Archiv für den Monat Dezember 2014

Schneckenhaus-Feelings

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Ich habe vor 8 Wochen in der Mutter-Kind-Kur mit „Nordic-Walking“ angefangen. Es hat mir Spass bereitet. Wir Mütter machten unsere Scherze über diese „Stöcker“ dass es den Kursleiter teilweise sprachlos machte und man konnte bei dem doch sehr gemütlichen Walken noch nebenbei quatschen. Der kalte November Nordseewind pfiff angenehm um die Nase und man freute sich nach dem 45-minütigen-Lauf auf die gemütliche Tasse heissen Tee im Anschluss.

Seitdem ich wieder zuhause bin habe ich bisher meinem Schweinehund keine Chance gegeben. Im Gegenteil: ich bin direkt auf´s Laufen umgestiegen. Zweimal die Woche springe ich (wirklich) freudig in die Laufschuhe und gebe Gas. Minimum fünf Kilometer anfangs. Mittlerweile verdoppelt auf zehn. Mein einziges Problem: ich darf nicht stehenbleiben und Pause machen. Dann ist sofort Game over. Warum auch immer… keine Ahnung. Ich komme dann nicht mehr rein in den Lauf, ich atme falsch und Seitenstiche quälen mich. Einfach durchlaufen ist deshalb meine Devise.

Vor ein paar Tagen hatte ich ganz am Ende meiner Strecke einen Laufpartner. Mich. Im Kleinformat. Als Schnecke. Sie überquerte den Joggingweg hier in meiner Stadt am schönen Auesee. Ich war fast fertig mit meinem Lauf und deshalb liess ich mich ablenken. Ich blieb stehen und liess meine Atmung flacher, ruhiger, werden und stellte mir dabei die Frage wie lange diese kleine Schnecke wohl für ihren Lauf braucht. Und wusstet ihr eigentlich, dass Schnecken kleine „Beinchen“ an den Seiten haben um sich abzustützen?! Es kamen weitere Jogger vorbei und ich stellte mich vor die Schnecke, damit sie ihren Lauf sicher vollenden konnte. Die anderen Läufer haben mich bestimmt für verrückt erklärt, aber ganz ehrlich: hätte ich ein Baustellenschild mit einer Schnecke drauf gehabt, ich hätte es aufgestellt. Denn ich sah mich in ihr…

… wie sie langsamst ihren Weg geht. Als hätte sie alle Zeit der Welt. Um nachzudenken. Zu grübeln. Zu träumen. Zu zweifeln. Wenn es draußen zu trubelig wird, Überreizung, Überforderung, kann man sich einfach ins Schneckenhaus zurückziehen. Da ich das aber nicht immer jederzeit und überall kann, ich habe nunmal leider kein Haus auf dem Rücken, wird mein Verhalten oftmals als scheinbare Schwäche angesehen. Ja, ich ermüde emotional schneller als andere Menschen. Ich heule oft, schnell und viel. Wenn Freude wiederum mehr als Freude ist, manchmal sogar eskaliert und ich positive Kleinigkeiten regelrecht feiere, wird Kummer hingegen manchmal zu Leid. Das ist nicht jedermanns Sache. Und damit habe ich in meinem Leben auch schon einige Menschen genervt. Aber ich glaube, dass meine Sensibilität auch Vorteile hat. Ich kann selbst gut einstudierte Maskeraden durchschauen. Und spüren wenn Sorgen darunter verborgen sind. Instinkthaft möchte ich immer helfen. Soweit ich kann.

So auch der kleinen Schnecke. Sie brauchte übrigens fast 20 Minuten für ihren Weg. Das war eine wundervolle „Meditation“. Mein Kopf-Yoga.