Schneckenhausmenschen

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Und ganz oft will man einfach gehen, flüchten. Weil man nicht verstanden wird. Weil man nicht geschätzt wird. Weil man provoziert, verletzt, bemitleidet, erdrückt, gemocht, gehasst, verdreht, verdrängt, betrübt, belogen, bedroht, gefeiert, verstanden, durchblickt, unsichtbar oder missachtet wird. Weil man geliebt wird. Weil man verliebt wird.

Aus so vielen unterschiedlichen Gründen, oder machmal nur aus einem, will man dann gehen. Einfach weg. Der tatsächliche Grund ist aber doch anders. Ist der wirkliche Grund nicht Überforderung?! Weil man nicht mehr weiter weiss. Und weil wir vielleicht sonst etwas sagen würden, was uns nachher leid tut. Später. Und weil wir niemanden verletzen wollen. Weil es viel erwachsener ist zu gehen. Weil der Klügere nachgibt. Weil wir gute Menschen sind. Weil wir uns im Griff haben.

Alles bullshit! Echt ey. Wir gehen, weil wir nicht mehr weiter wissen. Weil wir aus lauter Überforderung und Angst nicht wissen, OB WIR NOCH OKAY SIND. Wir gehen um zu sehen, ob unser Herz das aushält. Um uns zu schützen, um uns ins Schneckenhaus zurückzuziehen und zu hoffen, dass uns niemand kaputt tritt. Und um uns um jeden Preis zu schützen aus lauter Angst nicht zu überstehen was da auf uns zukommt. Die Erfahrung hat uns anscheinend gelehrt, dass man uns weh tun kann, wenn wir bleiben. Dass wir uns selbst weh tun, vielleicht viel mehr als zuvor, wenn wir gehen und uns „einschneckeln“ und den Rest der Welt ausschließen, davor verschließen wir die Augen, denn das haben wir ja unter Kontrolle. Es ist unsere Entscheidung wann uns etwas weh tut. Und wenn wir das selbst sein wollen, viel mehr als alle anderen, dann ist das autonom von uns befürwortet und die Diskussion für beendet erklärt. Punkt. Wir gehen.

Zu lernen zu bleiben ist schrecklich schwer. Man muss sich eingestehen, dass man zu oft geht, wo man lieber bleiben sollte. Man muss sich einreden, dass schon nichts passieren wird wenn man bleibt. Man muss die GRÖSSE haben zuzugeben, dass man überfordert ist. Man muss dem anderen offen legen, wie man sich fühlt. Man muss darauf vertrauen, dass der andere Verständnis zeigt. Man muss, man MUSS, MAN MUSS. Das führt dazu, dass man manchmal, wenn man noch nicht so geübt ist im Bleiben und Aushalten und Vertrauen, einfach da steht und nichts mehr tut:

Weil man gehen will. Aber nicht gehen will.

Und weil man nicht weiß, was man in der Situation sagt. Und weil man nicht groß genug ist um das innere Chaos offen zu legen. Und weil der andere zu streitend ist um es gut sein zu lassen. Und weil man zu rechthaberisch ist um klein bei zu geben. Und weil man jetzt schon Minuten lang da steht und nichts mehr gesagt hat und mit unentspanner Körperhaltung nur einen Fleck gleich über dem anderen anstarrt. Was sagt man da noch? Da braucht man ein wenig Unterstützung um bleiben zu können, weil man sich festgedacht hat.

Also liebe Schnecken, Schildkröten, Igel, schlaue Füchse, gute Giraffen, Streiter und Freunde und Kurzweiler und Schnelldenker und Vielredner und Überbügler und Dickköpfe und alle anderen. Auch wir selbst. Wenn ihr einen Schneckenhausmenschen kennt, diskutiert (nicht streiten) und vertragt euch. Und wenn er sich festgedacht hat und ihr wollt ihn aber behalten, dann helft ihm kurz aus dem tiefen Keller, gebt ihm kurz den Raum um zu Gedanken und Mut und Größe zu kommen und dann wird er bleiben und reden können. Mit ein bisschen Übung und ein bisschen Hilfe. Draußen ist doch auch viel schöner als im tiefen dunklen Keller.

Liebe Schneckenhausmenschen, es ist verdammmt gut, dass ihr so seid, auch dass ich so bin. Denn es schützt. Aber manchmal sind Größe und Mut und Gelassenheit und vor allem Bleiben angebracht. Denn manche Menschen wollen uns nichts Böses und alles wird viel viel schwerer, wenn wir gehen.

