Archiv der Kategorie: Besondere Tochter

Talente

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Talente

Während ich diese Zeilen tippe, schläft die besondere Tochter. Es war ein aufregender Tag. Sie ist wirklich fix und fertig. Gestern und heute war bei ihr an der Förderschule die „Show der Talente“. Der Ein oder Andere von euch wird jetzt gähnen. Von mir aus. Ich wiederum bin immer noch voller Begeisterung. Es waren Taschentuchmomente dabei. Und ich muss das irgendwie verarbeiten und somit dieser Blogpost.

EINE FÖRDERSCHULE (Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) LÄDT ZUR „SHOW DER TALENTE“! Eigentlich reicht das schon, mehr müsste ich gar nicht schreiben um euch die 2 Stunden irgendwie näherzubringen. Denn die Einen verdrehen nun die Augen. Und die Anderen wissen es war einfach so gut, so verdammt gut, dass ich gar nicht anders kann, als es mit euch zu teilen!

So gesehen bin ich die ersten 28 Jahren in meinem Leben mit Menschen mit Behinderungen NIE in Kontakt getreten. Bis sie vor mir lag im Inkubator, drei Monate vor Entbindungstermin: meine Tochter. Meine Liebe für sie war/ist von der ersten Sekunde an felsenfest und beständig. Egal ob ganz am Anfang mit Kabeln, Monitoren & Tubus oder jetzt mit zuckenden Bewegungen, lautierend wiederholenden sinnfreien Sätzen – glückliche Augen und Anderssein haben seit zwölf Jahren stetig einen Extra-Express-Eingang in mein Herz. Ganz egal wer!

Nachdem die Tochter vor nunmehr fünf Jahren an dieser Förderschule aufgenommen wurde, stand spätestens nach der Willkommensfeier (Kirche) fest, dass ich Jegliches mir Mögliches tun werde, um diese Lehrer, Praktikanten, Hilfskräfte und vor allem die Kids zu unterstützen. Das Lehrpersonal schon allein aus dem Grund, weil sie FREIWILLIG diesen Weg gewählt haben. Mir wurde ein besonderes Kind „zugeteilt“. Ich hatte gar keine Wahl.

Aber… zurück zur Talentshow. Meine Vorfreude machte mich tatsächlich ein bisschen nervös. Vielleicht auch ein bisschen sehr. Aber sie wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil:

Die Theater-AG eröffnete die Show mit „Watt´n Scheißtach“. Es kamen alltägliche und aktuelle, kurze, Szenen. Aneinandergereiht. Was alles so schief laufen kann wenn man morgens schon mit dem falschen Bein aufsteht. Kaffee schmeckt scheußlich. Der Mann meckert rum weil das Frühstücksspiegelei nicht schmeckt. Der Chef motzt weil die Akten nicht vollständig sind… und zu guter Letzt wird nachts der TV von Einbrechern geklaut: `nen Scheiss-Tag Deluxe. Die sechs Kids hüpfen von Szene zu Szene mit viel Motivation. Und dürfen am Ende SCHEISSE ins Mikro gröhlen. 😉

Die Bauchtanz-AG ist der 2. Akt. Und ja, meine Tochter, tanzt hier mit. Deswegen kann ich hierzu gar nicht viel schreiben. Die berühmten Schmetterlinge fliegen immer noch in mir, halten das Stolz- und Freudegefühl in mir aufrecht. Obwohl ich mit Sicherheit sagen kann, dass meine Tochter alles andere als synchron mitgetanzt hat, hat sie dennoch nicht dem Gesamtbild geschädigt. Es war geradezu putzig anzusehen, wie sie sozusagen in Zeitlupe immer gute zehn Sekunden dem Song bzw. den Bewegungen hinterherhinkte. Und ja, verdammt, es liefen Tränchen bei mir. Denn wer Maja kennt, weiss, dass sie sich eigentlich in nichts hineinpressen lässt. Sie hat ihren eigenen Willen. Und hier hat es anscheinend wirklich die Freude am Tanz und das Teamgefühl erreicht, dass sie mitmacht. Mittanzt. Der Song war übrigens: Lean on. PASST! https://www.youtube.com/watch?v=-AMc7KPOkbY

