Macht die Türen auf

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Der halbjährliche Termin im Sozialpädiatrischem Zentrum (SPZ) für die schwerbehinderte Tochter Maja steht an. Ich markiere diesen Termin immer besonders auffällig im Kalender. Weil es auch immer ein besonders auffälliger Tag für Maja ist. Der Vormittag verläuft normal. Sie geht zur Schule. Aber nach dem Mittagessen stehe ich mit einem Mal im Klassenzimmer. Als ahne sie, dass es nun nicht turnusmäßig im Alltag weitergeht, schmeisst sie sich auf den Boden und ruft NEIN. Aussenstehende würden jetzt denken „oh, das Kind hasst ihre Mutter“. Hier an dieser wunderbaren Schule allerdings wird über Maja´s seltsames Verhalten beim Abholen hinweggesehen. Weil es normal ist.

Die Klassenlehrerin hilft mir das Töchterchen schnell zu beruhigen. Ich erzähle der Kleinen wir gehen in die Stadt. Ist ja auch nicht gelogen. Das Krankenhaus mitsamt SPZ ist in der Stadt. Während Maja ihren Schulranzen holt, spreche ich noch kurz mit ihrer Lehrerin über den neuesten Tick: Türen. Auch in der Schule lebt Maja diesen Tick zurzeit aus. Maja geht an keiner Tür vorbei, ohne die Klinke runterzudrücken, kurz in den Raum zu schauen und die Tür wieder zu schliessen. Gerne auch mehrmals hintereinander. Manchmal wird die Tür zaghaft leise geöffnet und manchmal laut gedonnert. Unsere Haustür hat mehrere kleine Milchglasscheiben in der Mitte. Mal schauen wie lange noch.

Maja steht artig vor mir mitsamt Schulranzen auf dem Rücken. Sie tippelt langsam die Treppe runter in den Schulhof. Wir kommen an genau fünf Klassenzimmer vorbei, da es aber noch Mittagspausenzeit ist sind die Türen bereits geöffnet. Ich seufze. Wohlwollend.

Auf der Fahrt in die Stadt zum Krankenhaus gehe ich im Kopf die Gänge durch. Wie erreiche ich den Keller zum ersten Termin (EEG) ohne an vielen Türen vorbeizukommen? Ich parke somit auf der Hinterseite vom Krankenhaus, sodass wir einen Nebeneingang nutzen können. Bevor wir das Krankenhaus von dort betreten drücke ich Maja eine kleine geöffnete Wasserflasche in die Hand, damit sie beschäftigt ist und nur noch eine Hand frei hat. So sollten wir hoffentlich gut an den Türen vorbeikommen. Und: es klappt! Wir erreichen ohne Türkämpfe den Keller und den Raum des EEG´s. Maja lässt sich diesmal ohne Geschreie 6 große lange Gummibänder an den Kopf schnallen und die dazugehören vielen kleinen Knöpfe drunterschieben. Und bleibt auch brav die erforderlichen 15 Minuten im bequemen Liegestuhl sitzen. Ich habe in diesen Minuten Zeit mir den Weg zur Neurologin im SPZ zusammenzustellen. Ich hoffe, die Lösung „Wasserflasche“ zieht nochmal.

Wir bekommen die Patientenakte in die Hand gedrückt und dürfen los zur Neurologin. Das Kind hat jedoch keinen Durst mehr und verweigert die Wasserflasche. Die Dame vom EEG lacht noch über Maja´s Gangweise, wie sie den Flur zum Aufzug hinrennt. Sie würde „moven“. Und sie hat Recht damit. Dieser hypotone pummelige drollige Körper ist einfach süss anzusehen beim Laufen. Hach… AUFWACHEN! Zu spät. Maja hat bereits die erste Tür in der Hand. Ich renne hinterher und wir sind in der Milchflaschenküche der Säuglingsstation gelandet. Eine vermummte Frau in Weiss schaut streng. Verständlich. Hygiene und so. Ich entschuldige mich schnell und schiebe Maja hinaus. In dem Moment öffnet sich die Aufzugtür. P E R F E K T.