 

 

Talente

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Talente

Während ich diese Zeilen tippe, schläft die besondere Tochter. Es war ein aufregender Tag. Sie ist wirklich fix und fertig. Gestern und heute war bei ihr an der Förderschule die „Show der Talente“. Der Ein oder Andere von euch wird jetzt gähnen. Von mir aus. Ich wiederum bin immer noch voller Begeisterung. Es waren Taschentuchmomente dabei. Und ich muss das irgendwie verarbeiten und somit dieser Blogpost.

EINE FÖRDERSCHULE (Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) LÄDT ZUR „SHOW DER TALENTE“! Eigentlich reicht das schon, mehr müsste ich gar nicht schreiben um euch die 2 Stunden irgendwie näherzubringen. Denn die Einen verdrehen nun die Augen. Und die Anderen wissen es war einfach so gut, so verdammt gut, dass ich gar nicht anders kann, als es mit euch zu teilen!

So gesehen bin ich die ersten 28 Jahren in meinem Leben mit Menschen mit Behinderungen NIE in Kontakt getreten. Bis sie vor mir lag im Inkubator, drei Monate vor Entbindungstermin: meine Tochter. Meine Liebe für sie war/ist von der ersten Sekunde an felsenfest und beständig. Egal ob ganz am Anfang mit Kabeln, Monitoren & Tubus oder jetzt mit zuckenden Bewegungen, lautierend wiederholenden sinnfreien Sätzen – glückliche Augen und Anderssein haben seit zwölf Jahren stetig einen Extra-Express-Eingang in mein Herz. Ganz egal wer!

Nachdem die Tochter vor nunmehr fünf Jahren an dieser Förderschule aufgenommen wurde, stand spätestens nach der Willkommensfeier (Kirche) fest, dass ich Jegliches mir Mögliches tun werde, um diese Lehrer, Praktikanten, Hilfskräfte und vor allem die Kids zu unterstützen. Das Lehrpersonal schon allein aus dem Grund, weil sie FREIWILLIG diesen Weg gewählt haben. Mir wurde ein besonderes Kind „zugeteilt“. Ich hatte gar keine Wahl.

Aber… zurück zur Talentshow. Meine Vorfreude machte mich tatsächlich ein bisschen nervös. Vielleicht auch ein bisschen sehr. Aber sie wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil:

Die Theater-AG eröffnete die Show mit „Watt´n Scheißtach“. Es kamen alltägliche und aktuelle, kurze, Szenen. Aneinandergereiht. Was alles so schief laufen kann wenn man morgens schon mit dem falschen Bein aufsteht. Kaffee schmeckt scheußlich. Der Mann meckert rum weil das Frühstücksspiegelei nicht schmeckt. Der Chef motzt weil die Akten nicht vollständig sind… und zu guter Letzt wird nachts der TV von Einbrechern geklaut: `nen Scheiss-Tag Deluxe. Die sechs Kids hüpfen von Szene zu Szene mit viel Motivation. Und dürfen am Ende SCHEISSE ins Mikro gröhlen.😉

Die Bauchtanz-AG ist der 2. Akt. Und ja, meine Tochter, tanzt hier mit. Deswegen kann ich hierzu gar nicht viel schreiben. Die berühmten Schmetterlinge fliegen immer noch in mir, halten das Stolz- und Freudegefühl in mir aufrecht. Obwohl ich mit Sicherheit sagen kann, dass meine Tochter alles andere als synchron mitgetanzt hat, hat sie dennoch nicht dem Gesamtbild geschädigt. Es war geradezu putzig anzusehen, wie sie sozusagen in Zeitlupe immer gute zehn Sekunden dem Song bzw. den Bewegungen hinterherhinkte. Und ja, verdammt, es liefen Tränchen bei mir. Denn wer Maja kennt, weiss, dass sie sich eigentlich in nichts hineinpressen lässt. Sie hat ihren eigenen Willen. Und hier hat es anscheinend wirklich die Freude am Tanz und das Teamgefühl erreicht, dass sie mitmacht. Mittanzt. Der Song war übrigens: Lean on. PASST! https://www.youtube.com/watch?v=-AMc7KPOkbY

Kommen wir zum 3. Akt: Die Märchen-AG präsentiert die Traumfabrik. Hier wurde ein Video eingespielt, welches im Laufe des Schuljahres von der Märchen-AG erarbeitet wurde. Kleine Geschichten mit Playmobilfiguren, Schleichtieren, bemalten Ü-Eiern und ja: natürlich auch den Minions!🙂
Eine wirklich wunderschöne Idee! Bildtechnisch super eingefangen, mit Stimmen und Geräuschen unterlegt. Es war eine Freude diesen kleinen Kinogenuss sehen zu dürfen.

