Archiv für den Monat Oktober 2013

Der Geist

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Kinder und die dazugehören Viren, Krankheiten, Phasen, … Folge 1345

Heute vormittag kam ein Anruf aus der Grundschule. Ich solle bitte die kleine Tochter abholen, sie hätte Bauchweh. Ich düse zur Schule, renne hastig über den Schulhof und hinein in das Klassenzimmer der 2a. Die Kinder sitzen gerade im Stuhlkreis und in der Mitte liegen allerlei Herbstlaub, Nüsse und Kürbisse. Ich schaue auf meine Tochter, die wie ein Schluck Wasser in der Kurve und blass um die Nase, auf ihrem Stuhl sitzt. Nix mehr da von ihrem inneren Wirbelwind. Sie steht sogleich auf und packt ihre Schultasche. Aus dem Stuhlkreis kommt ein ‚Gute-Besserungsruf‘ zu meiner Tochter, der mich zusammenzucken lässt: „Es ist ja nur Dein Bauch, nicht der Geist wie bei Deiner Schwester. Ich hoffe, du bist morgen wieder da.“ Ich schaue, woher diese Worte kamen und sehe ein kleines Mädchen, die wirklich mitleidig traurig schaut. Der Gesichtsausdruck dieses Mädchens lässt mich erstmal wieder ruhiger werden. Zudem möchte ich nun wirklich, dass das kleine Bauchwehkind schnell nachhause kommt.

Zuhause angekommen ziehe ich der Tochter erstmal eine gemütliche Hose an und lege sie mitsamt einem wärmenden Körnerkissen auf den Bauch ins Bett. Und schaue ihr zu… beim Einschlafen. Währenddessen hallen die Worte des kleinen Mädchens in meinem Kopf umher. Es war sonnenklar, dass sie meine große Tochter mit „dem kranken Geist“ umschrieb. Und dass dieser ja nicht vergeht wie ein bisschen Bauchweh. Ich nahm mir vor, mit der kleinen Tochter darüber zu sprechen wenn sie nachher wach wird. Ich weiss, dass sie ihre Schwester überall und jederzeit ins gute Licht stellt. Aber ich denke, dass dieses Thema „Geist“ auch schnell falsch verstanden werden kann.

Nach einer guten Stunde öffnet sich die Küchentür und die kleine Tochter kommt angeschlufft, umarmt mich und sagt, dass sie Durst hat. Ich nehme ein Glas Wasser und mache es mir mit ihr auf der Couch bequem. Wir kuscheln uns aneinander und ich frage sie, ob sie die Bedeutung „geistige Behinderung“ versteht. Sie nickt sogleich und fängt an zu plappern: „Klar, Mama. Wir alle haben einen Geist. Und der von Maja ist behindert.“ Große Kinderaugen schauen mich an. Weil ich erstmal sprachlos nachdenklich bin, plappert sie weiter. „Sowas wie einen Schutzengel! Und Maja´s Geist hat ja schon genug mitgemacht. Deswegen kann er nicht so viel wie andere. Und wir müssen mehr auf Maja aufpassen, damit ihr nichts passiert.“ Ich schlucke schwer. Zittere innerlich. Und bin nicht zu mehr imstande, als die kleine Tochter noch fester zu umarmen. Nie habe ich eine schönere Umschreibung der „geistigen Behinderung“ gehört. Meine Augen füllen sich mit Tränen, und auch hier hat die kleine Tochter eine Lösung. Lächelnd meint sie, dass ich ihr doch lieber eine Geschichte vorlesen könne. Ihrem Bauch würde es schließlich schon viel besser gehen und es gäbe somit keinen Grund zum Weinen.

Passend zum Thema Geister und Schutzengel sucht sie sich die „Hexe Lilli“ aus. Und ich fange an vorzulesen. Das ist das Mindeste was ich machen kann… ihr vorzulesen soviel sie möchte. Als Dankeschön für ihre Stärke. Herzstärke.

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