In Deinem Kopf

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Ich habe es immer wieder versucht. Du nahmst weder den kleinen Finger, noch die Hand, und schon gar nicht den Arm.

Ein Wutanfall deluxe. Ich habe versucht Dich zu beruhigen. Mit ruhiger Stimme. Erfolglos. Dann fing ich an zu schimpfen. Laut. Auch das interessierte Dich nicht. Also wartete ich einfach ab. Still. Geduldig. Bis auch Du still wurdest. Und nicht einmal jetzt würdigst Du mich eines Blickes. Du stehst vor mir, Dein Blick gesenkt, irgendeinen Punkt auf dem Boden mit leeren Augen anstarrend. Dann schaust Du wieder auf die anderen „normalen“ Kinder und mitten drin steht Deine kleine Schwester. Auf Rollschuhen. Und Du möchtest es auch so gerne, einfach in Rollschuhe steigen und losdüsen. Wie gern würdest Du das. Tief tief in Dir.

Und viele andere Sachen möchtest Du auch können. Du stehst weinend vor mir in den letzten Tagen, Monaten, Jahren. Du hast immer wieder von mir Umarmungen und ruhige auf Dich einredende Worte von mir bekommen. Mit Tränen in meinen Augen und Angst in meinem Blick. Angst um Dich, meine große Tochter. Weil ich Dich so sehr liebe. Ich glaube, manchmal spürst Du diese Liebe nicht, Du kannst sie nicht fühlen. Dafür bist Du zu betäubt, von IRGENDETWAS IN DEINEM KOPF. Du wirkst manchmal so verloren auf Deinem Weg. Du lauschst meinen Worten, dennoch kommen sie nicht an, sie treffen lediglich eine Mauer.

Irgendwann wird man müde, man legt immer wieder dieselbe Platte auf, Worte über Worte, Verzweiflung über Verzweiflung. Ich versuche jeden Deiner Sinne zu reizen, mehr kann ich nicht machen. Ich darf mich nicht mitziehen lassen, den Halt nicht verlieren. Manchmal sind meine Augen müde, träge und traurig, der Kopf zermürbt, Gedankenkarusselle, die in der Zukunft enden, die Stimmung im Keller, die Glücksgefühle sind nur noch künstlich zur Außenwelt ausgegraben.

Es schnürt mir die Kehle zu, wann immer ich Dir „NEIN, das kannst Du nicht, mein Kind.“ sagen muss. Ein NEIN gibt es für Dich nicht. Für Dich gibt es immer nur das JA. Zu jeder Zeit. Man sieht, Du WILLST dazugehören, es zieht dich immer wieder zu anderen Kindern hin. Du möchtest ein Teil von ihnen sein. Du möchtest Fahrrad fahren, ohne Schwimmflügel ins tiefe Becken springen, einen Topflappen häkeln, Deine Schuhe zubinden, alleine draussen rumlaufen und Rollschuhfahren.

Der Wille ist da. In Deinem Kopf. Und so lange ich diesen Willen in Dir sehe, keimt in mir soviel Hoffnung, dass es doch anders kommen könnte. Und diese Hoffnung teilen mit mir auch die Liebsten. Sie beobachten uns ja, mit etwas Abstand. Und machmal, wenn ich ganz tief unten bin, sehe ich diese Anteilnahme nicht. Von niemanden. Stattdessen krieche ich wie ein Kellergeist in meinem Selbstmitleid. Fühle mich einsam, fühle mich anders als die anderen. So unverstanden. Und ich mache dicht. Die Tür zum Leben. Genau wie Du, mein Kind, in Deinen Wutanfällen. Eine Tür, die sich uns nur öffnet, wenn wir endlich fühlen, was wir verpassen.

Wenn wir fühlen, was andere fühlen. Wenn wir fühlen, wie schön das Leben trotzundgeradedeshalb sein kann. Lass es uns „zulassen“!

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  1. Ich habe bei diesem Text, das Bedürfnis, dich in den Arm zu nehmen und dich zu trösten. Aber was weiß ich schon von deinem Leben und von dir außer den paar Worten hier auf dem Blog. Sie klingen traurig und hoffnungsvoll zugleich. Ich habe Mitleid mit deiner großen Tochter, nicht erbärmliches Mitleid, sondern warmes und mitleidendes Mitgefühl. Und mit dir, wo du für mich wirklich SO STARK bist, selbst wenn es sich für dich wohl oft gar nicht so anfühlt.
    Ich wünsche euch beiden Rollschuhe und Achterbahnfarten, Topflappen und tiefe Becken soviel ihr es wollt & braucht! Und dass du das Vertrauen und die Hoffnung deiner Lieben wirklich spüren kannst!
    Unbekannterweise…
    Mathilda

  2. Lass den Trotz mal zu………….

    und genieße (wie Du es eigentlich auch weißt), dass das was da ist, etwas Gutes ist.

    Und jeder verdammte, bewältigte Tag bringt auch einen kleinen Schritt vorwärts mit sich!

    fühl Dich gedrückt

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