Der 4. Akt lässt mich jetzt noch hachseufzen. Das Tanztheater präsentierte „Lebenslinien“. Zwölf Kids packten sinnbildlich ihre Kisten aus. Ihr Leben. Sowohl Körpersprache, Mimik als auch kleine Gesprächsszenen liessen uns Zuschauer die bisherigen Lebenslinien dieser Kinder entlangfahren. Babyfotos. Erste Freundschaften. Der erste Schultag. Streit. Was ihnen wichtig ist. Was sie noch vorhaben im Leben. Der Abschluss hier war nahezu perfekt als der gerade mal zwei Monate zurückliegende Besuch des Phantasialandes der letzte Punkt auf den Lebenslinien der Kids war. Sie setzten sich an den Rand der Bühne; legten sich die (unsichtbaren) Anschnallgurte der Black Mamba – Achterbahn – an und fuhren mit uns. Die Technik spielte hier die Geräusche der Achterbahn ein. Die Kids kreischten, lachten, flogen leicht nach links, nach rechts, die Arme gingen hoch, … unglaublich wie stark und tief sie sich hier fallen liessen. In ihr Leben. Wunderschön. Und GROSSartig.

Akt Nummer 5 wurde vom Deutschkurs der Familienklassen präsentiert. Der Titel war „Der Stärkste im ganzen Land“. Und ja, hier kam ich erneut in den Genuss meine Tochter auf der Bühne zu sehen. Sie spielte die 7 Zwerge. Die Grundlage zu diesem Stück ist das Buch von Mario Ramos aus dem Beltz Verlag. Wunderschön gewählt, wie ich finde. Denn gerade „besondere“ Kinder haben ja irgendwie mehr als das doppelte Ziel im Auge, wenn sie der Größte, der Stärkste oder der Wildeste sein wollen. Sie haben es schwerer. Klare Sache. Die Story wird hier heute vorgelesen. Die Kinder spielen wortlos. Denn hier wurden Kinder gewählt, die Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren. Aber sie machten es trotzdem verdammt gut, fand ich. Sie ließen sich nicht vom Publikum ablenken. Sie fanden den Mut sich dort oben im Rampenlicht zu präsentieren! Und ganz ehrlich: die Geschichte ging mir natürlich sofort ins Mutterherz, denn sie endet damit, dass dem Wolf gesagt bzw. bewusst wird, dass eine Mutter nunmal die Allerstärkste ist. Ich nicke hier beim Schreiben. Ja. Ich bin stark. Aber ohne meine 2 Töchter wäre ich keine Mutter! Die zwei stärken mich. Immer wieder. Ich wachse an und mit ihnen.

Zwischen Akt 5 und 6 trat noch spontan ein Schüler auf. Als Sänger. Und ich bin jetzt noch baff. Er wurde von einem jungen Mann mit Gitarre begleitet. Zwei Songs (Zombie und Ich wünsche Dir noch ein geiles Leben) wurden derart „frei“ gesungen, dass es selbst dem Gitarrenspieler eine mega Freude war ihn zu begleiten. Das Publikum sang und klatschte fasziniert mit. Das wiederum tat dem jungen Sänger derart gut, dass er mit einem Mal von der Bühne ging und zwischen den Zuschauerreihen spazierte bzw. performte und unbeirrt weitersang. DSDS, The Voice und wie sie alle heissen… man könnte ihn SOFORT dorthinschicken.

Akt 6 war dann mit der Schülerband der Abschluss der Show. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard und vier Sängerinnen. Der Song von Revolerheld „Lass uns gehen…“ war auch hier gut gewählt. Ein schöner Abschluss. Wieder sang und schunkelte das Publikum mit. Ein tosender Applaus zeigte der Schülerband, dass sie es verdammt gut gemacht haben. Überhaupt überall schwebte Stolz in der Luft. Bei den Gästen, bei den Talenten, bei den Lehrern und Hilfskräften. Wunderschönes Gefühl. Gepaart mit ganz viel MITEINANDER und AUGENHÖHE. Hier war heute niemand unter- oder überfordert. (Außer ich vielleicht. Mir fehlten Taschentücher. Aber auch hier hat ein Schüler sofort bei meinem ersten Tränenausbruch gehandelt. Erst dachte ich, ich hätte ihn mit meinem Geheule erschrocken weil er so schnell davonlief. Aber er kam binnen zwei Minuten außer Atem zurück: mit Toilettenpapier. ♥).

