Archiv für den Monat September 2015

Anleitung zum Glücklichsein

Standard

Die Regenbogenkinder meiner Stadt (eine Gruppe von Kids mit Handicap, die sich wöchentlich treffen um Spass miteinander zu haben) haben heute mal wieder ein besonderes Programm. Bei dem schönsonnigen Herbstmontag geht es nach draussen auf die Wiese um mit Pfeil und Bogen „zu spielen“. Dachte ich.

Ich hole jedenfalls um 18:30 eine glücklich lachende besondere Tochter vom Treff wieder ab. Alles wie immer eigentlich. Bis ich vorhin Fotos von einer der Betreuerinnen bekam. Meine Tochter mit „großem Bogen“ und „echten Pfeilen“… und die Fotos gingen mitten ins Herz. Volltreffer!

Wie mich dieses Kind glücklich und stolz macht ist irgendwie unfassbar. Wunderschön. Und ich merke immer mehr, dass sie es auf ihre Art schafft, nicht nur mich aufzuheitern. Sie schafft es mit fast allen Menschen. Und bei denen, wo es nicht klappt… die wollen einfach nicht glücklich sein. Glaub ich jedenfalls…. neee, bin ich mir sogar sicher.

Dabei ist ihr kleines Leben so einfach:

„Guck mal, die Sonne, Mama!“ und dabei ernst nickend zum Mond schauen,
verwirrt, und doch kannst Du wildfremden Menschen das Herz anvertrauen.
‚Ganz weit‘ wie Deine Schwester willst Du in den blauen Himmel hoch schaukeln
kannst es nicht, lässt aber trotzdem glücklich, ein wenig die Beine baumeln.
Jede kleinste Gelegenheit zum Lachen nutzen, bloß weil man’s kann.
Du hast es kapiert. Damit ziehst du alle Herzmenschen in Deinen Bann.

Vielleicht sollten wir alle mal einfach los und in Scharen
glücklich glucksend und grinsend Dreirad-Rennen fahren.
Entspannt im Snoezelraum liegend die warmen Lichter genießen,
und im Garten mit Selbstverständlichkeit auch das Unkraut gießen.
Bauchtanz, mitten in der Stadt, ohne in Scham zu versinken,
Augenglitzern, wie geliebte Discokugeln, allen zeigen wie sie blinken.

Ich bin ehrlich, habe vergessen, wie das alles funktioniert,
lebe erwachsen mein Leben, ja, oftmals resigniert.
Stets besorgt, nervös, werde ich irgendwo kritisiert?
Dumm von mir, so wird mein Glück stark limitiert.

Ich finde, wir sollten mal wieder ganz, ganz laut lachen,
über das Leben und uns und all diese Sachen:
Fahrt einfach, wie die besondere Tochter, Dreirad ohne zu bremsen,
tanzt Bauchtanz in der Stadt selbst wenn niemand will mit euch wechseln.
Seid mal leicht, ohne Nachzudenken, erlaubt das Gegenteil,
zielt, schießt mit dem Bogen, mitten ins Herz ♥ : den Glücks-Pfeil!

Pfeil&Bogen Mitten ins Herz

Pfeil&Bogen
Mitten ins Herz

Advertisements

Meilenstein Klassenfahrt

Standard

Wie die Zeit vergeht… Früher musste ich immer über diesen Satz lachen, wenn er ständig gesagt, und mir dabei übers Köpfchen gestreichelt oder ich erstaunt von oben bis unten gemustert wurde. Doch ist man selbst Mama, merkt man was dieser Satz wirklich bedeutet!

Letzten Monat, im wunderwarmschönen August, wurde die kleine Tochter neun Jahre alt. Das klingt nach einer sehr langen Zeit, dabei ist der heisse Fußballdeutschlandsommer 2006 doch noch gar nicht so lange her. Ich weiss noch genau, wie meine riesigen mit Wasser gefüllten Hobbitfüsse abends pochend vor sich hin glühten. Und nun wird das am 8.8. um 11:11 Uhr zur Welt gekommene 4,4 Kilobaby immer selbstständiger, will kein Kind mehr sein und braucht doch im nächsten Moment so sehr die Mama.

