Archiv der Kategorie: ♥ Besonderes ♥

„Einfach“ schön Distanz wahren

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O-Ton einer Freundin, einer wahren Perle von Mensch (alleinerziehend und Mutter von gleich zwei Jungs mit Schwerbehinderung, Pflegegrad 5 und 4, im Teenageralter):

„Es gibt eigentlich einen guten Spruch aus dem Talmud: ´Verurteilt niemanden, bevor Du nicht in seiner Lage warst…´
Aber die meisten Menschen rechnen damit völlig unbeschwert ihr Leben weiterleben zu können, ohne Einschnitte und Schicksalsschläge, und geben gern gaaaaanz tolle Ratschläge. Naja, andererseits bin ich ja auch nicht in deren Lage. Also am besten ´einfach´schön Distanz wahren.“ (um nicht noch mehr verletzt zu werden)

(Und noch weiterrutschen in die Randgruppe (alleinerziehend) der Randgruppe (mit besonderen Kindern) und  total vereinsamen. Teufelskreis.)

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Nichts glänzt

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Nichts glänzt

Sie haben kein Gesicht.

In ihren Augen ist nur Leere,

weißes Nichts

bemalt mit gestohlenen Farben.

 

Was sie als ihr Selbst bezeichnen,

gehört einem anderen.

Er hat begonnen zu malen.

Ihnen gefiel, was er tat, und sie ahmten es nach.

Sie nahmen seine Farben.

Und malten ein falsches Bild.

Malten mit gestohlenen Farben.

 

Mit der Zeit

wurde ihr eigenes Bild blasser,

es vergilbte, verwischte, schlief ein.

Doch es ist noch da.

Tief unter der gestohlenen Farbe,

kämpfte es ums Überleben

gegen gestohlene Farben.

 

Sie nehmen alles in Kauf,

um die grellen Farben zu erhalten.

Demütigen, kränken, verletzen,

zerstören andere Gemälde.

Nur um weiterhin zu glänzen,

mit dem Licht gestohlener Farben.

 

Doch welches Bild war es,

das sie so faszinierte?

Es war nicht das Bild, es waren

die Leute, die ihm vertrauten und

es so zu etwas Besonderem machen,

obwohl es hinter den Farben

nichts hatte.

 

Aber dieses Nichts glänzt.

Schöner als gestohlene Farben.

 

 

Traumhafte Erinnerung – erinnernde Träume

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Pfingstmontag. Beim Frühstück beschlossen wir gemeinsam das Planetarium in Bochum zu besuchen. Problemlos wurden online Tickets für die Musikshow „Tabaluga – und die Zeichen der Zeit“ gebucht, und schon beim Trailer auf der Homepage des Zeiss-Planetariums kamen Kindheitserinnerungen hoch.

Meine Eltern waren Peter Maffay Fans. (Und ganz ehrlich: es gibt weitaus Schlimmeres. Mein Musikgeschmack hat sich trotzdem anders entwickelt.) Jegliche Konzerte haben sie besucht, alle Platten / CDs gekauft. Und als Achtjährige wurde mir natürlich Tabaluga nicht vorenthalten. Vernunft und Fantasie wurden mir anhand der Reise eines kleinen Drachens erklärt. Und das wunderbarst. ♥

Mit einem wohligfreudigen Gefühl in der Magengegend fuhr ich mit beiden Töchtern die A2 Richtung Bochum. Ich hatte das Planetarium nur noch aus Schulzeiten in Erinnerung und war umso mehr positiv erstaunt, dass mich eine wahrhaftig moderne (Planeten)Welt empfing. Innerhalb kürzester Zeit (worüber ich sehr erfreut war, denn die besondere Tochter ist nicht gut im Warten) saßen bzw. lagen wir in unseren bequemen Sesseln unter dem Rundkuppel-Himmelsdach. Eine wirklich freundliche junge Dame empfing alle Besucher mit einer kurzen Erläuterung über den Ablauf der Show und dann ging es auch schon mit einem lauten Geschepper (Wecker) los. Tabaluga triftt auf seiner Reise viele Wesen; unter anderem auch den Tod. Hier hatte ich beide Töchter besonders im Auge, denn ich finde das Thema wirklich „schwierig“. Als Tabaluga sich nachts von seiner Reise nach der Zeit erholt, erscheint ihm Tyrion, sein Vater, im Traum. Eine Szene, in der ich schwer schlucken musste und auch Tränchen in den Augen hatte. Aber schon geht es weiter, die Frage ist ja noch nicht beantwortet: WAS ist Zeit? Und WER bestimmt sie? Und vor allem GIBT ES WAS STÄRKERES ALS ZEIT? Bei dieser Frage kommt natürlich die LIEBE dazu. Am Ende jedenfalls waren die Kinder und ich tief beeindruckt von dem Gesamtergebnis. Durch die Kuppel war es weder wie ein Kino-Film und wir brauchten auch keine 3-D-Brille; waren aber trotzdem mitten im Geschehen: im Raum und der Zeit. Verblüffend!