Kommen wir zum 3. Akt: Die Märchen-AG präsentiert die Traumfabrik. Hier wurde ein Video eingespielt, welches im Laufe des Schuljahres von der Märchen-AG erarbeitet wurde. Kleine Geschichten mit Playmobilfiguren, Schleichtieren, bemalten Ü-Eiern und ja: natürlich auch den Minions! 🙂
Eine wirklich wunderschöne Idee! Bildtechnisch super eingefangen, mit Stimmen und Geräuschen unterlegt. Es war eine Freude diesen kleinen Kinogenuss sehen zu dürfen.

Der 4. Akt lässt mich jetzt noch hachseufzen. Das Tanztheater präsentierte „Lebenslinien“. Zwölf Kids packten sinnbildlich ihre Kisten aus. Ihr Leben. Sowohl Körpersprache, Mimik als auch kleine Gesprächsszenen liessen uns Zuschauer die bisherigen Lebenslinien dieser Kinder entlangfahren. Babyfotos. Erste Freundschaften. Der erste Schultag. Streit. Was ihnen wichtig ist. Was sie noch vorhaben im Leben. Der Abschluss hier war nahezu perfekt als der gerade mal zwei Monate zurückliegende Besuch des Phantasialandes der letzte Punkt auf den Lebenslinien der Kids war. Sie setzten sich an den Rand der Bühne; legten sich die (unsichtbaren) Anschnallgurte der Black Mamba – Achterbahn – an und fuhren mit uns. Die Technik spielte hier die Geräusche der Achterbahn ein. Die Kids kreischten, lachten, flogen leicht nach links, nach rechts, die Arme gingen hoch, … unglaublich wie stark und tief sie sich hier fallen liessen. In ihr Leben. Wunderschön. Und GROSSartig.

Akt Nummer 5 wurde vom Deutschkurs der Familienklassen präsentiert. Der Titel war „Der Stärkste im ganzen Land“. Und ja, hier kam ich erneut in den Genuss meine Tochter auf der Bühne zu sehen. Sie spielte die 7 Zwerge. Die Grundlage zu diesem Stück ist das Buch von Mario Ramos aus dem Beltz Verlag. Wunderschön gewählt, wie ich finde. Denn gerade „besondere“ Kinder haben ja irgendwie mehr als das doppelte Ziel im Auge, wenn sie der Größte, der Stärkste oder der Wildeste sein wollen. Sie haben es schwerer. Klare Sache. Die Story wird hier heute vorgelesen. Die Kinder spielen wortlos. Denn hier wurden Kinder gewählt, die Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren. Aber sie machten es trotzdem verdammt gut, fand ich. Sie ließen sich nicht vom Publikum ablenken. Sie fanden den Mut sich dort oben im Rampenlicht zu präsentieren! Und ganz ehrlich: die Geschichte ging mir natürlich sofort ins Mutterherz, denn sie endet damit, dass dem Wolf gesagt bzw. bewusst wird, dass eine Mutter nunmal die Allerstärkste ist. Ich nicke hier beim Schreiben. Ja. Ich bin stark. Aber ohne meine 2 Töchter wäre ich keine Mutter! Die zwei stärken mich. Immer wieder. Ich wachse an und mit ihnen.

Zwischen Akt 5 und 6 trat noch spontan ein Schüler auf. Als Sänger. Und ich bin jetzt noch baff. Er wurde von einem jungen Mann mit Gitarre begleitet. Zwei Songs (Zombie und Ich wünsche Dir noch ein geiles Leben) wurden derart „frei“ gesungen, dass es selbst dem Gitarrenspieler eine mega Freude war ihn zu begleiten. Das Publikum sang und klatschte fasziniert mit. Das wiederum tat dem jungen Sänger derart gut, dass er mit einem Mal von der Bühne ging und zwischen den Zuschauerreihen spazierte bzw. performte und unbeirrt weitersang. DSDS, The Voice und wie sie alle heissen… man könnte ihn SOFORT dorthinschicken.

