Talente

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Während ich diese Zeilen tippe, schläft die besondere Tochter. Es war ein aufregender Tag. Sie ist wirklich fix und fertig. Gestern und heute war bei ihr an der Förderschule die „Show der Talente“. Der Ein oder Andere von euch wird jetzt gähnen. Von mir aus. Ich wiederum bin immer noch voller Begeisterung. Es waren Taschentuchmomente dabei. Und ich muss das irgendwie verarbeiten und somit dieser Blogpost.

EINE FÖRDERSCHULE (Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) LÄDT ZUR „SHOW DER TALENTE“! Eigentlich reicht das schon, mehr müsste ich gar nicht schreiben um euch die 2 Stunden irgendwie näherzubringen. Denn die Einen verdrehen nun die Augen. Und die Anderen wissen es war einfach so gut, so verdammt gut, dass ich gar nicht anders kann, als es mit euch zu teilen!

So gesehen bin ich die ersten 28 Jahren in meinem Leben mit Menschen mit Behinderungen NIE in Kontakt getreten. Bis sie vor mir lag im Inkubator, drei Monate vor Entbindungstermin: meine Tochter. Meine Liebe für sie war/ist von der ersten Sekunde an felsenfest und beständig. Egal ob ganz am Anfang mit Kabeln, Monitoren & Tubus oder jetzt mit zuckenden Bewegungen, lautierend wiederholenden sinnfreien Sätzen – glückliche Augen und Anderssein haben seit zwölf Jahren stetig einen Extra-Express-Eingang in mein Herz. Ganz egal wer!

Nachdem die Tochter vor nunmehr fünf Jahren an dieser Förderschule aufgenommen wurde, stand spätestens nach der Willkommensfeier (Kirche) fest, dass ich Jegliches mir Mögliches tun werde, um diese Lehrer, Praktikanten, Hilfskräfte und vor allem die Kids zu unterstützen. Das Lehrpersonal schon allein aus dem Grund, weil sie FREIWILLIG diesen Weg gewählt haben. Mir wurde ein besonderes Kind „zugeteilt“. Ich hatte gar keine Wahl.

Aber… zurück zur Talentshow. Meine Vorfreude machte mich tatsächlich ein bisschen nervös. Vielleicht auch ein bisschen sehr. Aber sie wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil:

Die Theater-AG eröffnete die Show mit „Watt´n Scheißtach“. Es kamen alltägliche und aktuelle, kurze, Szenen. Aneinandergereiht. Was alles so schief laufen kann wenn man morgens schon mit dem falschen Bein aufsteht. Kaffee schmeckt scheußlich. Der Mann meckert rum weil das Frühstücksspiegelei nicht schmeckt. Der Chef motzt weil die Akten nicht vollständig sind… und zu guter Letzt wird nachts der TV von Einbrechern geklaut: `nen Scheiss-Tag Deluxe. Die sechs Kids hüpfen von Szene zu Szene mit viel Motivation. Und dürfen am Ende SCHEISSE ins Mikro gröhlen. 😉

Die Bauchtanz-AG ist der 2. Akt. Und ja, meine Tochter, tanzt hier mit. Deswegen kann ich hierzu gar nicht viel schreiben. Die berühmten Schmetterlinge fliegen immer noch in mir, halten das Stolz- und Freudegefühl in mir aufrecht. Obwohl ich mit Sicherheit sagen kann, dass meine Tochter alles andere als synchron mitgetanzt hat, hat sie dennoch nicht dem Gesamtbild geschädigt. Es war geradezu putzig anzusehen, wie sie sozusagen in Zeitlupe immer gute zehn Sekunden dem Song bzw. den Bewegungen hinterherhinkte. Und ja, verdammt, es liefen Tränchen bei mir. Denn wer Maja kennt, weiss, dass sie sich eigentlich in nichts hineinpressen lässt. Sie hat ihren eigenen Willen. Und hier hat es anscheinend wirklich die Freude am Tanz und das Teamgefühl erreicht, dass sie mitmacht. Mittanzt. Der Song war übrigens: Lean on. PASST! https://www.youtube.com/watch?v=-AMc7KPOkbY

Kommen wir zum 3. Akt: Die Märchen-AG präsentiert die Traumfabrik. Hier wurde ein Video eingespielt, welches im Laufe des Schuljahres von der Märchen-AG erarbeitet wurde. Kleine Geschichten mit Playmobilfiguren, Schleichtieren, bemalten Ü-Eiern und ja: natürlich auch den Minions! 🙂
Eine wirklich wunderschöne Idee! Bildtechnisch super eingefangen, mit Stimmen und Geräuschen unterlegt. Es war eine Freude diesen kleinen Kinogenuss sehen zu dürfen.

