GutMENSCHEN

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Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich mit der besonderen Tochter an einem ihrer besonders guten Tage mutig in der City unterwegs. An der Eisdiele war nicht viel Betrieb und mit kurzem Blick erkannte ich, dass die Kellner nicht viel zu tun hatten und wir wahrscheinlich ohne lange Wartezeit das gewünschte Eis zügig am Tisch haben. Alles reine Kalkulationen, die ich vornehmen muss, da eventuelle Wartezeiten von der besonderen Tochter nicht akzeptiert und somit lautstark rebelliert werden.

Aber: es schien alles gut zu gehen. Dachte ich jedenfalls. Nicht einkalkuliert hatte ich nämlich, dass auch ein Kellner mal einen Eisbecher fallen lassen kann. Und zwar direkt vor der Nase der besonderen Tochter. Die Rebellion begann mit einem ruckartigen Zurückschieben des Stuhls, gleichzeitig gingen die Kinderfäuste hoch in die Luft und ich hörte ein laut weinerliches „Oooooh nein! MEIN EIS! RUNTERGEFALLEN!“ als wäre es ihr Fehler gewesen.

Der Kellner wurde mehr als nervös, denn spätestens jetzt merkte er wohl dass etwas mit diesem Kind nicht stimmt. Er wusste nicht was er zuerst machen sollte, das Eis-Desaster vom Boden entfernen oder diesem seltsamen Kind einen neuen Becher bringen? Da die Tochter immer lauter wurde und sie nun auch mit den Füßen stampfte und ihr Kreischen durch die Fußgängerzone schallte, half ich dem jungen Italiener schnell bei der Entscheidung, indem ich ihm meinen Becher aus der anderen Hand nahm und diesen meiner Tochter vor die Nase stellte. Sofort nahm diese wieder Platz, ging mit ihrem Jackenärmel durch ihr Rotztränengesicht, atmete tief ein, bedankte sich artigst bei mir mit einem „Danke, liebe Mama!“ und fing an das kalte Süß zu löffeln. Dazu sang sie mit allerbester Sonnenscheinlaune „Himbeereis zum Frühstück…“ als wäre das Alles gerade eben gar nicht geschehen.

Die Tische um uns rum waren weiterhin frei, an einem Tisch weiter entfernt jedoch sassen ein Mann mit seiner Frau und ein junges Mädchen etwa im Alter meiner besonderen Tochter. Mir fiel auf, dass sie uns seit der Szene gerade immer wieder ansahen und über uns sprachen. Sowas merkt man ja. Meiner Tochter lief trotz ihrer mittlerweile zehn Jahre einiges vom Eis übers Kinn und tropfte dann auf ihre Jacke und Hose. Davon liess sie sich aber nicht weiter stören, anscheinend aber die gerade erwähnten Personen am Familientisch ein Stück weit entfernt. Die 3 wechselten Worte, blickten im Wechsel auf uns und auf ihre Eisbecher. Innerhalb weniger Minuten kam meine übliche Wut hoch, Gedanken wie „glotzt nicht so doof!“ und „kann nicht jeder die perfekte Tochter haben“ schossen mir durch den Kopf.

Ich beschloss, mich nicht weiter drum zu kümmern und summte den OldiebutGoldieEisSong der Tochter mit. Ich provozierte sogar denn als der Refrain kam „… Du und ich WIR WAREN HOFFNUNGSLOS VERRÜCKT!“ sang auch ich laut mit. So! Wenn die schon lästern wollen, dann geb ich denen auch Munition, dachte ich mir böse.

Als die Familie ihren Tisch verließ kam die Tochter zu meiner Tochter und sagte. „Du singst wirklich wunderschön!“ Zur kompletten Überrumpelung sagte die Mutter total freundlich zu mir: „Clever, wie Sie bei dem Eisunfall reagiert haben!“ Ich stammelte: „Ehm ja, also Danke.!“ Oh.

Deswegen schauten sie uns immer wieder an. Sie lästerten nicht darüber, dass meine Tochter einen Ausraster gehabt hatte oder gar, dass sie ein offensichtliches geistiges Handicap hat. Ganz im Gegenteil: Sie bewunderten uns ein wenig. Sie fanden uns trotz alledem so sympathisch, dass sie uns ansprachen.

Und da fiel es mir auf: Warum unterstellen wir anderen Menschen eigentlich immer böse Absichten? Warum betrachtete ich es nicht als Möglichkeit, dass andere Menschen meine Tochter akzeptieren wie sie ist? Warum unterstellte ich ihnen sofort, sie würden sich das Maul über uns zerreißen? Liegt das an unserer Gesellschaft, in der es ganz normal ist, dass jeder über die Schwächeren, nicht Perfekten, herzieht? Liegt es an meinen Selbstzweifeln? Oder an den (eigentlich wenigen) blöden Erfahrungen die ich / wir bisher gemacht haben?

Ich gehöre selbst zu der Sorte Mensch, die, wenn sie Menschen mit Handicap sieht, neugierig und freundlich inspiziert. Natürlich nicht auffällig. Aber wenn ich einen solchen Menschen dann auch noch sympathisch finde, kann ich kaum noch wegsehen und empfinde das dringende Bedürfnis, diesen kennenzulernen, anzusprechen. Und wenn das geistig vielleicht gar nicht möglich ist, spreche ich die Angehörigen an. Es mag am selben Schicksal liegen. Oder einem Zauber. Einem gewissen Extra. Und nun stelle ich mir die Frage: Besitzt meine Tochter auch dieses gewisse Etwas? Wurden wir deshalb von der Familie angesprochen?

Jedenfalls danke ich Euch, mir unbekannte Familie, für dieses Kompliment. So ein Feedback ist Gold für mich. Ich danke wirklich sehr. Euretwegen habe ich nun ein wenig mehr Selbstbewusstsein welches mir Kraft gibt. Kraft für meine Tochter.

Ich bezahlte die Eisrechnung nicht mit hängendem Kopf und Blick nach unten. Nein, ich bezahlte mit einem strahlendem Lächelblick auf meine eisverschmierte, singende Tochter.

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  1. Ich glaube, es ist die Erwartungshaltung, dass man (ich / Du) für verrückt gehalten wird.

    Weil es mir halt ein zwei mal passiert ist.

    Ich bin dünnhäutig. Ich sehe manchmal auch nicht das Lächeln, was beim Anschauen vielleicht da war. Ich gebe mir Mühe, selber so offentsichtlich zu lächeln, damit die, die ich beobachte, weil sie mir so nah sind, dieses Lächeln auch sehen können.

    Vielleicht ist das ja ein Weg zur Lösung. Offensiv beim selber beobachten Lächeln und freundlich Nicken. 💡

    Und diese Familie, einfach nur toll Dazu habe ich nur in den seltensten Fällen den Mut!

  2. Schön und berührend deine Geschichte. Ich wünsche euch viele Menschen, die das wunderschöne Singen und anderes wahrnehmen und mitteilen!
    Über dein Folgen freue ich mich, dann werden wir uns „lesen“. Herzliche Grüße dir!

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