Freundschaft. Der zuverlässigste Architekt für glückliche Erinnerungen.

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Er war ein guter Freund von mir. Dennoch konnte ich es nicht verhindern.

Ich will erst gar nicht durch beschönigende Umschreibungen auslöschen, was passiert ist. Er hat sich das Leben genommen, Suizid begangen.

Viele aus unserem gemeinsamen Umfeld sagen nun, dass es völlig unerwartet kam, niemand hätte es voraussehen können oder es verhindern können. Vielleicht nicht, aber es ist einfach nicht wahr, dass niemand damit hätte rechnen können. Es gab Vorzeichen, aber vielleicht konnten oder wollten wir sie nicht erkennen. Ich wollte sie nicht erkennen.

Er hatte jahrelang nicht sehr viel Glück im Leben. Eine zeitlang war er sogar obdachlos, erzählte er mir mal. Auch privat lief es nicht gut für ihn. Ich glaube, er war oft einsam. Wie sehr, habe ich wohl nicht geahnt.

Oft war er deprimiert, traurig und ohne Hoffnung. Keine Hoffnung, dass seine Hautkrankheit (Ekzeme) irgendwann heilbar sei. Er hat auch oft erzählt, dass er nicht weiter wüsste, dass das Leben keinen Spass mache oder keinen Sinn habe. Möglicherweise sagte er es einfach zu oft, so dass wir es nicht mehr hören konnten oder uns daran gewöhnt hatten, dass er eben einfach pessimistisch war und alles negativ betrachtete. Für uns war er wohl jemand, der immer nur die halbleere Flasche Veltins sah.

Wenn ich mit ihm mal schrieb oder telefonierte, habe ich es oft ignoriert, wenn er davon sprach, wie beschissen das Leben war oder warum es ihm schlecht ging. Entweder habe ich dann über Positives in seinem Leben geredet oder einfach das Thema gewechselt. Vielleicht dachte ich, wenn ich es ignoriere, geht es weg.

Aber wenn mal was Schönes in seinem Leben passierte, konnte er auch glücklich oder fröhlich sein. Schalke war sein ein und alles. Und das Essen, Essen, Essen. Aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass einfach selten etwas Gutes in seinem Leben geschah. Er hat immer behauptet, dass er nur Pech hätte, aber ich wollte ihn aufheitern und habe gesagt: „Ach was, seh doch nicht immer so schwarz, auch bei Dir passiert Positives.“ Aber selber bin ich auch diejenige, die solche Antworten nicht mag, sich davon ab- und zurückgewiesen fühlt, wenn ich im Gefühlskeller sitze.

Aber er hat nicht gerade viel Erfolg gehabt in den unterschiedlichen Bereichen seines Lebens. Dabei war er überhaupt kein langweiliger Mensch. Er war geistreich und konnte so witzig und unterhaltsam sein. Auch fragte er immer nach meinen Kindern. Und erzählte mir wiederum stolz von seinem Neffen und seinem kleinen Patenkind. Er war ein guter Freund, der immer bereit war einem zu helfen oder zuzuhören. Ich konnte mich auf ihn verlassen. Deshalb habe ich umso mehr das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben, als er mich gebraucht hätte.

Jedenfalls war er in der letzten Zeit fröhlich – oder er tat so, er redete wenig über sich selbst und gar nicht mehr darüber, dass das Leben schrecklich sei oder sinnlos. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, meine ich, dass er irgendwie über gar nichts mehr geredet hat, sich völllig zurückgezogen und sich selbst irgendwie ausgelöscht hat.

Ja, oft begegnet man dem Satz „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“. Vermutlich klakste ihn ein bekannter Philosoph aufs Papier und die Menschen zitieren ihn im Glauben, der Satz müsse der vollkommenen Wahrheit entsprechen, weil er ja von einem Hochintelektuellen stamme. Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, das will ich hier nicht bestreiten. Doch wir haben schon so viel zu tun, indem wir Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen, dass wir manchmal nicht bemerken, wenn anderen Menschen, Freunden, Familie, ein wenig Selbstverantwortung abgenommen werden muss, weil sie sonst erdrückt werden.

Ich achte bereits gezielt auf Gesten anderer, die vielleicht deren Kummer andeuten könnten, zudem bin ich wachsam und zwar bezüglich meiner eigenen Gesten. So bemühe ich mich stets einfach eine gute Freundin zu sein. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber ich habe fast geweint vor Rührung als genau der Freund, der nun frei verstorben ist, vor einigen Jahren in einem tiefen Tief sagte: „Ich bin froh, dass es Dich gibt.“ Ich habe gelernt, dass es sich auszahlt immer für jemanden da zu sein und einfach mal zuzuhören.

Auch wenn unwiderruflich am Samstag abend dann DER Anruf von einer gemeinsamen Freundin kam, dass er verstorben wäre. Gewollt. Wie sehr muss er gelitten haben, dass er diesen Schritt getan hat? Und wir, sein Umfeld, haben es nicht gesehen, nicht erkannt oder ignoriert. Sicher kann man niemandem die Schuld geben, und es hat auch niemand wirklich Schuld. Ich hätte ihm vielleicht nicht helfen können, weil ich ja nicht die Macht habe, sein Leben schöner zu machen. Das weiß ich. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich ihn hätte ‚retten‘ können. Aber ich hätte gern eine zweite Chance gehabt, genau hinzuschauen, wirklich zuzuhören und für ihn da zu sein. Ihm zu sagen, ich akzeptiere, dass du traurig bist und dass du einen Grund dazu hast, aber gib‘ nicht auf. Ich bin da und du kannst dich auf mich verlassen. Aber es ist zu spät. Es gibt keine zweite Chance.

Ich werde ihn sicher nicht vergessen. Und mit Sicherheit werde ich noch aufmerksamer sein den Menschen in meiner Nähe gegenüber. Und ich werde Suizid nicht tabuisieren, sondern offen reden. Und wenn grad niemand da ist zum reden, niederschreiben. Wie hier.

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  1. Deine Erfahrung berührt mich. Die Art, wie du es aufgeschrieben hast, auch. Ich sehe mich teilweise darin.

    Manchmal halte ich es auch kaum aus, wenn es einem anderen in meinem nahen Umfeld schlecht geht. Und es peinigt mich, wenn ich nichts tun kann. Manchmal wäre alles, was man wirklich tun kann, einfach da zu sein. Auszuhalten, dass es dem anderen schlecht geht und es Grund dafür gibt. Trotzdem da zu sein. Ohne schönreden und sowas.

    Ich verstehe, dass du gerne eine zweite Chance hättest. Vielleicht gibt es die mal in anderer Form, auch wenn es schön wäre, du hättest sie bei genau diesem Menschen. Das Bedauern im Nachhinein verstehe ich.

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