Der 4. Akt lässt mich jetzt noch hachseufzen. Das Tanztheater präsentierte „Lebenslinien“. Zwölf Kids packten sinnbildlich ihre Kisten aus. Ihr Leben. Sowohl Körpersprache, Mimik als auch kleine Gesprächsszenen liessen uns Zuschauer die bisherigen Lebenslinien dieser Kinder entlangfahren. Babyfotos. Erste Freundschaften. Der erste Schultag. Streit. Was ihnen wichtig ist. Was sie noch vorhaben im Leben. Der Abschluss hier war nahezu perfekt als der gerade mal zwei Monate zurückliegende Besuch des Phantasialandes der letzte Punkt auf den Lebenslinien der Kids war. Sie setzten sich an den Rand der Bühne; legten sich die (unsichtbaren) Anschnallgurte der Black Mamba – Achterbahn – an und fuhren mit uns. Die Technik spielte hier die Geräusche der Achterbahn ein. Die Kids kreischten, lachten, flogen leicht nach links, nach rechts, die Arme gingen hoch, … unglaublich wie stark und tief sie sich hier fallen liessen. In ihr Leben. Wunderschön. Und GROSSartig.

Akt Nummer 5 wurde vom Deutschkurs der Familienklassen präsentiert. Der Titel war „Der Stärkste im ganzen Land“. Und ja, hier kam ich erneut in den Genuss meine Tochter auf der Bühne zu sehen. Sie spielte die 7 Zwerge. Die Grundlage zu diesem Stück ist das Buch von Mario Ramos aus dem Beltz Verlag. Wunderschön gewählt, wie ich finde. Denn gerade „besondere“ Kinder haben ja irgendwie mehr als das doppelte Ziel im Auge, wenn sie der Größte, der Stärkste oder der Wildeste sein wollen. Sie haben es schwerer. Klare Sache. Die Story wird hier heute vorgelesen. Die Kinder spielen wortlos. Denn hier wurden Kinder gewählt, die Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren. Aber sie machten es trotzdem verdammt gut, fand ich. Sie ließen sich nicht vom Publikum ablenken. Sie fanden den Mut sich dort oben im Rampenlicht zu präsentieren! Und ganz ehrlich: die Geschichte ging mir natürlich sofort ins Mutterherz, denn sie endet damit, dass dem Wolf gesagt bzw. bewusst wird, dass eine Mutter nunmal die Allerstärkste ist. Ich nicke hier beim Schreiben. Ja. Ich bin stark. Aber ohne meine 2 Töchter wäre ich keine Mutter! Die zwei stärken mich. Immer wieder. Ich wachse an und mit ihnen.

Zwischen Akt 5 und 6 trat noch spontan ein Schüler auf. Als Sänger. Und ich bin jetzt noch baff. Er wurde von einem jungen Mann mit Gitarre begleitet. Zwei Songs (Zombie und Ich wünsche Dir noch ein geiles Leben) wurden derart „frei“ gesungen, dass es selbst dem Gitarrenspieler eine mega Freude war ihn zu begleiten. Das Publikum sang und klatschte fasziniert mit. Das wiederum tat dem jungen Sänger derart gut, dass er mit einem Mal von der Bühne ging und zwischen den Zuschauerreihen spazierte bzw. performte und unbeirrt weitersang. DSDS, The Voice und wie sie alle heissen… man könnte ihn SOFORT dorthinschicken.

Akt 6 war dann mit der Schülerband der Abschluss der Show. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard und vier Sängerinnen. Der Song von Revolerheld „Lass uns gehen…“ war auch hier gut gewählt. Ein schöner Abschluss. Wieder sang und schunkelte das Publikum mit. Ein tosender Applaus zeigte der Schülerband, dass sie es verdammt gut gemacht haben. Überhaupt überall schwebte Stolz in der Luft. Bei den Gästen, bei den Talenten, bei den Lehrern und Hilfskräften. Wunderschönes Gefühl. Gepaart mit ganz viel MITEINANDER und AUGENHÖHE. Hier war heute niemand unter- oder überfordert. (Außer ich vielleicht. Mir fehlten Taschentücher. Aber auch hier hat ein Schüler sofort bei meinem ersten Tränenausbruch gehandelt. Erst dachte ich, ich hätte ihn mit meinem Geheule erschrocken weil er so schnell davonlief. Aber er kam binnen zwei Minuten außer Atem zurück: mit Toilettenpapier. ♥).

 

show 1

 

 

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