Akt 6 war dann mit der Schülerband der Abschluss der Show. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard und vier Sängerinnen. Der Song von Revolerheld „Lass uns gehen…“ war auch hier gut gewählt. Ein schöner Abschluss. Wieder sang und schunkelte das Publikum mit. Ein tosender Applaus zeigte der Schülerband, dass sie es verdammt gut gemacht haben. Überhaupt überall schwebte Stolz in der Luft. Bei den Gästen, bei den Talenten, bei den Lehrern und Hilfskräften. Wunderschönes Gefühl. Gepaart mit ganz viel MITEINANDER und AUGENHÖHE. Hier war heute niemand unter- oder überfordert. (Außer ich vielleicht. Mir fehlten Taschentücher. Aber auch hier hat ein Schüler sofort bei meinem ersten Tränenausbruch gehandelt. Erst dachte ich, ich hätte ihn mit meinem Geheule erschrocken weil er so schnell davonlief. Aber er kam binnen zwei Minuten außer Atem zurück: mit Toilettenpapier. ♥).

 

show 1

 

 

Pinguin

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Osterferien 2016. Die Kinder möchten unbedingt Abenteuer, Erlebnisse, Action. Deshalb kam der Vorschlag Zoo. Der Gelsenkirchener ZOOM soll  endlich mal besucht werden. Die kleine Tochter hält den von mir ausgedruckten Flyer mitsamt Zookarte in der Hand und erzählt mir mit funkelnden Augen was von Alaska, Asien und Afrika; dass man im ZOOM alle drei Kontinente an einem Tag erleben kann.

Dieser Ausflug ist nun bereits über eine Woche her und ich muss sagen: es war wirklich ein wunderschöner Tag. Der ZOOM ist empfehlenswert, toll und wir werden ihn auf jeden Fall wieder besuchen.

Da ich den Zoo mit guten Freunden besucht habe, die ebenfalls Kinder dabei hatten, war die kleine Tochter immer gut beschäftigt. Sie und die zwei anderen Mädchen machten sozusagen ihre eigene Expedition 😉 … somit konnte ich der besonderen Tochter meine volle Aufmerksamkeit schenken. Ich weiss nicht warum, aber an diesem Tag taten es auch einige andere Leute (Wesen). Vielleicht war ich an diesem Tag auch einfach empfindlicher als sonst. Aber es waren wieder diese „Blicke“ auf Maja.

Im Nachhinein habe ich noch einige Mal mit der kleinen Tochter über den Zoobesuch gesprochen. Sie sagt, sie wäre die Löwin gewesen. Weil die so schön faul in der Sonne gelegen und manchmal wirklich laut gebrüllt hat. Und außerdem wäre das ja auch ihr Sternzeichen. Kinderlogik eben. Ich überlegte dann was denn Maja für ein Tier sein könnte. Und mir fiel spontan der Pinguin ein. Und dieser Gedanke lässt mich nicht los, denn irgendwie ist man als Pinguin ja auch merkwürdig. Klein, rund, watschelnd und die Flügel bringen sie auch nicht in die Luft. Der ZOOM hat ja auch Afrika. Und gerade da werden diese äußeren Erscheinungsmerkmale tragend. Ich stelle mir vor wie Maja bzw. ein Pinguin an den Giraffen vorbeiwatschelt und mitleidiges Lächeln zugeworfen bekommt. Wenn man sie denn von da oben überhaupt sehen will.