 

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Traumhafte Erinnerung – erinnernde Träume

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Pfingstmontag. Beim Frühstück beschlossen wir gemeinsam das Planetarium in Bochum zu besuchen. Problemlos wurden online Tickets für die Musikshow „Tabaluga – und die Zeichen der Zeit“ gebucht, und schon beim Trailer auf der Homepage des Zeiss-Planetariums kamen Kindheitserinnerungen hoch.

Meine Eltern waren Peter Maffay Fans. (Und ganz ehrlich: es gibt weitaus Schlimmeres. Mein Musikgeschmack hat sich trotzdem anders entwickelt.) Jegliche Konzerte haben sie besucht, alle Platten / CDs gekauft. Und als Achtjährige wurde mir natürlich Tabaluga nicht vorenthalten. Vernunft und Fantasie wurden mir anhand der Reise eines kleinen Drachens erklärt. Und das wunderbarst. ♥

Mit einem wohligfreudigen Gefühl in der Magengegend fuhr ich mit beiden Töchtern die A2 Richtung Bochum. Ich hatte das Planetarium nur noch aus Schulzeiten in Erinnerung und war umso mehr positiv erstaunt, dass mich eine wahrhaftig moderne (Planeten)Welt empfing. Innerhalb kürzester Zeit (worüber ich sehr erfreut war, denn die besondere Tochter ist nicht gut im Warten) saßen bzw. lagen wir in unseren bequemen Sesseln unter dem Rundkuppel-Himmelsdach. Eine wirklich freundliche junge Dame empfing alle Besucher mit einer kurzen Erläuterung über den Ablauf der Show und dann ging es auch schon mit einem lauten Geschepper (Wecker) los. Tabaluga triftt auf seiner Reise viele Wesen; unter anderem auch den Tod. Hier hatte ich beide Töchter besonders im Auge, denn ich finde das Thema wirklich „schwierig“. Als Tabaluga sich nachts von seiner Reise nach der Zeit erholt, erscheint ihm Tyrion, sein Vater, im Traum. Eine Szene, in der ich schwer schlucken musste und auch Tränchen in den Augen hatte. Aber schon geht es weiter, die Frage ist ja noch nicht beantwortet: WAS ist Zeit? Und WER bestimmt sie? Und vor allem GIBT ES WAS STÄRKERES ALS ZEIT? Bei dieser Frage kommt natürlich die LIEBE dazu. Am Ende jedenfalls waren die Kinder und ich tief beeindruckt von dem Gesamtergebnis. Durch die Kuppel war es weder wie ein Kino-Film und wir brauchten auch keine 3-D-Brille; waren aber trotzdem mitten im Geschehen: im Raum und der Zeit. Verblüffend!

Nach der Vorstellung begleitete mich weiterhin dieses wohlige Gefühl. Sei es die traumhafte Erinnerung an meine Kinderzeit – oder aber der Blick auf meine Kinder, wie sie genauso fasziniert auf diese Tabaluga-Musikshow reagieren, wie ich es als Kind auf das erste Tabaluga-Album (auf Schallplatte) tat. Erinnerungen traumhaft wiederkehren zu lassen gibt die Schönheit der Augenblicke wieder.

Die kleine Tochter kam vorhin mit einem Babyfoto von mir in die Küche und lachte sich kruselig darüber, wie ich damals aussah. Kurze Zeit später lief im Küchenradio Bosse mit „Schönste Zeit“ und bei der Textzeile

„Was wir nicht können

ist irgendwas wiederholen

kein Augenblick kein Moment

kann sich je wiederholen

 

muss ich schwer schlucken. Denn sie ist so wahr. Und mehrmals wurde ich heute darauf aufmerksam gemacht. Erst Tabaluga. Dann das alte Kinderfoto. Nun singt Bosse es mir entgegen. Und immer um mich rum: meine Kinder. Und meine Kindheit.

