Archiv für den Monat März 2016

Pinguin

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Osterferien 2016. Die Kinder möchten unbedingt Abenteuer, Erlebnisse, Action. Deshalb kam der Vorschlag Zoo. Der Gelsenkirchener ZOOM soll  endlich mal besucht werden. Die kleine Tochter hält den von mir ausgedruckten Flyer mitsamt Zookarte in der Hand und erzählt mir mit funkelnden Augen was von Alaska, Asien und Afrika; dass man im ZOOM alle drei Kontinente an einem Tag erleben kann.

Dieser Ausflug ist nun bereits über eine Woche her und ich muss sagen: es war wirklich ein wunderschöner Tag. Der ZOOM ist empfehlenswert, toll und wir werden ihn auf jeden Fall wieder besuchen.

Da ich den Zoo mit guten Freunden besucht habe, die ebenfalls Kinder dabei hatten, war die kleine Tochter immer gut beschäftigt. Sie und die zwei anderen Mädchen machten sozusagen ihre eigene Expedition 😉 … somit konnte ich der besonderen Tochter meine volle Aufmerksamkeit schenken. Ich weiss nicht warum, aber an diesem Tag taten es auch einige andere Leute (Wesen). Vielleicht war ich an diesem Tag auch einfach empfindlicher als sonst. Aber es waren wieder diese „Blicke“ auf Maja.

Im Nachhinein habe ich noch einige Mal mit der kleinen Tochter über den Zoobesuch gesprochen. Sie sagt, sie wäre die Löwin gewesen. Weil die so schön faul in der Sonne gelegen und manchmal wirklich laut gebrüllt hat. Und außerdem wäre das ja auch ihr Sternzeichen. Kinderlogik eben. Ich überlegte dann was denn Maja für ein Tier sein könnte. Und mir fiel spontan der Pinguin ein. Und dieser Gedanke lässt mich nicht los, denn irgendwie ist man als Pinguin ja auch merkwürdig. Klein, rund, watschelnd und die Flügel bringen sie auch nicht in die Luft. Der ZOOM hat ja auch Afrika. Und gerade da werden diese äußeren Erscheinungsmerkmale tragend. Ich stelle mir vor wie Maja bzw. ein Pinguin an den Giraffen vorbeiwatschelt und mitleidiges Lächeln zugeworfen bekommt. Wenn man sie denn von da oben überhaupt sehen will.

Und klar, Majas Schnabel passt denen auch nicht. Denn sie redet undeutlich und wiederholt meist die wenigen Worte bzw. Laute die sie kann. Aber trotzdem will der Pinguin da lang watscheln. Ist ja auch echt schön in Afrika. Und es gibt viel Neues zu sehen! Und ja, ein Pinguin kann keine Giraffe werden und auch kein Elefant sein. Maja wird immer watscheln. ABER habt ihr Maja schon mal im Wasser gesehen? Wie sie schwimmt, gleitet?! Ach  nein, klar. Denn das Wasser ist zu weit weg. Nie würde sich eine Giraffe auf den Weg zum tiefen Wasser machen. Viel zu gefährlich, man könnte sich ja auch so ein elend langes Bein auf dem Weg brechen, schließlich ist es ein „fremder“ Weg. Also nicht gerade abenteuerlustig, diese Giraffen. Darum verstört der Pinguin sie umso mehr (so habe ich die Blicke empfunden). Kein Verständnis für jemanden, der sein Element freiwillig verlässt.

Nun ja, schön ist es nicht, alleine durch Afrika zu watscheln. Aber allemal eine super Erfahrung. AN DER MAN WÄCHST! Unvorstellbar für die Giraffen, denn wozu sollten diese Riesen noch wachsen wollen? Nun, vielleicht blickt ihr das von da oben nicht, man wächst für sich, innerlich. Gerade durch die Begegnung mit Neuem, Fremden. Außerhalb der Komfortzone! Vielleicht werden irgendwann ein paar Giraffen, Löwen oder sonstige Tiere, nachdenken und bemerken, dass es ganz allein der innere Wille der Pinguine ist und eine riesige Kraft, die sie antreibt. Und dass sie ganz gut Schritt halten können, trotz Watscheln und fünffacher Anzahl Schritte pro zurückgelegter Meter.