Der letzte Meilenstein war meines Erachtens der Schulstart vor drei Jahren. Und diesen Meilenstein hat sie wirklich klasse gemeistert. Die Noten sind in Ordnung und Kleinigkeiten wie das krakelige Schriftbild, sollte ich lernen nicht ganz so ernst zu nehmen.

Ich kann sagen, dass sie eine wunderbare Tochter ist, sie ist einfühlsam, clever, sensibel, wissenshungrig, phantasievoll und experimentierfreudig. Ich kann mich auf sie verlassen und sie ist eine unglaublich tolle Schwester und ich schätze ihren Sinn für Gerechtigkeit. Ich wünsche ihr und mir, dass sie einfach das tolle Mädchen bleibt, das sie ist.

Nun ist sie auf Klassenfahrt. Next Meilenstein. Fröhlich verließ sie das Haus, aber wurde dann von Minute zu Minute stiller. Aber als sie mit ihrem Rucksack in den Bus stieg, lächelte sie mir dann doch nochmal breit und selbstbewusst zu.

Sie hat ihren Koffer übrigens komplett alleine gepackt! Als sie in den Sommerferien mit der Familie ihrer besten Freundin verreist ist, hat sie das Packen noch nicht wirklich interessiert. Aber nun kam ein „Ich mache das lieber alleine, Mama, dann weiss ich was und wo alles ist und schließlich muss ich am Freitag auch wieder alles alleine einpacken!“ und ich habe ihr lediglich stolz über die Schulter geschaut und das Ganze beobachtet. Ich bin erstaunt, stolz und hingerissen davon wie sie sich entwickelt. Vielleicht auch deshalb, weil ich es von der großen, geistig behinderten Tochter, nicht kenne. Neuland, ist auch dieser Meilenstein für mich.
Es war erst von einigen Müttern geplant den Kindern einen Brief hinterherzuschicken. Aber funktioniert hat das Ganze dann doch nicht, deshalb möchte ich hier ein paar Worte, Gedanken, an meine „Tochter auf Klassenfahrt“ LOSLASSEN:

Liebe Jenna,
ich habe in Deinem Rucksack ein Foto von uns 3en versteckt. Ich denke, Du wirst es mittlerweile gefunden haben und es Dir entweder unters Kopfkissen, in Dein Buch als Lesezeichen oder vielleicht sogar zusammenfaltet in Deiner Hose mit Dir rumtragen.
Ich bin gespannt, was Du erzählen wirst, wenn ich Dich am Freitag an der Schule abhole, aber wie ich Dich kenne wirst Du extrem cool tun und mir vom Römerlager, Nachwanderung und den ganzen tollen Sachen berichten, die Du erlebt hast und erst abends beim Einschlafen wirst Du kuschelig und mir dann vielleicht erzählen, was Du gemacht hast, um Dein Heimweh zu bekämpfen.
Ich sage das nicht so richtig gern, aber ich muss zugeben, dass Du gerade dabei bist, ein bisschen erwachsener zu werden. Nicht nur, weil Du tatsächlich groß bist, Du kleine lange Trulla Du, nein: Du bist innerlich gewachsen.
Wenn Du am Freitag zurück kommst, werde ich Dir sagen, dass ich Dich wahnsinnig vermisst habe. Und Du wirst lachen, dass weiss ich, und wirst mich umarmen und in deiner unvergleichlichen Art die Augen verdrehen und grinsend „Orrrrrr, Mama!“ sagen. Ich werde Dir sagen dass ich Dich lieb habe und dann essen wir beide wie vereinbart einen Pommdöner bei Deinem Lieblingsimbiss. Im Anschluss geht’s dann nachhause wo ich Dich wieder mit Deiner Dich schwer vermissenden Schwester teilen muss.

Kuss für meine Kleinegrosse :-*

WARUM?!