Und klar, Majas Schnabel passt denen auch nicht. Denn sie redet undeutlich und wiederholt meist die wenigen Worte bzw. Laute die sie kann. Aber trotzdem will der Pinguin da lang watscheln. Ist ja auch echt schön in Afrika. Und es gibt viel Neues zu sehen! Und ja, ein Pinguin kann keine Giraffe werden und auch kein Elefant sein. Maja wird immer watscheln. ABER habt ihr Maja schon mal im Wasser gesehen? Wie sie schwimmt, gleitet?! Ach  nein, klar. Denn das Wasser ist zu weit weg. Nie würde sich eine Giraffe auf den Weg zum tiefen Wasser machen. Viel zu gefährlich, man könnte sich ja auch so ein elend langes Bein auf dem Weg brechen, schließlich ist es ein „fremder“ Weg. Also nicht gerade abenteuerlustig, diese Giraffen. Darum verstört der Pinguin sie umso mehr (so habe ich die Blicke empfunden). Kein Verständnis für jemanden, der sein Element freiwillig verlässt.

Nun ja, schön ist es nicht, alleine durch Afrika zu watscheln. Aber allemal eine super Erfahrung. AN DER MAN WÄCHST! Unvorstellbar für die Giraffen, denn wozu sollten diese Riesen noch wachsen wollen? Nun, vielleicht blickt ihr das von da oben nicht, man wächst für sich, innerlich. Gerade durch die Begegnung mit Neuem, Fremden. Außerhalb der Komfortzone! Vielleicht werden irgendwann ein paar Giraffen, Löwen oder sonstige Tiere, nachdenken und bemerken, dass es ganz allein der innere Wille der Pinguine ist und eine riesige Kraft, die sie antreibt. Und dass sie ganz gut Schritt halten können, trotz Watscheln und fünffacher Anzahl Schritte pro zurückgelegter Meter.

Zwar ist es so, dass sie trotz mitgegebener Flügel keinesfalls fliegen können, aber dafür können sie damit prima durchs Wasser gleiten. Auch sind die Flügel dafür da, das Gleichgewicht zu halten, wenn sie im Wüstensand ins Straucheln geraten. Deswegen meine Bitte: UMDENKEN! Oder ist es zu fern, zu abstrakt, sich einen Pinguin im Wasser vorzustellen, wenn man in Afrika wohnt? Hmmm.. anscheinend. Leider. Einfacher ist es für einige Wesen, das Watscheln und Straucheln zu belächeln. Mir liegt das Wort „Arroganz“ auf der Zunge. Ein bitterer Geschmack.

Mir als Muttertier, bzw. Mutter eines Pinguins, war es bis vor einiger Zeit noch unbequem, von Euch von dort oben betrachtet zu werden und habe oft versucht, meinen Hals hoch zu strecken. Aber mittlerweile nehme ich es mir nicht mehr allzu sehr zu Herzen. Ich kann inzwischen laut bis zu euch hoch schreien… und ich schreie freundlich! Aber meinen Hals verrenke ich mir nicht mehr. Vielleicht beugt ihr euch mal runter? Wäre auch eine Möglichkeit. Ach nein, dann wirkt ihr ja kleiner, gerade der lange Hals macht euch ja so groß. Egal. WIR sind und bleiben Pinguine. ❤

 

Pinguin

Anders anders

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Vor kurzem war ich beruflich zu einem Workshop geladen. In der Vorstellungsrunde sollten wir ein wenig von uns erzählen. Ich tat dies. Stolz nannte ich die Namen und das Alter der zwei Töchter. An diesem Tag war ich zudem mutig genug, in einem Nebensatz, die geistige Behinderung meiner älteren Tochter zu erwähnen. Und wirklich war auch ein Kollege desselben Mutes unterwegs und sprach mich in der Pause auf die Tochter an. „Sie haben ein Kind mit Down-Syndrom?! Das wusste ich gar nicht.“ – Schweigen – meinerseits eher eine verdutzte, kurze Stille. Dann wiederum lächelte ich. Woher sollte er denn auch wissen… und antwortete: „Nein. Maja hat keine Trisomie 21. Sie ist anders anders.“ Seither geht mir dieses kurze Gespräch nicht aus dem Kopf. Denn es war nicht das erste Mal, dass sofort dieser Trugschluss gemacht wurde, meine Tochter hätte das Down-Syndrom sobald ich erwähne, dass sie anders ist.

