WARUM?!

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Verliebt. Verlobt. Verheiratet.
Und als nächstes, zum perfekten Glück, eine eigene Familie. Das war unser Wunsch.
Mit viel Hilfe wurde ich auch schwanger. Zwillinge. Die widerum viel zu früh auf die Welt kommen mussten. Denn bereits in der 19. Schwangerschaftswoche wurde ich stationär aufgenommen und ich hatte ANGST. Um diese 2 kleinen strampelnden Lebewesen in meinem Körper. Die Tage und Nächte waren schier endlos für mich. Nach 7 Wochen still liegen waren mein Rücken und Hintern wund gelegen. Und irgendwie war das Fieber, welches mich in der 26. Schwangerschaftswoche überkam wie ein (Alp-)Traum für mich, aus dem ich nicht mehr aufwachen wollte. Mit hoher Temperatur und am ganzen Körper zitternd wurde ich in den OP geschoben. Meine Hände lagen auf meinem Bauch, auf meinen Kindern, und dann kam Dunkelheit.

Diese Dunkelheit nahm mir eines der beiden Kinder für immer. Ich wurde wach, fasste mir auf den Bauch, auf dem Gewichte lagen. Ich fühlte mich leer, verloren und allein. Tränen fluteten mein Gesicht. Ich redete mir ein, ich würde bestimmt noch träumen. Wunschdenken. Die Krankenschwester, die neben mir stand, schien meine Gedanken lesen zu können. Sie schluckte schwer, schwieg aber. Dafür sprach mein Mann. Stockend. Der Junge hätte es nicht geschafft. Und das Mädchen würde noch um ihr Leben kämpfen, und er würde nun zu ihr gehen. Ich wurde auf mein Zimmer geschoben. Und ich betete. Das habe ich zuvor nie gemacht. Auch nachher nie mehr. Es war das Einzige, was mir in dieser Situation sinnvoll erschien. Was hätte ich sonst tun sollen?!

Irgendwann kam mein Mann ins Zimmer. Er sagte, dass die Schwestern und Ärzte meinen, wir sollten uns von unserem Sohn verabschieden. Wir brachen beide in Tränen aus. Und unsere Eltern, die im Türrahmen standen, mit uns. Was ich all die Wochen im Krankenhaus still vor mich hinliegend über gefürchtet hatte wurde wahr: ich habe es nicht geschafft die Kinder zu beschützen. Schlimmer noch. Der Tod nahm erneut Gestalt in meinem Leben an. NIE werde ich vergessen, wie eine Schwester mir das winzige, leblose, kleine Bündel auf meinen Arm legte. Es war nun bereits Ostersonntag im Jahr 2004. Von dem Tag an war mein Leben ein anderes.

Jeder war völlig überfordert. Vor allem wohl auch angesichts des Schmerzes der Anderen. Die Beerdigung des eigenen Kindes zu erleben, ist unvorstellbar grausam. Dieser Tag begleitet mich seither wie ein schwerer, dunkler Traum. Ich konnte mich körperlich kaum halten, hatte doch gerade erst einen Kaiserschnitt hinter mir, zudem lag ich sieben Wochen um das Leben meiner Kinder bangend wie ans Bett gefesselt im Krankenhaus. Mein Kreislauf, meine Muskeln, mein leerer Bauch und vor allem mein nun lebloses Herz machten mir diesen Tag Schwarz. Tiefschwarz. Ich habe mich nicht beschützt gefühlt. Im Gegenteil. Worte wie „Sabine, wie konnte das nur passieren.“ – „Hey, Du machst mir Kummer.“ – und vor allem das „WARUM?“ von allen Seiten liessen meine eh mir selbst auferlegten Schuldgefühle größer und größer wachsen. Ich war schließlich diejenige, die die 2 Kinder in sich trug. Habe ich mich falsch ernährt? Habe ich mich falsch bewegt? Habe ich…? WARUM NUR???