Standard

Verliebt. Verlobt. Verheiratet.
Und als nächstes, zum perfekten Glück, eine eigene Familie. Das war unser Wunsch.
Mit viel Hilfe wurde ich auch schwanger. Zwillinge. Die widerum viel zu früh auf die Welt kommen mussten. Denn bereits in der 19. Schwangerschaftswoche wurde ich stationär aufgenommen und ich hatte ANGST. Um diese 2 kleinen strampelnden Lebewesen in meinem Körper. Die Tage und Nächte waren schier endlos für mich. Nach 7 Wochen still liegen waren mein Rücken und Hintern wund gelegen. Und irgendwie war das Fieber, welches mich in der 26. Schwangerschaftswoche überkam wie ein (Alp-)Traum für mich, aus dem ich nicht mehr aufwachen wollte. Mit hoher Temperatur und am ganzen Körper zitternd wurde ich in den OP geschoben. Meine Hände lagen auf meinem Bauch, auf meinen Kindern, und dann kam Dunkelheit.

Diese Dunkelheit nahm mir eines der beiden Kinder für immer. Ich wurde wach, fasste mir auf den Bauch, auf dem Gewichte lagen. Ich fühlte mich leer, verloren und allein. Tränen fluteten mein Gesicht. Ich redete mir ein, ich würde bestimmt noch träumen. Wunschdenken. Die Krankenschwester, die neben mir stand, schien meine Gedanken lesen zu können. Sie schluckte schwer, schwieg aber. Dafür sprach mein Mann. Stockend. Der Junge hätte es nicht geschafft. Und das Mädchen würde noch um ihr Leben kämpfen, und er würde nun zu ihr gehen. Ich wurde auf mein Zimmer geschoben. Und ich betete. Das habe ich zuvor nie gemacht. Auch nachher nie mehr. Es war das Einzige, was mir in dieser Situation sinnvoll erschien. Was hätte ich sonst tun sollen?!

Irgendwann kam mein Mann ins Zimmer. Er sagte, dass die Schwestern und Ärzte meinen, wir sollten uns von unserem Sohn verabschieden. Wir brachen beide in Tränen aus. Und unsere Eltern, die im Türrahmen standen, mit uns. Was ich all die Wochen im Krankenhaus still vor mich hinliegend über gefürchtet hatte wurde wahr: ich habe es nicht geschafft die Kinder zu beschützen. Schlimmer noch. Der Tod nahm erneut Gestalt in meinem Leben an. NIE werde ich vergessen, wie eine Schwester mir das winzige, leblose, kleine Bündel auf meinen Arm legte. Es war nun bereits Ostersonntag im Jahr 2004. Von dem Tag an war mein Leben ein anderes.

Jeder war völlig überfordert. Vor allem wohl auch angesichts des Schmerzes der Anderen. Die Beerdigung des eigenen Kindes zu erleben, ist unvorstellbar grausam. Dieser Tag begleitet mich seither wie ein schwerer, dunkler Traum. Ich konnte mich körperlich kaum halten, hatte doch gerade erst einen Kaiserschnitt hinter mir, zudem lag ich sieben Wochen um das Leben meiner Kinder bangend wie ans Bett gefesselt im Krankenhaus. Mein Kreislauf, meine Muskeln, mein leerer Bauch und vor allem mein nun lebloses Herz machten mir diesen Tag Schwarz. Tiefschwarz. Ich habe mich nicht beschützt gefühlt. Im Gegenteil. Worte wie „Sabine, wie konnte das nur passieren.“ – „Hey, Du machst mir Kummer.“ – und vor allem das „WARUM?“ von allen Seiten liessen meine eh mir selbst auferlegten Schuldgefühle größer und größer wachsen. Ich war schließlich diejenige, die die 2 Kinder in sich trug. Habe ich mich falsch ernährt? Habe ich mich falsch bewegt? Habe ich…? WARUM NUR???

Es dauerte fünf Wochen, bis die Ärzte Entwarnung für unsere Tochter gaben. Fünf Wochen weitere Ungewissheit, die bei mir zudem eigentlich keine Hoffnung mehr zugelassen haben. Ich weiss noch, wie ich fast jede Nacht träumte, dass mein Sohn von oben als Engel seine Schwester zu sich nahm. Aber ich hatte niemanden mit dem ich über diese schwarzen Träume sprechen konnte. Meinen Mann wollte ich damit nicht belasten, denn er hatte mehr als genug damit zu tun, das zu verarbeiten, was er miterlebt hatte. Er war beim Tod des Sohnes dabei.