Individualität. Jeder ist doch anders. Anderssein ist sogar cool, wenn die Merkmale des Andersseins mit dem Geschmack der breiten Masse einhergehen. Jedoch hört das coole Anderssein abrupt dort auf, wo wir es nicht mehr in der Hand haben diese Charakteristika, gerade des äußeren Erscheinungsbildes, zu bestimmen. Die eine Sache ist die, morgens zu entscheiden auf Make-up zu verzichten, statt in die feine Sekretärinnen-Bluse in den Kapuzen-Hoodie, anstelle in den Bänkerinnen-Rock in die Sporthose zu schlüpfen, Hackenschuhe gegen Sneakers zu tauschen oder damit leben zu müssen aufgrund äußerer Merkmale wie Gesichtsform, Augenpartie, Waschlappen-Zunge, immer und zu jedem Zeitpunkt aus der Masse rauszustechen.

Menschen mit Trisomie 21 geht es so. Sie sind gekennzeichnet von eben jenen Merkmalen, die jedermann direkt ins Auge fallen. Die übergroße Zunge, die besondere Lidfalte, die eher etwas kleinere Gestalt und der Gang wäre besonders, sagt man. Meine Tochter Maja hat diesen Gang. Und auch „andere“ äussere Merkmale wie Mandelaugen, eine etwas zu breite Nase, kleine Ohren und sie ist übergewichtig. Zudem hat sie auch dieses unglaublich bezaubernde, sonnige, lebensfrohe und positive Gemüt, das Menschen mit Trisomie 21 nachgesagt wird. Sie ist pure Herzlichkeit. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben, baut auf Vertrauen und glaubt immer an das Gute im Menschen.

Und trotzdem, wenn ich mal „kinderlos“ unterwegs bin, sehe ich diese besonderen Menschen kaum. Ich weiss als Mutter eines Kindes mit Schwerbehinderung, dass es im Integrativ-Kindergarten anfängt, mit der Förderschule weitergeht und meist mit Werkstatt, Küche oder Wäscherei endet. Es scheint Menschen mit äußeren „Anderssein“-Merkmalen fast verwehrt „normal“ aufzuwachsen. Dabei kann, möchte und will ich der großen breiten Masse ehrlich gesagt ein bedauerliches SCHADE entgegenschmettern, denn ihnen entgeht Warmherzigkeit. Empathie (zu lernen und zu leben). Verwantwortungsbewusstsein. Hilfsbereitschaft. Toleranz und ein Gemeinschaftsgefühl deluxe.

Und auch für Menschen wie meine Tochter wäre es schön, wenn sie ein noch größeres Umfeld hätte, das an sie glaubt und sich gegen alle Widrigkeiten für sie ensetzt. Wenn sie gefördert und gefordert wird, wie jedes Kind, dann steht auch ihr die Welt weitgehend offen. Und das ist auch Majas Wille. Das merke ich von Jahr zu Jahr mehr. Sie hat den unbändigen Willen, die Kraft und Energie dazuzugehören. Zu ALLEN.

VonEINANDER lernen. High-Level.

BegutACHTEN

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BegutACHTEN

Ich habe ein Faible für kaputte Menschen. Und ich liebe Dinge, die nicht spiegelglatt sind.

Ich mag Persönlichkeiten, die angekratzt wurden, gebrochen, zersplittert. Menschen, die sich selber wieder zusammensetzen mussten und dabei etwas Unglaubliches geschaffen haben. Ein neues Ich, bei dem das alte Selbst noch in jedem Baustein wohnt. Facettenreich, glitzernd, leuchtend. Konstrukte, die man sich so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Ich mag mich. 😉

Ich sitze mit einem lecker dampfenden Tee vor mir in der Küche und schaue auf die Fotos vom letzten Sonntag. Ein Ausflug ins zugeschneite Sauerland. Ein große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus beim Anblick der Schneebilder. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Bilder in meinem Kopf ein Glückskino abspielen würden. So schnell, dass mir fast ein wenig schwindelig wird, so wie bei der Abfahrt mit dem Schlitten auf der Rodelbahn. Die Bilder rauschen vorbei, ich höre das Jauchzen der besonderen Tochter die vor mir auf dem Schlitten sitzt, das Lachen der kleinen Tochter die stolz alleine vom Rodellift hochgezogen wird… eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.

