Anders anders

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Vor kurzem war ich beruflich zu einem Workshop geladen. In der Vorstellungsrunde sollten wir ein wenig von uns erzählen. Ich tat dies. Stolz nannte ich die Namen und das Alter der zwei Töchter. An diesem Tag war ich zudem mutig genug, in einem Nebensatz, die geistige Behinderung meiner älteren Tochter zu erwähnen. Und wirklich war auch ein Kollege desselben Mutes unterwegs und sprach mich in der Pause auf die Tochter an. „Sie haben ein Kind mit Down-Syndrom?! Das wusste ich gar nicht.“ – Schweigen – meinerseits eher eine verdutzte, kurze Stille. Dann wiederum lächelte ich. Woher sollte er denn auch wissen… und antwortete: „Nein. Maja hat keine Trisomie 21. Sie ist anders anders.“ Seither geht mir dieses kurze Gespräch nicht aus dem Kopf. Denn es war nicht das erste Mal, dass sofort dieser Trugschluss gemacht wurde, meine Tochter hätte das Down-Syndrom sobald ich erwähne, dass sie anders ist.

Individualität. Jeder ist doch anders. Anderssein ist sogar cool, wenn die Merkmale des Andersseins mit dem Geschmack der breiten Masse einhergehen. Jedoch hört das coole Anderssein abrupt dort auf, wo wir es nicht mehr in der Hand haben diese Charakteristika, gerade des äußeren Erscheinungsbildes, zu bestimmen. Die eine Sache ist die, morgens zu entscheiden auf Make-up zu verzichten, statt in die feine Sekretärinnen-Bluse in den Kapuzen-Hoodie, anstelle in den Bänkerinnen-Rock in die Sporthose zu schlüpfen, Hackenschuhe gegen Sneakers zu tauschen oder damit leben zu müssen aufgrund äußerer Merkmale wie Gesichtsform, Augenpartie, Waschlappen-Zunge, immer und zu jedem Zeitpunkt aus der Masse rauszustechen.

Menschen mit Trisomie 21 geht es so. Sie sind gekennzeichnet von eben jenen Merkmalen, die jedermann direkt ins Auge fallen. Die übergroße Zunge, die besondere Lidfalte, die eher etwas kleinere Gestalt und der Gang wäre besonders, sagt man. Meine Tochter Maja hat diesen Gang. Und auch „andere“ äussere Merkmale wie Mandelaugen, eine etwas zu breite Nase, kleine Ohren und sie ist übergewichtig. Zudem hat sie auch dieses unglaublich bezaubernde, sonnige, lebensfrohe und positive Gemüt, das Menschen mit Trisomie 21 nachgesagt wird. Sie ist pure Herzlichkeit. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben, baut auf Vertrauen und glaubt immer an das Gute im Menschen.

Und trotzdem, wenn ich mal „kinderlos“ unterwegs bin, sehe ich diese besonderen Menschen kaum. Ich weiss als Mutter eines Kindes mit Schwerbehinderung, dass es im Integrativ-Kindergarten anfängt, mit der Förderschule weitergeht und meist mit Werkstatt, Küche oder Wäscherei endet. Es scheint Menschen mit äußeren „Anderssein“-Merkmalen fast verwehrt „normal“ aufzuwachsen. Dabei kann, möchte und will ich der großen breiten Masse ehrlich gesagt ein bedauerliches SCHADE entgegenschmettern, denn ihnen entgeht Warmherzigkeit. Empathie (zu lernen und zu leben). Verwantwortungsbewusstsein. Hilfsbereitschaft. Toleranz und ein Gemeinschaftsgefühl deluxe.

Und auch für Menschen wie meine Tochter wäre es schön, wenn sie ein noch größeres Umfeld hätte, das an sie glaubt und sich gegen alle Widrigkeiten für sie ensetzt. Wenn sie gefördert und gefordert wird, wie jedes Kind, dann steht auch ihr die Welt weitgehend offen. Und das ist auch Majas Wille. Das merke ich von Jahr zu Jahr mehr. Sie hat den unbändigen Willen, die Kraft und Energie dazuzugehören. Zu ALLEN.

VonEINANDER lernen. High-Level.

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