Nach der Vorstellung begleitete mich weiterhin dieses wohlige Gefühl. Sei es die traumhafte Erinnerung an meine Kinderzeit – oder aber der Blick auf meine Kinder, wie sie genauso fasziniert auf diese Tabaluga-Musikshow reagieren, wie ich es als Kind auf das erste Tabaluga-Album (auf Schallplatte) tat. Erinnerungen traumhaft wiederkehren zu lassen gibt die Schönheit der Augenblicke wieder.

Die kleine Tochter kam vorhin mit einem Babyfoto von mir in die Küche und lachte sich kruselig darüber, wie ich damals aussah. Kurze Zeit später lief im Küchenradio Bosse mit „Schönste Zeit“ und bei der Textzeile

„Was wir nicht können

ist irgendwas wiederholen

kein Augenblick kein Moment

kann sich je wiederholen

 

muss ich schwer schlucken. Denn sie ist so wahr. Und mehrmals wurde ich heute darauf aufmerksam gemacht. Erst Tabaluga. Dann das alte Kinderfoto. Nun singt Bosse es mir entgegen. Und immer um mich rum: meine Kinder. Und meine Kindheit.

Es gab kein Trash-TV. Kein Internet, Handy oder Spielekonsolen to go. Bei 90-60-90 dachte ich als junge Teenagerin nicht an Diät oder irgendwelche Traummasse um Jungs zu betören, sondern an ’nehme ich die 60er Kassette um meine Hits auf dem Radio aufzunehmen oder lieber die 90er Länge‘?! Ich bin jetzt als Mutter mal ganz ehrlich: die Zeiten für eine goldene Kindheit wie ich sie hatte sind leider vorbei. Aber ich kann meinen Kindern erzählen wie es war. Ich kann meine Erinnerungen weitergeben. Zum Beispiel wie es war bis zum Sonnenuntergang oder gar bis es ganz dunkel war, draussen täglich rumzutoben. Dass Mama mich suchen und reinzerren musste. Dass da kein Handy war mit dem sie mir eine whatsapp schreiben konnte, weil „DSDS“, „Germany´s next Topmodel“ oder sonstwas grad anfängt. All das werde ich nie vergessen.

Irgendwann war es soweit, auch meine Kindheit war vorbei, und Mutter & Vater schickten mich raus in „die große weite Welt“, oder ich entschied dass es soweit war. Eigentlich ein Kompromiss aus beidem. Jedenfalls hat meine Kindheit mich dazu gebracht auf mein Herz zu hören; auf meinen Herzschlag zu achten. Und was ich bisher in meinem Leben lernen musste ist, dass alles im Leben seine Zeit hat. Aber Peter Maffay kann es schöner als ich wiedergeben:

 

A und O, Liebe und Hass,
es gibt diesen Schlüssel für alles und jegliches Maß.
Es gibt die Treue, die Hoffnung und manchmal Versöhnung und Streit,
glaub mir, alles auf dieser Welt hat seine Zeit.

 

Es ist vielleicht nicht Profi-Mama-like, dieses „back to the roots“ Denken.  Und erst Recht nicht Bosse mit Peter Maffay in einem Blog-Artikel zu mixen. Aber ich mache das was mein Gefühl mir sagt: das Gute aus der Vergangenheit hervorholen um Frohsinn weiterzugeben. Hauptsache, es kommt von Herzen.