Es gab kein Trash-TV. Kein Internet, Handy oder Spielekonsolen to go. Bei 90-60-90 dachte ich als junge Teenagerin nicht an Diät oder irgendwelche Traummasse um Jungs zu betören, sondern an ’nehme ich die 60er Kassette um meine Hits auf dem Radio aufzunehmen oder lieber die 90er Länge‘?! Ich bin jetzt als Mutter mal ganz ehrlich: die Zeiten für eine goldene Kindheit wie ich sie hatte sind leider vorbei. Aber ich kann meinen Kindern erzählen wie es war. Ich kann meine Erinnerungen weitergeben. Zum Beispiel wie es war bis zum Sonnenuntergang oder gar bis es ganz dunkel war, draussen täglich rumzutoben. Dass Mama mich suchen und reinzerren musste. Dass da kein Handy war mit dem sie mir eine whatsapp schreiben konnte, weil „DSDS“, „Germany´s next Topmodel“ oder sonstwas grad anfängt. All das werde ich nie vergessen.

Irgendwann war es soweit, auch meine Kindheit war vorbei, und Mutter & Vater schickten mich raus in „die große weite Welt“, oder ich entschied dass es soweit war. Eigentlich ein Kompromiss aus beidem. Jedenfalls hat meine Kindheit mich dazu gebracht auf mein Herz zu hören; auf meinen Herzschlag zu achten. Und was ich bisher in meinem Leben lernen musste ist, dass alles im Leben seine Zeit hat. Aber Peter Maffay kann es schöner als ich wiedergeben:

 

A und O, Liebe und Hass,
es gibt diesen Schlüssel für alles und jegliches Maß.
Es gibt die Treue, die Hoffnung und manchmal Versöhnung und Streit,
glaub mir, alles auf dieser Welt hat seine Zeit.

 

Es ist vielleicht nicht Profi-Mama-like, dieses „back to the roots“ Denken.  Und erst Recht nicht Bosse mit Peter Maffay in einem Blog-Artikel zu mixen. Aber ich mache das was mein Gefühl mir sagt: das Gute aus der Vergangenheit hervorholen um Frohsinn weiterzugeben. Hauptsache, es kommt von Herzen.

Pinguin

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Osterferien 2016. Die Kinder möchten unbedingt Abenteuer, Erlebnisse, Action. Deshalb kam der Vorschlag Zoo. Der Gelsenkirchener ZOOM soll  endlich mal besucht werden. Die kleine Tochter hält den von mir ausgedruckten Flyer mitsamt Zookarte in der Hand und erzählt mir mit funkelnden Augen was von Alaska, Asien und Afrika; dass man im ZOOM alle drei Kontinente an einem Tag erleben kann.

Dieser Ausflug ist nun bereits über eine Woche her und ich muss sagen: es war wirklich ein wunderschöner Tag. Der ZOOM ist empfehlenswert, toll und wir werden ihn auf jeden Fall wieder besuchen.

Da ich den Zoo mit guten Freunden besucht habe, die ebenfalls Kinder dabei hatten, war die kleine Tochter immer gut beschäftigt. Sie und die zwei anderen Mädchen machten sozusagen ihre eigene Expedition😉 … somit konnte ich der besonderen Tochter meine volle Aufmerksamkeit schenken. Ich weiss nicht warum, aber an diesem Tag taten es auch einige andere Leute (Wesen). Vielleicht war ich an diesem Tag auch einfach empfindlicher als sonst. Aber es waren wieder diese „Blicke“ auf Maja.

Im Nachhinein habe ich noch einige Mal mit der kleinen Tochter über den Zoobesuch gesprochen. Sie sagt, sie wäre die Löwin gewesen. Weil die so schön faul in der Sonne gelegen und manchmal wirklich laut gebrüllt hat. Und außerdem wäre das ja auch ihr Sternzeichen. Kinderlogik eben. Ich überlegte dann was denn Maja für ein Tier sein könnte. Und mir fiel spontan der Pinguin ein. Und dieser Gedanke lässt mich nicht los, denn irgendwie ist man als Pinguin ja auch merkwürdig. Klein, rund, watschelnd und die Flügel bringen sie auch nicht in die Luft. Der ZOOM hat ja auch Afrika. Und gerade da werden diese äußeren Erscheinungsmerkmale tragend. Ich stelle mir vor wie Maja bzw. ein Pinguin an den Giraffen vorbeiwatschelt und mitleidiges Lächeln zugeworfen bekommt. Wenn man sie denn von da oben überhaupt sehen will.