Im Krankenhaushof angekommen treffen wir eine Nachbarin meiner Eltern. Im Rollstuhl. Sie bittet mich, sie ins Hauptgebäude zurückzufahren. Machen wir gerne. Vor allem, weil Töchterchen mithilft. Sie schiebt den Rollstuhl mit mir zusammen und ich schaue grinsend die vielen Türen an, an denen wir vorbeigehen, ohne dass Maja diese registriert.
Die Station der Nachbarin ist neben dem SPZ. Wir verabschieden uns und wandern ins Sekretariat zum Anmelden. Das Anmeldepult hat eine Schwingtür. Maja schaut neugierig und in der Zeit in der ich nach der Krankenkassekarte suche ist sie bereits durch die Schwingtür auf der anderen Seite des Pults. Naja, wir sind im SPZ. Hier sind nur besondere Kinder. Kann man am Gesicht der Sekretärin erkennen. Sie lächelt Maja an. Und schon höre ich die Stimme unserer Neurologin auf dem Gang. Keine lange Wartezeit heute. Sehr gut. Die Neurologin umarmt ihre Patientin und sagt ihr, sie dürfe schon mal in ihr Zimmer gehen. Ich schaue den Gang hinunter und sehe: Türen. Ich nehme Maja fest an der Hand und schon geht´s los. Sie zieht mit aller Kraft an meiner Hand und will direkt die erste öffnen. Die Neurologin schaut verwundert. Ich erkläre ihr kurz den neuesten Türen-Tick. Sie nickt besorgt und hilft mir Maja zum Ende vom Gang zu bugsieren. Wir besprechen im Zimmer kurz das EEG. Weiterhin sehr kurvenreich. Leider. Aber es hat sich nicht verschlechtert. Medikamentendosis soll beibehalten werden. Es werden noch verschiedene kleine Tests (Farben, Puzzles, Wortspiele) gemacht. Die Neurologin ist zufrieden. Ich auch. Wir können gehen. Töchterchen verabschiedet sich mit einem lauten Tschüss und rennt schon auf den Gang. Ich wiederum kann gar nicht so schnell meine Handtasche und die Unterlagen schnappen. Maja hat bereits 3 Türen geöffnet und die Ärzte stehen auf dem Gang um zu sehen was los ist. Ich renne Maja schimpfend hinterher und sie bleibt stehen. Ihr Blick geht von den Türen zu mir und wieder zu den Türen. Und es geschehen Wunder: sie reicht mir die Hand. Und schon ist mein Ärger verschwunden.

Draussen vor dem Krankenhaus ruft mein Kind „Stadt gehen“. Hat sie also nicht vergessen. Da ich bei H&M für Maja 3 Sommerjacken an der Kasse hinterlegt hatte um sie anzuprobieren gehen wir los Richtung Innenstadt. Seltsamerweise ziehen geöffnete Ladentüren Maja nicht an. Die Türen die sie interessieren müssen eine Klinke oder einen Knopf haben. Somit gehe ich unbeschwert mit meiner Tochter an der Hand Richtung H & M. Hier muss man wissen: Sie hasst Geschäftslokale. Dort sind Regale, die größer sind als sie, somit keinerlei Überblick, man sieht ihr Angst an. Und es kommt oftmals zu Ausrastern, Weinen, Zittern. Deshalb habe ich bereits vorher nach Jacken für sie geschaut und diese an der Kasse hinterlegt. Damit es einfach und schnell geht.

Wir kommen im Laden an und gehen gezielt zur Kasse. Ich spreche kurz mit der Kassiererin und während diese nach den Jacken sucht schaue ich nach rechts unten und… MAJA IST WEG. Mein Herz pumpt. Ich schaue zum Ausgang. Keine Maja. Ich schaue zur Rolltreppe. Keine Maja. Die Verkäuferin hat das Verschwinden auch registriert und sucht mit. Sie findet mein Kind an den Umkleidekabinen und ruft mich. Ich höre sie aber auch bereits. Sie singt. „Macht die Türen auf, macht die Herzen weit und verschliesst euch nicht, es ist Weihnachtszeit.“ Tolles Lied für Ende Mai. Die Verkäuferin lächelt und geht zurück zur Kasse. Maja spielt mit der ersten Umkleidetür, und ich seh von weitem dass diese leer ist. Ich gehe deshalb langsam zu ihr. Aber wohl zu langsam. Denn sie rückt weiter zur Tür Nummer 2, weiterhin schmettert sie den Weihnachtssong passend zur nächsten Handlung: sie öffnet kräftg und weit die Tür. Zu schnell für mich. Wir beide blicken auf eine hochschwangere Frau. Sie ist nur mit einer Hose und BH bekleidet. Maja ist auf Augenhöhe mit dem dicken Babybauch. Ich erwarte entrüstete Worte der Frau… die aber nicht kommen. Diese Frau schaut lächelnd auf meine Tochter hinab und sagt: „Ooooh, das Christkind.“ Maja lacht. Und geht weiter singend zur dritten und letzten Tür der Umkleideräume. Diese ist auch leer. Die schwangere Frau schließt ihre Umkleidetür und man hört sie zu Maja´s Gesang summen. Ich ziehe meine kleine lebendige Jukebox Richtung Kasse um die drei Sommerjacken anzuprobieren. Wir entscheiden uns für eine davon und beim Bezahlen sehen wir die schwangere Frau aus der Umkleidekabine erneut. Ich spreche diese an und wünsche ihr alles Gute für die baldige Geburt. Sie lächelt weiterhin und wünscht mir… alles Gute für mein Christkind.

Türen

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