Ich atme tief ein. Das Kino ist zu Ende. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht. So fühlt es sich an, mein Glück. Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiss, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.

Mein Blick schweift durch meine Küche. Er bleibt an einem Ordner mit einem rosa Etikett hängen. Dieser Ordner ist einer von fünfen. Als ich den ersten Ordner damals anlegte, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mal fünf und mehr sein werden. “Befunde Maja” steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Und trotzdem rosa. Kindlich. Mädchen-like. Der Inhalt lässt einen jedoch erstarren.

„Ihre Tochter hat eine geistige Behinderung“. Mit diesem Satz geriet meine Welt erneut aus den Fugen. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher. Man sei sich aber sicher. Man könnte diese Behinderung nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.

Die Behinderung meiner Tochter hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Tage, an denen Maja “austickt”. Momente, in denen Jenna es wirklich schwer hat mit ihrer besonderen Schwester.

Aber mein Blickwinkel hat sich verändert. Ja, ich pendel sozusagen zwischen 2 Welten. 2 Kinder, deren Entwicklung immer weiter auseinanderdriftet. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu händeln sind. Zwischen „Mama, Du musst nun mit mir viel Radfahren und auch Verkehrszeichen üben, damit ich in der Radfahrprüfung gut abschneide“ und “Vorsicht… Halt! Du musst LENKEN UND GLEICHZEITIG TRETEN auf Deinem Dreirad, Maja!” Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Denn in die Zukunft zu blicken macht mir Angst.

Ich habe mich mit unserem Schicksal angefreundet. Unser Leben ist für mich fast wieder normal. Es gibt immer mal wieder Freudensprünge weil Maja Fortschritte macht. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem es keine Fortschritte mehr gibt. Oder schlimmer noch, dass erneute schlimme Befunde kommen. Dass meine Welt erneut zusammenbricht. Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie der wunderschöne Sonntag im Schnee. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über das Jauchzen und Lachen meiner Töchter freue.

Wir 3 sind das schönste Chaos, das ich seit langem gesehen habe. Formen uns aneinander, beieinander. Wachsen dabei. Und lernen. Lernen einander zu lauschen und selber dafür zu verstummen. Genau daraus besteht es: unser Glück. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

Ich starre nochmal auf die Fotos vom gemeinsamen weissglitzernden Wintertag und begutACHTE unsere ganz eigene Harmonie.

Vielleicht muss man etwas nicht begreifen, um seine Schönheit zu verstehen.

Vielleicht sind wir einfach das. Wir. Und unser kleines Chaos.

Anleitung zum Glücklichsein

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Die Regenbogenkinder meiner Stadt (eine Gruppe von Kids mit Handicap, die sich wöchentlich treffen um Spass miteinander zu haben) haben heute mal wieder ein besonderes Programm. Bei dem schönsonnigen Herbstmontag geht es nach draussen auf die Wiese um mit Pfeil und Bogen „zu spielen“. Dachte ich.

Ich hole jedenfalls um 18:30 eine glücklich lachende besondere Tochter vom Treff wieder ab. Alles wie immer eigentlich. Bis ich vorhin Fotos von einer der Betreuerinnen bekam. Meine Tochter mit „großem Bogen“ und „echten Pfeilen“… und die Fotos gingen mitten ins Herz. Volltreffer!

Wie mich dieses Kind glücklich und stolz macht ist irgendwie unfassbar. Wunderschön. Und ich merke immer mehr, dass sie es auf ihre Art schafft, nicht nur mich aufzuheitern. Sie schafft es mit fast allen Menschen. Und bei denen, wo es nicht klappt… die wollen einfach nicht glücklich sein. Glaub ich jedenfalls…. neee, bin ich mir sogar sicher.