Und klar, Majas Schnabel passt denen auch nicht. Denn sie redet undeutlich und wiederholt meist die wenigen Worte bzw. Laute die sie kann. Aber trotzdem will der Pinguin da lang watscheln. Ist ja auch echt schön in Afrika. Und es gibt viel Neues zu sehen! Und ja, ein Pinguin kann keine Giraffe werden und auch kein Elefant sein. Maja wird immer watscheln. ABER habt ihr Maja schon mal im Wasser gesehen? Wie sie schwimmt, gleitet?! Ach  nein, klar. Denn das Wasser ist zu weit weg. Nie würde sich eine Giraffe auf den Weg zum tiefen Wasser machen. Viel zu gefährlich, man könnte sich ja auch so ein elend langes Bein auf dem Weg brechen, schließlich ist es ein „fremder“ Weg. Also nicht gerade abenteuerlustig, diese Giraffen. Darum verstört der Pinguin sie umso mehr (so habe ich die Blicke empfunden). Kein Verständnis für jemanden, der sein Element freiwillig verlässt.

Nun ja, schön ist es nicht, alleine durch Afrika zu watscheln. Aber allemal eine super Erfahrung. AN DER MAN WÄCHST! Unvorstellbar für die Giraffen, denn wozu sollten diese Riesen noch wachsen wollen? Nun, vielleicht blickt ihr das von da oben nicht, man wächst für sich, innerlich. Gerade durch die Begegnung mit Neuem, Fremden. Außerhalb der Komfortzone! Vielleicht werden irgendwann ein paar Giraffen, Löwen oder sonstige Tiere, nachdenken und bemerken, dass es ganz allein der innere Wille der Pinguine ist und eine riesige Kraft, die sie antreibt. Und dass sie ganz gut Schritt halten können, trotz Watscheln und fünffacher Anzahl Schritte pro zurückgelegter Meter.

Zwar ist es so, dass sie trotz mitgegebener Flügel keinesfalls fliegen können, aber dafür können sie damit prima durchs Wasser gleiten. Auch sind die Flügel dafür da, das Gleichgewicht zu halten, wenn sie im Wüstensand ins Straucheln geraten. Deswegen meine Bitte: UMDENKEN! Oder ist es zu fern, zu abstrakt, sich einen Pinguin im Wasser vorzustellen, wenn man in Afrika wohnt? Hmmm.. anscheinend. Leider. Einfacher ist es für einige Wesen, das Watscheln und Straucheln zu belächeln. Mir liegt das Wort „Arroganz“ auf der Zunge. Ein bitterer Geschmack.

Mir als Muttertier, bzw. Mutter eines Pinguins, war es bis vor einiger Zeit noch unbequem, von Euch von dort oben betrachtet zu werden und habe oft versucht, meinen Hals hoch zu strecken. Aber mittlerweile nehme ich es mir nicht mehr allzu sehr zu Herzen. Ich kann inzwischen laut bis zu euch hoch schreien… und ich schreie freundlich! Aber meinen Hals verrenke ich mir nicht mehr. Vielleicht beugt ihr euch mal runter? Wäre auch eine Möglichkeit. Ach nein, dann wirkt ihr ja kleiner, gerade der lange Hals macht euch ja so groß. Egal. WIR sind und bleiben Pinguine.❤

 

Pinguin

Freundschaft. Der zuverlässigste Architekt für glückliche Erinnerungen.

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Er war ein guter Freund von mir. Dennoch konnte ich es nicht verhindern.

Ich will erst gar nicht durch beschönigende Umschreibungen auslöschen, was passiert ist. Er hat sich das Leben genommen, Suizid begangen.

Viele aus unserem gemeinsamen Umfeld sagen nun, dass es völlig unerwartet kam, niemand hätte es voraussehen können oder es verhindern können. Vielleicht nicht, aber es ist einfach nicht wahr, dass niemand damit hätte rechnen können. Es gab Vorzeichen, aber vielleicht konnten oder wollten wir sie nicht erkennen. Ich wollte sie nicht erkennen.

Er hatte jahrelang nicht sehr viel Glück im Leben. Eine zeitlang war er sogar obdachlos, erzählte er mir mal. Auch privat lief es nicht gut für ihn. Ich glaube, er war oft einsam. Wie sehr, habe ich wohl nicht geahnt.

