Archiv für den Monat Oktober 2017

Quasi alleinerziehend

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Quasi alleinerziehend

!!!! LESEBEFEHL !!!!

mutterseelesonnig

Da war er wieder, der Aufreger schlechthin: Alleinerziehende schreien bei so einer Aussage laut auf, verpartnerte Frauen versinken vor Scham im Boden ob dieser Frechheit: eine Frau in einer Beziehung bezeichnet sich als alleinerziehend. Dabei hat sie ja im Grunde recht, wenn man’s mal wörtlich nimmt: sie erzieht die Kinder alleine, den lieben langen Tag, weil der Gatte wegen seines Jobs abwesend ist.

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status. Im Steuerrecht gibt’s für Alleinerziehende einen Entlastungsbeitrag. Ja gut, der ist mickrig, aber er ist da. Und wenn das erste Kind 18 wird und noch zu Hause lebt, dann fällt der weg. Dann…

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I am – that´s enough

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„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Eine Frage, die von der netten Angestellten in der Bäckerei an mich geht. Eine Frage, die normal ist, die täglich ist, die zum Service gehört. Doch in diesem Moment kommen die Tränen und ich schlucke, kämpfe, blinzele sie weg und schüttele tapfer den Kopf. „Nein! Nein, sonst können Sie nichts für mich tun.“
Sie sieht mich an, prüfend, sieht die ungeweinten Tränen. Ich sehe, wie sie ihren Mund öffnet und wieder schließt, ohne etwas zu sagen. Nein. Sie kann nichts tun, nichts gegen diese Gefühle, die in diesem Moment in mir aufwallen, gegen das drohende Ersticken, die schrille Einsamkeit, die mich in diesem Moment runterreißt.
Ich drehe mich um, wende mich ab und verlasse den Laden. Hoch erhobenen Hauptes, den Blick geradeaus.
Und doch höre ich immer wieder diese Worte. ‚Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?‘
Vollkommen unverbindlich, belanglos, aber es trifft mich bis ins Herz. Sie begleiten mich durch den Tag, hallen immer wieder in meinem Kopf.

Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?

Nein. Denn ich muss ES alleine bewältigen.
All das muss ich alleine schaffen.  Aber Danke! Danke, dass Sie gefragt haben. Danke, dass Sie sich, wenn auch oberflächlich, für einen Augenblick für mich interessiert haben.

ES ist das hier: Mir stockt der Atem, schnürt sich zu einem dicken Knoten in meiner Brust, presst dagegen und für einen Augenblick bekomme ich kaum Luft. Es ist nur ein Moment, mal nur einen Wimpernschlag lang, mal eine Dauer von mehreren versuchten Atemzügen, in denen ich den inneren Schmerz spüre, ausgelöst von scheinbar nichts und manchmal von allem.
In diesem Augenblick ringe ich mit mir, meinem inneren Selbst. Ich ringe nach Luft, nach Verstand, nach dem Licht.
In diesem Augenblick überkommt mich die Dunkelheit mit einer ungeahnten Macht und in diesem Augenblick verspüre ich so viel Leid, so viel Kummer, so viel Erschöpfung, Hass und Wut auf mich selbst. Immer und überall die Schuld für alles bei mir zu suchen.
Ich ringe mit mir. Ich kämpfe dagegen an, versuche mein inneres Ich zu befreien und verkette mich gleichzeitig, lasse mich runter ziehen. Ich nenne es „Keller“.

Es ist wie die Raupe, die von der Spinne ins Netz gezogen wird. Die 8 flinken Hände der Spinne, die klebrigen Fäden, halten mich ab mich zu befreien, ich bin schlussendlich wehrlos. Ich werde verpackt wie in einen Kokon, es wird dunkel, ich möchte schreien, habe den Mund geöffnet, aber es ist nichts zu hören. All meine Luft entweicht mit einem stummen, ungehörten Schrei um Hilfe, nach Liebe, nach Sehnsucht, nach Akzeptanz, nach Verständnis, nach Hoffnung. Ein Schrei nach sich fallen lassen zu können, nicht stark sein zu müssen, nicht die Stütze sein zu müssen, sondern einfach nur… schwach, verletzlich und traurig.

Der Knoten tief in der Brust wächst immer weiter, wird größer und kann sich nicht lösen. Das Hirn will atmen, will Sauerstoff, doch die Kraft dazu beginnt zu versagen. Ich will schreien, will rufen, betteln im Geiste um die rettende, schützende Hand, die starke Schulter, ein Lächeln, das sagt, dass das Leben wieder besser wird, dass es wieder gut wird, während die innere Verzweiflung immer höher wird.

Dann ist da Stille.
Absolute, allumfassende Stille, ehe sich die Lungen mit Sauerstoff fühlen, der Knoten verschwunden ist, die Last auf der Brust geringer wird.
Stille.
Ich kann die Augen wieder öffnen, sehe klar und weiß, dass ich überlebt habe. Der endlos lange Augenblick ist vorüber, mein Leben geht weiter, die Spinne ist weg, das Netz der Dunkelheit kaputt und ich kann bald wieder lächeln, kann sogar wieder fröhlich sein. Wie heisst es so schön? Von der Raupe zum Schmetterling. Zwar kein wunderschöner, und auch nicht bunt. Aber ein Schmetterling.

Es sind immer wieder Schübe, die über mich kommen. Neue Netze, neue Spinnen.
Schübe, die die Augenblicke so schmerzhaft machen, so hart. Ich sehe mich jedes Mal fallen, fühle mich dem Schmerz so nahe und erwache oft mit Tränen, ehe der Geist langsam klarer wird, der Verstand wieder anfängt in normalen Schienen zu laufen und mir deutlich macht…
Ich lebe… einen Augenblick lang. Wieder völlig normal und angepasst.

Ich wische mir die Tränen weg, konzentriere mich wieder auf mein Tun und beginne die Welt um mich herum wieder mit anderen Augen zu sehen. Mit klaren Augen. In der Hoffnung, geliebt, gebraucht und geschätzt zu werden. Denn da hole ich mir meine Stärke.
Und doch überkommt mich der Schmerz immer wieder, immer wenn ich denke, dass ich doch mehr sein muss als Mutter, Tochter, Freundin. Immer dann, wenn ich denke, dass ich unzureichend bin, nicht dem Anspruch genüge. Wessen Anspruch? Meinem Anspruch. Aber… was habe ich schon groß für Ansprüche? Ich sehe meine unerfüllten Wünsche, Bedürfnisse, Träume. Feinsäuberlich weggesperrt, hinter Gittern und vor den Gittern noch eine Stahltür, damit nichts davon nach außen dringt, nichts davon laut werden kann. Pssssst. Leise. I am – that´s enough.

Einen Augenblick lang will ich wieder daran glauben. An die Liebe zu sich selbst, die Selbstakzeptanz, die eigene Aufrichtigkeit, wenn man sich im Spiegel betrachtet.
Bis ich wieder das Gefühl bekomme, genau jenes … (nicht) zu verdienen… (un)liebbar zu sein!
(Un)fähig, fest zu halten, zu lieben, zu begehren, aufrecht zu erhalten, was so kostbar ist, darum zu kämpfen oder gar daran zu glauben. ♥