Zwar ist es so, dass sie trotz mitgegebener Flügel keinesfalls fliegen können, aber dafür können sie damit prima durchs Wasser gleiten. Auch sind die Flügel dafür da, das Gleichgewicht zu halten, wenn sie im Wüstensand ins Straucheln geraten. Deswegen meine Bitte: UMDENKEN! Oder ist es zu fern, zu abstrakt, sich einen Pinguin im Wasser vorzustellen, wenn man in Afrika wohnt? Hmmm.. anscheinend. Leider. Einfacher ist es für einige Wesen, das Watscheln und Straucheln zu belächeln. Mir liegt das Wort „Arroganz“ auf der Zunge. Ein bitterer Geschmack.

Mir als Muttertier, bzw. Mutter eines Pinguins, war es bis vor einiger Zeit noch unbequem, von Euch von dort oben betrachtet zu werden und habe oft versucht, meinen Hals hoch zu strecken. Aber mittlerweile nehme ich es mir nicht mehr allzu sehr zu Herzen. Ich kann inzwischen laut bis zu euch hoch schreien… und ich schreie freundlich! Aber meinen Hals verrenke ich mir nicht mehr. Vielleicht beugt ihr euch mal runter? Wäre auch eine Möglichkeit. Ach nein, dann wirkt ihr ja kleiner, gerade der lange Hals macht euch ja so groß. Egal. WIR sind und bleiben Pinguine. ❤

 

Pinguin

Freundschaft. Der zuverlässigste Architekt für glückliche Erinnerungen.

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Er war ein guter Freund von mir. Dennoch konnte ich es nicht verhindern.

Ich will erst gar nicht durch beschönigende Umschreibungen auslöschen, was passiert ist. Er hat sich das Leben genommen, Suizid begangen.

Viele aus unserem gemeinsamen Umfeld sagen nun, dass es völlig unerwartet kam, niemand hätte es voraussehen können oder es verhindern können. Vielleicht nicht, aber es ist einfach nicht wahr, dass niemand damit hätte rechnen können. Es gab Vorzeichen, aber vielleicht konnten oder wollten wir sie nicht erkennen. Ich wollte sie nicht erkennen.

Er hatte jahrelang nicht sehr viel Glück im Leben. Eine zeitlang war er sogar obdachlos, erzählte er mir mal. Auch privat lief es nicht gut für ihn. Ich glaube, er war oft einsam. Wie sehr, habe ich wohl nicht geahnt.

Oft war er deprimiert, traurig und ohne Hoffnung. Keine Hoffnung, dass seine Hautkrankheit (Ekzeme) irgendwann heilbar sei. Er hat auch oft erzählt, dass er nicht weiter wüsste, dass das Leben keinen Spass mache oder keinen Sinn habe. Möglicherweise sagte er es einfach zu oft, so dass wir es nicht mehr hören konnten oder uns daran gewöhnt hatten, dass er eben einfach pessimistisch war und alles negativ betrachtete. Für uns war er wohl jemand, der immer nur die halbleere Flasche Veltins sah.

Wenn ich mit ihm mal schrieb oder telefonierte, habe ich es oft ignoriert, wenn er davon sprach, wie beschissen das Leben war oder warum es ihm schlecht ging. Entweder habe ich dann über Positives in seinem Leben geredet oder einfach das Thema gewechselt. Vielleicht dachte ich, wenn ich es ignoriere, geht es weg.