Oft war er deprimiert, traurig und ohne Hoffnung. Keine Hoffnung, dass seine Hautkrankheit (Ekzeme) irgendwann heilbar sei. Er hat auch oft erzählt, dass er nicht weiter wüsste, dass das Leben keinen Spass mache oder keinen Sinn habe. Möglicherweise sagte er es einfach zu oft, so dass wir es nicht mehr hören konnten oder uns daran gewöhnt hatten, dass er eben einfach pessimistisch war und alles negativ betrachtete. Für uns war er wohl jemand, der immer nur die halbleere Flasche Veltins sah.

Wenn ich mit ihm mal schrieb oder telefonierte, habe ich es oft ignoriert, wenn er davon sprach, wie beschissen das Leben war oder warum es ihm schlecht ging. Entweder habe ich dann über Positives in seinem Leben geredet oder einfach das Thema gewechselt. Vielleicht dachte ich, wenn ich es ignoriere, geht es weg.

Aber wenn mal was Schönes in seinem Leben passierte, konnte er auch glücklich oder fröhlich sein. Schalke war sein ein und alles. Und das Essen, Essen, Essen. Aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass einfach selten etwas Gutes in seinem Leben geschah. Er hat immer behauptet, dass er nur Pech hätte, aber ich wollte ihn aufheitern und habe gesagt: „Ach was, seh doch nicht immer so schwarz, auch bei Dir passiert Positives.“ Aber selber bin ich auch diejenige, die solche Antworten nicht mag, sich davon ab- und zurückgewiesen fühlt, wenn ich im Gefühlskeller sitze.

Aber er hat nicht gerade viel Erfolg gehabt in den unterschiedlichen Bereichen seines Lebens. Dabei war er überhaupt kein langweiliger Mensch. Er war geistreich und konnte so witzig und unterhaltsam sein. Auch fragte er immer nach meinen Kindern. Und erzählte mir wiederum stolz von seinem Neffen und seinem kleinen Patenkind. Er war ein guter Freund, der immer bereit war einem zu helfen oder zuzuhören. Ich konnte mich auf ihn verlassen. Deshalb habe ich umso mehr das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben, als er mich gebraucht hätte.

Jedenfalls war er in der letzten Zeit fröhlich – oder er tat so, er redete wenig über sich selbst und gar nicht mehr darüber, dass das Leben schrecklich sei oder sinnlos. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, meine ich, dass er irgendwie über gar nichts mehr geredet hat, sich völllig zurückgezogen und sich selbst irgendwie ausgelöscht hat.

Ja, oft begegnet man dem Satz „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“. Vermutlich klakste ihn ein bekannter Philosoph aufs Papier und die Menschen zitieren ihn im Glauben, der Satz müsse der vollkommenen Wahrheit entsprechen, weil er ja von einem Hochintelektuellen stamme. Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, das will ich hier nicht bestreiten. Doch wir haben schon so viel zu tun, indem wir Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen, dass wir manchmal nicht bemerken, wenn anderen Menschen, Freunden, Familie, ein wenig Selbstverantwortung abgenommen werden muss, weil sie sonst erdrückt werden.

Ich achte bereits gezielt auf Gesten anderer, die vielleicht deren Kummer andeuten könnten, zudem bin ich wachsam und zwar bezüglich meiner eigenen Gesten. So bemühe ich mich stets einfach eine gute Freundin zu sein. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber ich habe fast geweint vor Rührung als genau der Freund, der nun frei verstorben ist, vor einigen Jahren in einem tiefen Tief sagte: „Ich bin froh, dass es Dich gibt.“ Ich habe gelernt, dass es sich auszahlt immer für jemanden da zu sein und einfach mal zuzuhören.

Auch wenn unwiderruflich am Samstag abend dann DER Anruf von einer gemeinsamen Freundin kam, dass er verstorben wäre. Gewollt. Wie sehr muss er gelitten haben, dass er diesen Schritt getan hat? Und wir, sein Umfeld, haben es nicht gesehen, nicht erkannt oder ignoriert. Sicher kann man niemandem die Schuld geben, und es hat auch niemand wirklich Schuld. Ich hätte ihm vielleicht nicht helfen können, weil ich ja nicht die Macht habe, sein Leben schöner zu machen. Das weiß ich. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich ihn hätte ‚retten‘ können. Aber ich hätte gern eine zweite Chance gehabt, genau hinzuschauen, wirklich zuzuhören und für ihn da zu sein. Ihm zu sagen, ich akzeptiere, dass du traurig bist und dass du einen Grund dazu hast, aber gib‘ nicht auf. Ich bin da und du kannst dich auf mich verlassen. Aber es ist zu spät. Es gibt keine zweite Chance.