Es dauerte fünf Wochen, bis die Ärzte Entwarnung für unsere Tochter gaben. Fünf Wochen weitere Ungewissheit, die bei mir zudem eigentlich keine Hoffnung mehr zugelassen haben. Ich weiss noch, wie ich fast jede Nacht träumte, dass mein Sohn von oben als Engel seine Schwester zu sich nahm. Aber ich hatte niemanden mit dem ich über diese schwarzen Träume sprechen konnte. Meinen Mann wollte ich damit nicht belasten, denn er hatte mehr als genug damit zu tun, das zu verarbeiten, was er miterlebt hatte. Er war beim Tod des Sohnes dabei.

Mein Herz fuhr zweigleisig von dem Tag an, an dem ich meine Tochter endlich auf dem Arm halten durfte. Sie war gerade mal 30 cm klein, wog 800 Gramm, war an vielen Kabeln und Schläuchen angeschlossen, und trotzdem durchlief mich eine Wärme, die mir wieder Leben einhauchte. Eine kleine Flamme fing wieder in mir an zu zündeln, zu glitzern. Ich hatte ein Kind verloren und empfand tiefste Trauer und Wut und gleichzeitig war da trotzdem diese riesige Hoffnung und Liebe für meine winzig kleine Tochter, die hier auf meinem Oberkörper lag. Mir war nicht richtig klar, dass ich glücklich sein darf. Ich dachte, warum musste mein Sohn sterben und nicht ich? Warum soll ich weiterleben dürfen? Ich hatte keine erwachsenen Mechanismen in mir, die mir hätten sagen können, dass ich da keinerlei Macht oder Einfluss drauf habe. Und ja, es hat Jahre gedauert, bis ich kein schlechtes Gewissen mehr hatte, wenn es mir gut ging.

Nach einigen Wochen kam eine Freundin auf mich zu, die mir von ihrem Partywochenende erzählte. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir so etwas Banales erzählen konnte, angesichts dessen, was passiert war! Ich unterdrückte meine Wut und meine Tränen. Denn die Welt dreht sich weiter. Für alle. Und man will ja niemanden zur Last fallen. Also gewöhnte ich mir die Tränen ab. Geweint wurde nicht. Es wurde geschwiegen. Auch zwischen meinem Mann und mir. Die Zähne wurden zusammen gebissen. Wir funktionierten. Schlussendlich vor allem für die gemeinsame Tochter.

Mein Mann ging rasch wieder arbeiten. Eine Art Flucht, denke ich. Flucht vor der Trauer. Jeder verarbeitet anders. Ich lernte die Tränen und den Schmerz herunterzuschlucken. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das ohne professionelle Hilfe geschafft habe. Ich denke, dass meine Tochter mir geholfen hat. Sie war ein Extrem-Frühchen und brauchte all meine Aufmerksamkeit und vor allem all meine Liebe. Da war keine Zeit für Trauer.

Wir besuchten oft das kleine Grab. Aber sein Name, Mika, wurde nicht oft erwähnt. Schweigend Blumen einpflanzen, kleine Stofftiere hinlegen und eine Kerze anzünden. Aber im Alltag würde die Nennung seines Namens doch Wunden aufreissen und jeden mit dem eigenen Schmerz konfrontieren. In diesem Schweigen lag und liegt heute noch so viel Schweres, so viel Dunkles und so viel Angst. Jedenfalls bei mir. Die gemeinsamen Besuche am Grab wurden für mich zur Tortur. Schon auf dem Weg Parkplatzfriedhof hatte ich einen Kloss im Hals und wäre am liebsten wieder gefahren. Und doch habe ich mich jedesmal überwunden, denn ich hatte das Gefühl ich würde meinen Sohn nicht die Treue halten, wenn ich sein Grab nicht besuche.

Erst nach zehn Jahren habe ich mir professionelle Hilfe geholt und fing an zu sprechen. Und selbst hierzu war ich anfangs nicht imstande. Jahrelang trainiertes Schweigen und Schuldgefühle kann man nicht plötzlich ablegen. Aber ich habe an mir bzw. an der Trauer gearbeitet. Ich habe Konfrontation gesucht, gesprochen, Antworten und Erklärungen gesucht, habe gekämpft… und irgendwann: akzeptiert. ♥

 

Das hier ist meine Sicht der Dinge. Es gibt in der Familie durchaus andere Blickwinkel und Empfindungsweisen. Jede ist für sich gültig und bedeutungsvoll.

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