. Und umgekehrt wirken die “Alltagsprobleme” der Eltern auf uns teilweise lächerlich winzig. Es sind zwei Schulwelten. Und ich darf beide erleben. In einer Welt mit einem Blick auf die Gegenwart und in der anderen Welt mit einem kleinen Blick in die Zukunft. Ich besitze eine Entschlossenheit in beiden Welten loyal und liebevoll mein Elternsein auszuleben. Mit all der Menschlichkeit, die darin steckt.