Ich werde ihn sicher nicht vergessen. Und mit Sicherheit werde ich noch aufmerksamer sein den Menschen in meiner Nähe gegenüber. Und ich werde Suizid nicht tabuisieren, sondern offen reden. Und wenn grad niemand da ist zum reden, niederschreiben. Wie hier.

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Anders anders

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Vor kurzem war ich beruflich zu einem Workshop geladen. In der Vorstellungsrunde sollten wir ein wenig von uns erzählen. Ich tat dies. Stolz nannte ich die Namen und das Alter der zwei Töchter. An diesem Tag war ich zudem mutig genug, in einem Nebensatz, die geistige Behinderung meiner älteren Tochter zu erwähnen. Und wirklich war auch ein Kollege desselben Mutes unterwegs und sprach mich in der Pause auf die Tochter an. „Sie haben ein Kind mit Down-Syndrom?! Das wusste ich gar nicht.“ – Schweigen – meinerseits eher eine verdutzte, kurze Stille. Dann wiederum lächelte ich. Woher sollte er denn auch wissen… und antwortete: „Nein. Maja hat keine Trisomie 21. Sie ist anders anders.“ Seither geht mir dieses kurze Gespräch nicht aus dem Kopf. Denn es war nicht das erste Mal, dass sofort dieser Trugschluss gemacht wurde, meine Tochter hätte das Down-Syndrom sobald ich erwähne, dass sie anders ist.

Individualität. Jeder ist doch anders. Anderssein ist sogar cool, wenn die Merkmale des Andersseins mit dem Geschmack der breiten Masse einhergehen. Jedoch hört das coole Anderssein abrupt dort auf, wo wir es nicht mehr in der Hand haben diese Charakteristika, gerade des äußeren Erscheinungsbildes, zu bestimmen. Die eine Sache ist die, morgens zu entscheiden auf Make-up zu verzichten, statt in die feine Sekretärinnen-Bluse in den Kapuzen-Hoodie, anstelle in den Bänkerinnen-Rock in die Sporthose zu schlüpfen, Hackenschuhe gegen Sneakers zu tauschen oder damit leben zu müssen aufgrund äußerer Merkmale wie Gesichtsform, Augenpartie, Waschlappen-Zunge, immer und zu jedem Zeitpunkt aus der Masse rauszustechen.

Menschen mit Trisomie 21 geht es so. Sie sind gekennzeichnet von eben jenen Merkmalen, die jedermann direkt ins Auge fallen. Die übergroße Zunge, die besondere Lidfalte, die eher etwas kleinere Gestalt und der Gang wäre besonders, sagt man. Meine Tochter Maja hat diesen Gang. Und auch „andere“ äussere Merkmale wie Mandelaugen, eine etwas zu breite Nase, kleine Ohren und sie ist übergewichtig. Zudem hat sie auch dieses unglaublich bezaubernde, sonnige, lebensfrohe und positive Gemüt, das Menschen mit Trisomie 21 nachgesagt wird. Sie ist pure Herzlichkeit. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben, baut auf Vertrauen und glaubt immer an das Gute im Menschen.

Und trotzdem, wenn ich mal „kinderlos“ unterwegs bin, sehe ich diese besonderen Menschen kaum. Ich weiss als Mutter eines Kindes mit Schwerbehinderung, dass es im Integrativ-Kindergarten anfängt, mit der Förderschule weitergeht und meist mit Werkstatt, Küche oder Wäscherei endet. Es scheint Menschen mit äußeren „Anderssein“-Merkmalen fast verwehrt „normal“ aufzuwachsen. Dabei kann, möchte und will ich der großen breiten Masse ehrlich gesagt ein bedauerliches SCHADE entgegenschmettern, denn ihnen entgeht Warmherzigkeit. Empathie (zu lernen und zu leben). Verwantwortungsbewusstsein. Hilfsbereitschaft. Toleranz und ein Gemeinschaftsgefühl deluxe.

Und auch für Menschen wie meine Tochter wäre es schön, wenn sie ein noch größeres Umfeld hätte, das an sie glaubt und sich gegen alle Widrigkeiten für sie ensetzt. Wenn sie gefördert und gefordert wird, wie jedes Kind, dann steht auch ihr die Welt weitgehend offen. Und das ist auch Majas Wille. Das merke ich von Jahr zu Jahr mehr. Sie hat den unbändigen Willen, die Kraft und Energie dazuzugehören. Zu ALLEN.

VonEINANDER lernen. High-Level.