Ein neues Schuljahr – Erwartungen

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Das neue Schuljahr hat begonnen. Nach über sechs Wochen Sommerferien kann ich für mich sagen: es wurde allerhöchste Zeit! Denn es musste dringend wieder ein Tagesrhythmus gefunden werden. Vor allem für die besondere Tochter.

Am zweiten Schultag der kleinen Tochter war in ihrer Schule die Einschulung der “I-Dötzchen”. Bei schönstem Sommerwetter wuselten die Erstklässler mit bunten Schultüten aufgeregt über den Schulhof. An den Gesichtern der Familienangehörigen konnte man Stolz und Freude ablesen. Über jedem Kopf eine riesige Sprechwolke mit dem großen Wort “Erwartung”.

Einen Tag später das gleiche Szenario an der Schule der besonderen Tochter. Einer Förderschule für Kinder mit besonderem Bedarf. Die Aufgabe dieser Schule ist die individuelle Förderung im Rahmen der geistigen Entwicklung. Und auch hier gab es natürlich bunte Schultüten mit den dazugehörigen aufgeregten Kindern. Was aber sofort ins Auge fiel: Es sind weitaus weniger Familienangehörige da. Meist ist nur ein Elternteil anwesend und bei zwei Kindern erkenne ich einen Kinderheimleiter. Und trotzdem hat die Schule es geschafft, eine familienähnlich warme und freundliche Atmosphäre zu schaffen. Lehrer, sonstiges Personal und auch die Schüler haben – bestimmt nicht nur für meine Augen – etwas Verzauberndes an sich. Vielleicht ist es auch einfach alles zusammen: Das Entgegenkommen, das Einfühlungsvermögen, die Gutmütigkeit… vielleicht sogar Dankbarkeit?! Ich weiß es nicht. Aber ich genieße dieses Gefühl immer vollstens.

In meinem Kopf und Herz schwirren gerade die bunten Bilder der Einschulungen meiner Töchter. Ich durfte beides erleben: Mit der besonderen Tochter einen Schultstart in einer Förderschule. Und mit der jüngeren Tochter einen Schulstart an einer Grundschule. Und ja: einmal erwartungsfrei und einmal erwartungsvoll.

Ich war frei von Erwartungen beim Schulstart von Maja, weil ich gelernt habe, alle großen Meilensteine der kindlichen Entwicklung Obelixmässig wegzukarren. Bei einem besonderen Kind, wie sie es ist, ist es besser, keine Ziele zu setzen, keine Ergebnisse zu erwarten, keine Diskussionen zu führen und erst Recht keine Vergleiche zu machen, das Wort Zukunft wirklich nur ein Wort sein zu lassen und die Gegenwart möglichst warm und rosa zu halten. Ich habe nun mal die langfristige Wahrheit ihrer Besonderheit vor Augen. Das Einzige was ich machen kann, ist meiner Tochter meine Liebe zu zeigen und ihr Zeit und vor allem Geduld zu geben. Sie immer wieder zu ermuntern das zu tun, was sie kann. Denn das macht sie glücklich. Auch wenn es noch so oft wiederholt wird, denn Wiederholungen geben ihr Sicherheit. Ich beobachte gerne, wie sie somit frei von Egoismus und Ehrgeiz ist. So ganz anders als wir.

Bei Jenna war ich natürlich am ersten Schultag genauso voller Erwartungen wie alle anderen Grundschuleltern auch. Weil ich weiß, dass sie ihre Flügel streckt, wächst, dazulernt und mit ihrem Können auftrumpfen wird. Es ist so wunderbar schön zu sehen, wie sie sich in dem 1. Schuljahr entfaltet hat. Wo vorher nur einzelne Buchstaben gelesen werden konnten, sind es nun kleine Geschichten, die selbständig abends vorm Zubettgehen aus ihren Lieblingsbüchern laut vorgelesen werden. Und selbst, wenn sie mal in der Schule nicht so gut mitkommen sollte: dann schraube ich die Erwartungen eben zurück. Mit dem wohlwissenden und dankbaren Gefühl, dass ich bei diesem Kind überhaupt Erwartungen stellen darf.

Nach dem Einschulungsgottesdienst der Förderschule bin ich noch ein wenig geblieben und habe weiter beobachtet. Mir hallten noch die Worte von einem Tag vorher im Kopf: Stundenplan, Bastelmaterial, Sitzordnung und Schultüteninhalt waren die Themen auf dem Schulhof der Grundschule. Hier aber unterhielten sich die Eltern der neuen Förderschüler darüber, welche Medikamente bei Anfällen am besten helfen und welche Schluckbeschwerden es bei den Mahlzeiten geben könnte. Ein kurzer Traumgedanke von mir war, dass alle Kinder GEMEINSAM auf einem Schulhof stehen. Aber dann wiederum schüttelte ich energisch den Kopf. Gespräche über Anfälle oder gar ein Anfall selber wäre zu furchteinflößend für die anderen Kinder. Unsere Momente der Trauer – ja, die haben wir Eltern eines besonderen Kindes, und die stehen uns meines Erachtens auch durchaus zu – wirken bestimmt befremdlich. Und umgekehrt wirken die “Alltagsprobleme” der Eltern auf uns teilweise lächerlich winzig. Es sind zwei Schulwelten. Und ich darf beide erleben. In einer Welt mit einem Blick auf die Gegenwart und in der anderen Welt mit einem kleinen Blick in die Zukunft. Ich besitze eine Entschlossenheit in beiden Welten loyal und liebevoll mein Elternsein auszuleben. Mit all der Menschlichkeit, die darin steckt.

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  1. Ich kann mir im Moment nur vorstellen, wie das ist, wenn die Kinder endlich (zurück) in die Schule gehen. Bei meinen Kolleginnen sehe ich nur glückliche, entspannte Gesichter. Und Neid bei denen, deren Kinder noch zu klein sind. ^^

    (Ja, ich finde, auch Eltern dürfen egoistisch sein.)

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