Pinguin

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Osterferien 2016. Die Kinder möchten unbedingt Abenteuer, Erlebnisse, Action. Deshalb kam der Vorschlag Zoo. Der Gelsenkirchener ZOOM soll  endlich mal besucht werden. Die kleine Tochter hält den von mir ausgedruckten Flyer mitsamt Zookarte in der Hand und erzählt mir mit funkelnden Augen was von Alaska, Asien und Afrika; dass man im ZOOM alle drei Kontinente an einem Tag erleben kann.

Dieser Ausflug ist nun bereits über eine Woche her und ich muss sagen: es war wirklich ein wunderschöner Tag. Der ZOOM ist empfehlenswert, toll und wir werden ihn auf jeden Fall wieder besuchen.

Da ich den Zoo mit guten Freunden besucht habe, die ebenfalls Kinder dabei hatten, war die kleine Tochter immer gut beschäftigt. Sie und die zwei anderen Mädchen machten sozusagen ihre eigene Expedition 😉 … somit konnte ich der besonderen Tochter meine volle Aufmerksamkeit schenken. Ich weiss nicht warum, aber an diesem Tag taten es auch einige andere Leute (Wesen). Vielleicht war ich an diesem Tag auch einfach empfindlicher als sonst. Aber es waren wieder diese „Blicke“ auf Maja.

Im Nachhinein habe ich noch einige Mal mit der kleinen Tochter über den Zoobesuch gesprochen. Sie sagt, sie wäre die Löwin gewesen. Weil die so schön faul in der Sonne gelegen und manchmal wirklich laut gebrüllt hat. Und außerdem wäre das ja auch ihr Sternzeichen. Kinderlogik eben. Ich überlegte dann was denn Maja für ein Tier sein könnte. Und mir fiel spontan der Pinguin ein. Und dieser Gedanke lässt mich nicht los, denn irgendwie ist man als Pinguin ja auch merkwürdig. Klein, rund, watschelnd und die Flügel bringen sie auch nicht in die Luft. Der ZOOM hat ja auch Afrika. Und gerade da werden diese äußeren Erscheinungsmerkmale tragend. Ich stelle mir vor wie Maja bzw. ein Pinguin an den Giraffen vorbeiwatschelt und mitleidiges Lächeln zugeworfen bekommt. Wenn man sie denn von da oben überhaupt sehen will.

Und klar, Majas Schnabel passt denen auch nicht. Denn sie redet undeutlich und wiederholt meist die wenigen Worte bzw. Laute die sie kann. Aber trotzdem will der Pinguin da lang watscheln. Ist ja auch echt schön in Afrika. Und es gibt viel Neues zu sehen! Und ja, ein Pinguin kann keine Giraffe werden und auch kein Elefant sein. Maja wird immer watscheln. ABER habt ihr Maja schon mal im Wasser gesehen? Wie sie schwimmt, gleitet?! Ach  nein, klar. Denn das Wasser ist zu weit weg. Nie würde sich eine Giraffe auf den Weg zum tiefen Wasser machen. Viel zu gefährlich, man könnte sich ja auch so ein elend langes Bein auf dem Weg brechen, schließlich ist es ein „fremder“ Weg. Also nicht gerade abenteuerlustig, diese Giraffen. Darum verstört der Pinguin sie umso mehr (so habe ich die Blicke empfunden). Kein Verständnis für jemanden, der sein Element freiwillig verlässt.

Nun ja, schön ist es nicht, alleine durch Afrika zu watscheln. Aber allemal eine super Erfahrung. AN DER MAN WÄCHST! Unvorstellbar für die Giraffen, denn wozu sollten diese Riesen noch wachsen wollen? Nun, vielleicht blickt ihr das von da oben nicht, man wächst für sich, innerlich. Gerade durch die Begegnung mit Neuem, Fremden. Außerhalb der Komfortzone! Vielleicht werden irgendwann ein paar Giraffen, Löwen oder sonstige Tiere, nachdenken und bemerken, dass es ganz allein der innere Wille der Pinguine ist und eine riesige Kraft, die sie antreibt. Und dass sie ganz gut Schritt halten können, trotz Watscheln und fünffacher Anzahl Schritte pro zurückgelegter Meter.