Aber wenn mal was Schönes in seinem Leben passierte, konnte er auch glücklich oder fröhlich sein. Schalke war sein ein und alles. Und das Essen, Essen, Essen. Aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass einfach selten etwas Gutes in seinem Leben geschah. Er hat immer behauptet, dass er nur Pech hätte, aber ich wollte ihn aufheitern und habe gesagt: „Ach was, seh doch nicht immer so schwarz, auch bei Dir passiert Positives.“ Aber selber bin ich auch diejenige, die solche Antworten nicht mag, sich davon ab- und zurückgewiesen fühlt, wenn ich im Gefühlskeller sitze.

Aber er hat nicht gerade viel Erfolg gehabt in den unterschiedlichen Bereichen seines Lebens. Dabei war er überhaupt kein langweiliger Mensch. Er war geistreich und konnte so witzig und unterhaltsam sein. Auch fragte er immer nach meinen Kindern. Und erzählte mir wiederum stolz von seinem Neffen und seinem kleinen Patenkind. Er war ein guter Freund, der immer bereit war einem zu helfen oder zuzuhören. Ich konnte mich auf ihn verlassen. Deshalb habe ich umso mehr das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben, als er mich gebraucht hätte.

Jedenfalls war er in der letzten Zeit fröhlich – oder er tat so, er redete wenig über sich selbst und gar nicht mehr darüber, dass das Leben schrecklich sei oder sinnlos. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, meine ich, dass er irgendwie über gar nichts mehr geredet hat, sich völllig zurückgezogen und sich selbst irgendwie ausgelöscht hat.

Ja, oft begegnet man dem Satz „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“. Vermutlich klakste ihn ein bekannter Philosoph aufs Papier und die Menschen zitieren ihn im Glauben, der Satz müsse der vollkommenen Wahrheit entsprechen, weil er ja von einem Hochintelektuellen stamme. Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, das will ich hier nicht bestreiten. Doch wir haben schon so viel zu tun, indem wir Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen, dass wir manchmal nicht bemerken, wenn anderen Menschen, Freunden, Familie, ein wenig Selbstverantwortung abgenommen werden muss, weil sie sonst erdrückt werden.

Ich achte bereits gezielt auf Gesten anderer, die vielleicht deren Kummer andeuten könnten, zudem bin ich wachsam und zwar bezüglich meiner eigenen Gesten. So bemühe ich mich stets einfach eine gute Freundin zu sein. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber ich habe fast geweint vor Rührung als genau der Freund, der nun frei verstorben ist, vor einigen Jahren in einem tiefen Tief sagte: „Ich bin froh, dass es Dich gibt.“ Ich habe gelernt, dass es sich auszahlt immer für jemanden da zu sein und einfach mal zuzuhören.

Auch wenn unwiderruflich am Samstag abend dann DER Anruf von einer gemeinsamen Freundin kam, dass er verstorben wäre. Gewollt. Wie sehr muss er gelitten haben, dass er diesen Schritt getan hat? Und wir, sein Umfeld, haben es nicht gesehen, nicht erkannt oder ignoriert. Sicher kann man niemandem die Schuld geben, und es hat auch niemand wirklich Schuld. Ich hätte ihm vielleicht nicht helfen können, weil ich ja nicht die Macht habe, sein Leben schöner zu machen. Das weiß ich. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich ihn hätte ‚retten‘ können. Aber ich hätte gern eine zweite Chance gehabt, genau hinzuschauen, wirklich zuzuhören und für ihn da zu sein. Ihm zu sagen, ich akzeptiere, dass du traurig bist und dass du einen Grund dazu hast, aber gib‘ nicht auf. Ich bin da und du kannst dich auf mich verlassen. Aber es ist zu spät. Es gibt keine zweite Chance.

Ich werde ihn sicher nicht vergessen. Und mit Sicherheit werde ich noch aufmerksamer sein den Menschen in meiner Nähe gegenüber. Und ich werde Suizid nicht tabuisieren, sondern offen reden. Und wenn grad niemand da ist zum reden, niederschreiben. Wie hier.