Mein Herz fuhr zweigleisig von dem Tag an, an dem ich meine Tochter endlich auf dem Arm halten durfte. Sie war gerade mal 30 cm klein, wog 800 Gramm, war an vielen Kabeln und Schläuchen angeschlossen, und trotzdem durchlief mich eine Wärme, die mir wieder Leben einhauchte. Eine kleine Flamme fing wieder in mir an zu zündeln, zu glitzern. Ich hatte ein Kind verloren und empfand tiefste Trauer und Wut und gleichzeitig war da trotzdem diese riesige Hoffnung und Liebe für meine winzig kleine Tochter, die hier auf meinem Oberkörper lag. Mir war nicht richtig klar, dass ich glücklich sein darf. Ich dachte, warum musste mein Sohn sterben und nicht ich? Warum soll ich weiterleben dürfen? Ich hatte keine erwachsenen Mechanismen in mir, die mir hätten sagen können, dass ich da keinerlei Macht oder Einfluss drauf habe. Und ja, es hat Jahre gedauert, bis ich kein schlechtes Gewissen mehr hatte, wenn es mir gut ging.

Nach einigen Wochen kam eine Freundin auf mich zu, die mir von ihrem Partywochenende erzählte. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir so etwas Banales erzählen konnte, angesichts dessen, was passiert war! Ich unterdrückte meine Wut und meine Tränen. Denn die Welt dreht sich weiter. Für alle. Und man will ja niemanden zur Last fallen. Also gewöhnte ich mir die Tränen ab. Geweint wurde nicht. Es wurde geschwiegen. Auch zwischen meinem Mann und mir. Die Zähne wurden zusammen gebissen. Wir funktionierten. Schlussendlich vor allem für die gemeinsame Tochter.

Mein Mann ging rasch wieder arbeiten. Eine Art Flucht, denke ich. Flucht vor der Trauer. Jeder verarbeitet anders. Ich lernte die Tränen und den Schmerz herunterzuschlucken. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das ohne professionelle Hilfe geschafft habe. Ich denke, dass meine Tochter mir geholfen hat. Sie war ein Extrem-Frühchen und brauchte all meine Aufmerksamkeit und vor allem all meine Liebe. Da war keine Zeit für Trauer.

Wir besuchten oft das kleine Grab. Aber sein Name, Mika, wurde nicht oft erwähnt. Schweigend Blumen einpflanzen, kleine Stofftiere hinlegen und eine Kerze anzünden. Aber im Alltag würde die Nennung seines Namens doch Wunden aufreissen und jeden mit dem eigenen Schmerz konfrontieren. In diesem Schweigen lag und liegt heute noch so viel Schweres, so viel Dunkles und so viel Angst. Jedenfalls bei mir. Die gemeinsamen Besuche am Grab wurden für mich zur Tortur. Schon auf dem Weg Parkplatzfriedhof hatte ich einen Kloss im Hals und wäre am liebsten wieder gefahren. Und doch habe ich mich jedesmal überwunden, denn ich hatte das Gefühl ich würde meinen Sohn nicht die Treue halten, wenn ich sein Grab nicht besuche.

Erst nach zehn Jahren habe ich mir professionelle Hilfe geholt und fing an zu sprechen. Und selbst hierzu war ich anfangs nicht imstande. Jahrelang trainiertes Schweigen und Schuldgefühle kann man nicht plötzlich ablegen. Aber ich habe an mir bzw. an der Trauer gearbeitet. Ich habe Konfrontation gesucht, gesprochen, Antworten und Erklärungen gesucht, habe gekämpft… und irgendwann: akzeptiert. ♥

 

Das hier ist meine Sicht der Dinge. Es gibt in der Familie durchaus andere Blickwinkel und Empfindungsweisen. Jede ist für sich gültig und bedeutungsvoll.