Zwar ist es so, dass sie trotz mitgegebener Flügel keinesfalls fliegen können, aber dafür können sie damit prima durchs Wasser gleiten. Auch sind die Flügel dafür da, das Gleichgewicht zu halten, wenn sie im Wüstensand ins Straucheln geraten. Deswegen meine Bitte: UMDENKEN! Oder ist es zu fern, zu abstrakt, sich einen Pinguin im Wasser vorzustellen, wenn man in Afrika wohnt? Hmmm.. anscheinend. Leider. Einfacher ist es für einige Wesen, das Watscheln und Straucheln zu belächeln. Mir liegt das Wort „Arroganz“ auf der Zunge. Ein bitterer Geschmack.

Mir als Muttertier, bzw. Mutter eines Pinguins, war es bis vor einiger Zeit noch unbequem, von Euch von dort oben betrachtet zu werden und habe oft versucht, meinen Hals hoch zu strecken. Aber mittlerweile nehme ich es mir nicht mehr allzu sehr zu Herzen. Ich kann inzwischen laut bis zu euch hoch schreien… und ich schreie freundlich! Aber meinen Hals verrenke ich mir nicht mehr. Vielleicht beugt ihr euch mal runter? Wäre auch eine Möglichkeit. Ach nein, dann wirkt ihr ja kleiner, gerade der lange Hals macht euch ja so groß. Egal. WIR sind und bleiben Pinguine. ❤

 

Pinguin

BegutACHTEN

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BegutACHTEN

Ich habe ein Faible für kaputte Menschen. Und ich liebe Dinge, die nicht spiegelglatt sind.

Ich mag Persönlichkeiten, die angekratzt wurden, gebrochen, zersplittert. Menschen, die sich selber wieder zusammensetzen mussten und dabei etwas Unglaubliches geschaffen haben. Ein neues Ich, bei dem das alte Selbst noch in jedem Baustein wohnt. Facettenreich, glitzernd, leuchtend. Konstrukte, die man sich so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Ich mag mich. 😉

Ich sitze mit einem lecker dampfenden Tee vor mir in der Küche und schaue auf die Fotos vom letzten Sonntag. Ein Ausflug ins zugeschneite Sauerland. Ein große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus beim Anblick der Schneebilder. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Bilder in meinem Kopf ein Glückskino abspielen würden. So schnell, dass mir fast ein wenig schwindelig wird, so wie bei der Abfahrt mit dem Schlitten auf der Rodelbahn. Die Bilder rauschen vorbei, ich höre das Jauchzen der besonderen Tochter die vor mir auf dem Schlitten sitzt, das Lachen der kleinen Tochter die stolz alleine vom Rodellift hochgezogen wird… eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.

Ich atme tief ein. Das Kino ist zu Ende. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht. So fühlt es sich an, mein Glück. Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiss, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.

Mein Blick schweift durch meine Küche. Er bleibt an einem Ordner mit einem rosa Etikett hängen. Dieser Ordner ist einer von fünfen. Als ich den ersten Ordner damals anlegte, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mal fünf und mehr sein werden. “Befunde Maja” steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Und trotzdem rosa. Kindlich. Mädchen-like. Der Inhalt lässt einen jedoch erstarren.

„Ihre Tochter hat eine geistige Behinderung“. Mit diesem Satz geriet meine Welt erneut aus den Fugen. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher. Man sei sich aber sicher. Man könnte diese Behinderung nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.

Die Behinderung meiner Tochter hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Tage, an denen Maja “austickt”. Momente, in denen Jenna es wirklich schwer hat mit ihrer besonderen Schwester.

Aber mein Blickwinkel hat sich verändert. Ja, ich pendel sozusagen zwischen 2 Welten. 2 Kinder, deren Entwicklung immer weiter auseinanderdriftet. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu händeln sind. Zwischen „Mama, Du musst nun mit mir viel Radfahren und auch Verkehrszeichen üben, damit ich in der Radfahrprüfung gut abschneide“ und “Vorsicht… Halt! Du musst LENKEN UND GLEICHZEITIG TRETEN auf Deinem Dreirad, Maja!” Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Denn in die Zukunft zu blicken macht mir Angst.