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Anders anders

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Vor kurzem war ich beruflich zu einem Workshop geladen. In der Vorstellungsrunde sollten wir ein wenig von uns erzählen. Ich tat dies. Stolz nannte ich die Namen und das Alter der zwei Töchter. An diesem Tag war ich zudem mutig genug, in einem Nebensatz, die geistige Behinderung meiner älteren Tochter zu erwähnen. Und wirklich war auch ein Kollege desselben Mutes unterwegs und sprach mich in der Pause auf die Tochter an. „Sie haben ein Kind mit Down-Syndrom?! Das wusste ich gar nicht.“ – Schweigen – meinerseits eher eine verdutzte, kurze Stille. Dann wiederum lächelte ich. Woher sollte er denn auch wissen… und antwortete: „Nein. Maja hat keine Trisomie 21. Sie ist anders anders.“ Seither geht mir dieses kurze Gespräch nicht aus dem Kopf. Denn es war nicht das erste Mal, dass sofort dieser Trugschluss gemacht wurde, meine Tochter hätte das Down-Syndrom sobald ich erwähne, dass sie anders ist.

Individualität. Jeder ist doch anders. Anderssein ist sogar cool, wenn die Merkmale des Andersseins mit dem Geschmack der breiten Masse einhergehen. Jedoch hört das coole Anderssein abrupt dort auf, wo wir es nicht mehr in der Hand haben diese Charakteristika, gerade des äußeren Erscheinungsbildes, zu bestimmen. Die eine Sache ist die, morgens zu entscheiden auf Make-up zu verzichten, statt in die feine Sekretärinnen-Bluse in den Kapuzen-Hoodie, anstelle in den Bänkerinnen-Rock in die Sporthose zu schlüpfen, Hackenschuhe gegen Sneakers zu tauschen oder damit leben zu müssen aufgrund äußerer Merkmale wie Gesichtsform, Augenpartie, Waschlappen-Zunge, immer und zu jedem Zeitpunkt aus der Masse rauszustechen.

Menschen mit Trisomie 21 geht es so. Sie sind gekennzeichnet von eben jenen Merkmalen, die jedermann direkt ins Auge fallen. Die übergroße Zunge, die besondere Lidfalte, die eher etwas kleinere Gestalt und der Gang wäre besonders, sagt man. Meine Tochter Maja hat diesen Gang. Und auch „andere“ äussere Merkmale wie Mandelaugen, eine etwas zu breite Nase, kleine Ohren und sie ist übergewichtig. Zudem hat sie auch dieses unglaublich bezaubernde, sonnige, lebensfrohe und positive Gemüt, das Menschen mit Trisomie 21 nachgesagt wird. Sie ist pure Herzlichkeit. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben, baut auf Vertrauen und glaubt immer an das Gute im Menschen.

Und trotzdem, wenn ich mal „kinderlos“ unterwegs bin, sehe ich diese besonderen Menschen kaum. Ich weiss als Mutter eines Kindes mit Schwerbehinderung, dass es im Integrativ-Kindergarten anfängt, mit der Förderschule weitergeht und meist mit Werkstatt, Küche oder Wäscherei endet. Es scheint Menschen mit äußeren „Anderssein“-Merkmalen fast verwehrt „normal“ aufzuwachsen. Dabei kann, möchte und will ich der großen breiten Masse ehrlich gesagt ein bedauerliches SCHADE entgegenschmettern, denn ihnen entgeht Warmherzigkeit. Empathie (zu lernen und zu leben). Verwantwortungsbewusstsein. Hilfsbereitschaft. Toleranz und ein Gemeinschaftsgefühl deluxe.

Und auch für Menschen wie meine Tochter wäre es schön, wenn sie ein noch größeres Umfeld hätte, das an sie glaubt und sich gegen alle Widrigkeiten für sie ensetzt. Wenn sie gefördert und gefordert wird, wie jedes Kind, dann steht auch ihr die Welt weitgehend offen. Und das ist auch Majas Wille. Das merke ich von Jahr zu Jahr mehr. Sie hat den unbändigen Willen, die Kraft und Energie dazuzugehören. Zu ALLEN.

VonEINANDER lernen. High-Level.