Dabei ist ihr kleines Leben so einfach:

„Guck mal, die Sonne, Mama!“ und dabei ernst nickend zum Mond schauen,
verwirrt, und doch kannst Du wildfremden Menschen das Herz anvertrauen.
‚Ganz weit‘ wie Deine Schwester willst Du in den blauen Himmel hoch schaukeln
kannst es nicht, lässt aber trotzdem glücklich, ein wenig die Beine baumeln.
Jede kleinste Gelegenheit zum Lachen nutzen, bloß weil man’s kann.
Du hast es kapiert. Damit ziehst du alle Herzmenschen in Deinen Bann.

Vielleicht sollten wir alle mal einfach los und in Scharen
glücklich glucksend und grinsend Dreirad-Rennen fahren.
Entspannt im Snoezelraum liegend die warmen Lichter genießen,
und im Garten mit Selbstverständlichkeit auch das Unkraut gießen.
Bauchtanz, mitten in der Stadt, ohne in Scham zu versinken,
Augenglitzern, wie geliebte Discokugeln, allen zeigen wie sie blinken.

Ich bin ehrlich, habe vergessen, wie das alles funktioniert,
lebe erwachsen mein Leben, ja, oftmals resigniert.
Stets besorgt, nervös, werde ich irgendwo kritisiert?
Dumm von mir, so wird mein Glück stark limitiert.

Ich finde, wir sollten mal wieder ganz, ganz laut lachen,
über das Leben und uns und all diese Sachen:
Fahrt einfach, wie die besondere Tochter, Dreirad ohne zu bremsen,
tanzt Bauchtanz in der Stadt selbst wenn niemand will mit euch wechseln.
Seid mal leicht, ohne Nachzudenken, erlaubt das Gegenteil,
zielt, schießt mit dem Bogen, mitten ins Herz ♥ : den Glücks-Pfeil!

Pfeil&Bogen Mitten ins Herz

Pfeil&Bogen
Mitten ins Herz

Zeit

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Die kleine Tochter traut sich neuerdings immer mal wieder im Alleingang etwas zu unternehmen. Wichtig sind ihr dabei aber klardeutliche Ansagen meinerseits. Sie fragt mehrfach nach WANN sie wieder am vereinbarten Treffpunkt sein soll und dabei geht ihr fragender Blick von mir auf ihre bunte neue Kinderuhr am Handgelenk. Vor einigen Tagen fragte sie mich abends im Badezimmer beim Ablegen der Uhr doch glattweg mit rümpfender Nase „Mama, warum gibt es eigentlich Zeit?“ Spontan antwortete ich aus dem Bauch heraus: „Damit nicht alles auf einmal passiert.“ Ich sah ihren Kinderkopf nicken. Sie gab sich mit meiner Antwort zufrieden.

Das Zufriedenheitsgefühl stellt sich aber nicht bei mir ein. Denn oftmals ist es so, dass wirklich ALLES AUF EINMAL PASSIERT! Liebe Zeit, wo bist Du da nur? Wo versteckst Du Dich? Da sind meine beiden Töchter, der Job, der Haushalt, der Garten, das Auto welches in die Werkstatt muss, die Freundin die grad Trost braucht, der Magen der knurrt, die Augen die zufallen und dringend Schlaf oder Kaffee brauchen. Da klingelt das Telefon denn die Mutter fragt nach dem Wohlbefinden, der Kalender zeigt an dass da diese Woche noch eine Blutabnahme für die große Tochter und ein längst fälliger Hautarzt-Termin für mich stehen, der Geburtstag eines Freundes, das Handy spielt die whattsapp Melodie denn die Freundin fragt ob ich für ein Sektchen vorbeikomme. Auf dem Weg nach draußen schaue ich in den Briefkasten und sehe Urlaubsprospekte und weiss dass dieser auch viel zu schnell näherrückt, ich aber bisher nicht dazu kam darüber nachzudenken wo es überhaupt hingehen soll.