Ich habe mich mit unserem Schicksal angefreundet. Unser Leben ist für mich fast wieder normal. Es gibt immer mal wieder Freudensprünge weil Maja Fortschritte macht. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem es keine Fortschritte mehr gibt. Oder schlimmer noch, dass erneute schlimme Befunde kommen. Dass meine Welt erneut zusammenbricht. Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie der wunderschöne Sonntag im Schnee. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über das Jauchzen und Lachen meiner Töchter freue.

Wir 3 sind das schönste Chaos, das ich seit langem gesehen habe. Formen uns aneinander, beieinander. Wachsen dabei. Und lernen. Lernen einander zu lauschen und selber dafür zu verstummen. Genau daraus besteht es: unser Glück. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

Ich starre nochmal auf die Fotos vom gemeinsamen weissglitzernden Wintertag und begutACHTE unsere ganz eigene Harmonie.

Vielleicht muss man etwas nicht begreifen, um seine Schönheit zu verstehen.

Vielleicht sind wir einfach das. Wir. Und unser kleines Chaos.

Fliehkraft und Erdanziehung

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Da ist er: der KURKOLLER. 14 Tage hat es gedauert bis ich (wie einige andere Mütter hier auch) in Tränen ausbreche. Bei einigen Müttern war es natürlich direkt am Anfang schwer als man sich vom Partner verabschiedete. Es flossen Tränen und das Vermissen setzte ein. Ich habe keinen Partner. Ich habe aber 2 Töchter, die mich in dieser Mutter-Kind-Kur bisher glücklich lachend begleiten.

Nach dem Frühstück verabschiedete sich die kleine Tochter mit Schulranzen bepackt Richtung „Piratenland“ hier auf dem Kurgelände. Die besondere Tochter brachte ich in die „Kajüten“ mitsamt ihrem Turn- und Schwimmzeug. Eine Einheit Einzel-Krankengymnastik und Bewegungsbad in der Gruppe mit anschließender Traumreise stehen auf ihrem Therapieplan. Für mich ging es auch sofort um 08:45 los Richtung Panorama-Raum zum Workshop „Nobody is perfect, Teil III“. Wir bekamen nach kurzem Rückblick auf die Termine I und II eine Skala, in der wir uns „ALLEIN“ einschätzen sollen.

Skala

Und schon bei dem Wort „ALLEIN“ kam bei mir Unwohlsein. Ich blickte mich um. Alle Mütter fingen an die 4 Punkte (Ich-Autonomie, Du-Bezogenheit, Ruhe-Beständigkeit und Bewegung-Veränderung) für SICH einzuzeichnen. Ich wiederum blockierte. Ich bin nicht allein. Ich habe eine geistig-behinderte Tochter die nie selbstständig sein wird. In Gedanken malte ich die Skala und mir schossen bei dem Ergebnis Tränen in die Augen. Da war sie: meine Verletzbarkeit. Ich sah auf dieser Skala, dass ich wenig bis gar nicht an mich denke. Dass Ruhe und Beständigkeit da sein MÜSSEN; Bewegung und Veränderungen kaum da sind. Ich riss mich zusammen und hörte halb abwesend weiter zu.

Die nächste Aufgabe sollte sein seinen Partner einzuschätzen. Passend dazu kullerten nun bei mir die ersten Tränen. Partner? Hab ich nicht. Es gab dann den Zusatz, dass man auch einen Menschen nehmen kann, der einem nah steht. Ich atmete auf und dachte an meine kleine Tochter. Ok, warum nicht? Also sah ich erneut auf die Skala hatte meine 8-jährige vor Augen. Ihr endlich ausgeprägtes ICH-Verhalten keimt in den letzten Monaten stark auf. Und darauf bin ich stolz. Ruhe und Beständigkeit ist bei diesem Wirbelwind eher selten der Fall. Deswegen auch ein hoher Wert bei der Bewegung-Veränderung. Ich malte nur im Kopf und fasste dieses Blatt Papier nicht weiter an, denn was das Ergebnis war: die Überschneidung zwischen meinen Werten (gemeinsam mit der besonderen Tochter) und der kleinen Tochter waren minimal. Sozusagen 2 Welten. Ich hörte wie die anderen Mütter fröhlich auf ihre Papiere blickten weil sie mit ihrem Partner viel gemeinsam hatten. Und ich wiederum war noch nicht mal in der Lage die Skala für MICH ALLEINE (weil ich eben mit der besonderen Tochter NICHT ALLEINE bin) auszuwerten. Ich stand einfach auf und verliess den Raum. Still. Leise. Suchte mir mein Eckchen und heulte los.

Ich denke es war nicht allein die Gewissheit die mir dieses Papier gab, dass ich in Tränen ausbrach. Ich bin mir meiner besonderen Lebenslage ja durchaus bewusst und verschließe nicht die Augen vor den 2 Welten, die ich immer wieder versuche mit einer Brücke für beide Seiten begehbar zu halten. Es war gewiss der sogenannte Kur-Koller der nun auch mich traf. Und ich darf weinen. Ich darf verletzbar sein. Und ich darf es auch zeigen. Ohne Scham. Und deshalb beruhigte ich mich nach ein paar Minuten und ging zurück in den Panoramaraum und erzählte kurz und knapp von meinem Problem mit dieser Aufgabe. Und ich hatte das Gefühl es lag Verständnis im Raum. Nicht zuletzt deshalb weil einige Mütter im Nachhinein auf mich zukamen und mich einfach umarmten oder mir ein Gespräch angeboten haben.

Ich habe später auch zum Phone gegriffen und mich „zuhause“ geöffnet und nicht einfach die Starke gespielt. Das habe ich lange genug getan. Und wenn ich weiter der „Fliehkraft (kleine Tochter)“ und der „Erdanziehung (besondere Tochter)“ gerecht werden will muss ich offen sein. Denn Offenheit an den richtigen Stellen zu wagen ist Stärke.

Ergebnis

Ver-rückt

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Samstag hatte ich einen Tag für mich allein. Und ich war ich auf Schalke. Zum Derby. Heimspiel. Und hach ja… SIEG! ♥

Radler, Schnäpsken, Prosecco, Siegesglitzerpuls und den ganzen Tag über nix zu Essen hielten dann dafür her, dass ich (Königin der Träumerinnen) in der Nacht einen ver-rückten Traum erlebte.  Alles war in diesem Traum in einen anderen Blickwinkel verrückt. Normal war Anders und die Andersartigen sowas von Normal.

Ich traf die „Supermütter und Heldenväter“, die für Akzeptanz ihrer „normalen“ Kinder kämpften. „Mein Kind braucht eine doppelte Portion Liebe und Geduld, seht ihr das denn nicht?!“ Die sonst so überheblichen Stimmen klangen nach tiefster Entmutigung, Verbitterung und regelrechter Zermürbung. Genau so wie sich meine Stimme oftmals anhört.

Gleichzeitig hörte ich endlich mal ehrliche Freudenschreie der Supermummy´s und Bigdaddy´s wenn ihren Kindern was gelungen ist, wenn sie überhaupt ihren Weg fanden. Genau wie meine Freudenschreie sich manchmal anhören.

Ich lernte mit den 10 Lebensjahren meiner geistig behinderten Tochter, dass Menschen so zu lieben wie sie sind, das Schwierigste im Leben ist. Und dass das Ausmaß dieser Schwierigkeit einzig und allein von unserer Fähigkeit abhängt, Menschen nicht mit unseren Wunschvorstellungen zu belasten. (Auch ich war hier bis vor kurzem nicht fähig genug)

Aber genau so ist es. Und genau so erlebten es in meinem Traum DIE Menschen, die mir im Alltag mit Rat-„Schlägen“ daher kommen. Ich weiss, es gibt viele wundervolle Menschen, die mich und meine Tochter unterstützen. Durch einfache Gesten. Durch Worte. Und euch meine ich auch gar nicht. Ihr wunderbaren Menschen habt mir mitgeholfen mit meiner Tochter umzugehen ohne aus der Liebe zu fallen, ihre Eigenarten auszuhalten und dabei auch auf mich zu achten. ♥

Ich träumte ver-rückt von den Menschen, die urteilen. Ohne nachzufragen. Die, die uns mitleidsvoll und verständnislos anschauen.

Ich kann euch nur sagen: ihr hindert euch selber daran ganz wunderbare Dinge zu entdecken. Eigensinn und Verschiedenheit sollte man als positive Werte begreifen. Und ein Normal braucht immer ein Anders. Und ein Anders immer ein Normal.