Wenn ich das Wort ZEIT anschaue, kommen eigentlich nur Erinnerungen hoch. Ich empfinde Vergangenes. Und Respekt. Denn ich merke mit Blick auf meine Kinder, dass Zeit ihre wahre Größe doch erst zeigt je älter man wird. Und deshalb kann ich die Neugierde meiner kleinen Tochter gut verstehen, dass sie wissen möchte, warum es eigentlich Zeit gibt. Sie nimmt Zeit ganz anders wahr, denn sie hat genug davon. Meine Zeit jedoch ist knapp bemessen und ich meine hierbei nicht mein Lebensalter. Ich meine den Stress, den ich gerade habe. Ich schaue viel zu wenig auf die Gegenwart, sondern habe immer die Zukunft im Blick um mein Leben nicht aus den Fugen geraten zu lassen.

Wir waren alle mal Kind und haben die Welt täglich aufs Neue erlebt und sind an unseren Erfahrungen gewachsen. Und diese Wahrnehmung, die wir als Kind hatten, müßte eigentlich wach gehalten werden. Ich muss mir aber leider eingestehen, dass ich oftmals blind und taub durch diese viel zu laute und hektische Welt gehe. Und ich muss mit einem Kloss im Hals weiter zugestehen, dass einige Menschen, Dinge, Ereignisse, Probleme die vor einigen Jahren noch höchst präsent waren, heute wirklich Klein- oder Nichtigkeiten geworden sind. Heisst das also, dass Zeit Dinge nichtiger und kleiner werden lässt? Bin ich einfach vergesslich oder ein Meister im Verdrängen? Mit Schuldgefühlen kommt in mir ein „aber ich habe ein turbulentes und nicht einfaches Leben, und die Probleme sind jeden Tag von anderer Bedeutung. Und machmal läuft mir nunmal die Zeit davon um mich ewig mit ihnen auseinandersetzen zu können. Ich  möchte LEBEN!“ hoch.

Die kleine Tochter hätte weiter fragen können, was passieren würde wenn die Menschen alle Uhren verbannen. Obwohl, dazu gefällt ihr die neue Armbanduhr viel zu gut 😉 … aber ich wäre gern bei diesem Experiment dabei, sollte es je starten! Ich könnte dann endlich mal die Worte „STOPP, BITTE MAL LUFTHOLEN!“ oder einfach ein seufzendes „Es ist mir grad ALLES zu viel. HALT!“ ohne schlechtes Gewissen rauslassen. Es wäre wie ein die Lebensbatterie aufladen dann wenn sie es nötig hat. Und nicht mehr ein Leben auf den letzten Akkuprozenten. Eigentlich ein schöner Traum. Bei der nächsten „Nacht der Sternschnuppen“ werde ich mir die Zeit nehmen, um an diesen Wunsch zu denken wenn ich denn eine Glitzerschnuppe entdecken sollte. Gleich mal im Netz googlen wann die nächste Nacht ist und dann im Kalender eintragen… ach Moment, es klingelt grad an der Tür. Der Nachbar gibt mir seinen Haustür-Schlüssel, damit ich in den nächsten 2 Wochen an seine Blumen und Mülltonnen denke. Schnell mal notieren. Huch! Wieso schreibe ich grad das Wort HAMSTERRAD in den Kalender?! Tja nun…

Was ich mir wiederum vom gemeinsamen Leben mit der besonderen Tochter abgeschaut habe, ist dass man sich an den wenigen schönen Ereignissen hochziehen kann. Es sollte also auf die Zeitqualität ankommen. Und selbst wenn mal tage- oder gar wochenlang eine Scheisse nach der nächsten passiert… einfach im eigenem Kopf-Denkarium die Sonnentage hochholen, denen man eine sehr große Bedeutung beigemessen hat. Oder aber ganz nach meiner Lebensart: wegträumen. Mit Blick in den Horizont.

SCHÖNE Scheisse! 😉  #positivethinking