Die Prinzessin mit den eiskalten Erbsen

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Kindergeburtstag. Nicht bei uns (zum Glück, naja 2 Kindergeburtstage im Jahr zuhause reichen!). Die kleine Tochter ist eingeladen bei einer Freundin. Die Vorfreude darauf ist gross. Sie hat dieses mal das Geschenk für ihre Freundin selber ausgesucht: ein Kirschkernkissen im Eulenformat.
Die Freude bei der grossen (schwerbehinderten) Schwester ist weniger gross. Nun ja, gar keine Freude. Sondern Tränen. Weil sie (mal wieder) nicht eingeladen ist.
Schlimm ist diesmal auch noch, dass ich Maja mitnehmen muss zum Kindergeburtstag um Jenna dort abzugeben. Innerlich bin ich schon nervös, wie ich sie wohl dort ohne wütendes Gebrülle wieder zurück ins Auto bekomme. Naja… wird schon werden.

Beim Kindergeburtstag angekommen werden wir von einer Horde kleiner Menschen empfangen, laute Minidisco-Musik dröhnt durchs Haus, Luftschlangen auf dem Boden, Geburtstagswimpel an den Decken… ich blicke auf Maja und liege richtig: zuviel auf einmal. Sie rennt los, stellt sich mitten ins Wohnzimmer, flattert mit ihren Armen, holt tief Luft und schreit: „HIER BIN ICH!“

Check. Alle Augen auf sie. Erstaunte Augen, belustigte Augen, respektvolle Augen, angstvolle Augen… niemand bewegt sich. Maja scheint diesen Augenblick zu genießen. Nur die laute Musik und sie. Und ausgerechnet diese laute Musik lässt die letzten Takte vom letzten Kinderlied ertönen und dann ist komplette Stille. Maja hört auf mit den Armen zu flattern, presst die Hände aufeinander, alle Sinne auf 100 %. Sie dreht sich einmal, sieht nun die vielen fremden Menschen und sucht fluchtartig ihre kleine Schwester, die mit dem Geschenk in der Hand immer noch im Flur steht. Maja schnappt sich das Geschenk und bevor ich eingreifen kann, reisst sie es auf und ruft „Maja hat Geburtstag!“ Und fängt an sich selbst happy birthday zu singen. Nun greife ich sanft ein, gehe auf die Knie und schüttele mit dem Kopf, schwinge dazu mit dem Zeigefinger um das nun folgende „Nein, Maja“ zu verdeutlichen. „Du hast nicht Geburtstag. Das Mädchen da vorne hat Geburtstag. Und die Eule ist ihr Geschenk.“ Aber Maja hat bereits bemerkt, dass die Eule mit vielen kleinen Kirschkernen gefüllt ist, die toll unter ihren Fingern nachgeben. Auch wieder Sinnesreizung. Maja liebt derartige Sachen. Das Geburtstagskind traut sich auf Maja zu und verlangt die Eule. Aber Maja stampft mit dem Fuß auf. Wie eine bockige Zweijährige. Hier nun mal gefangen in dem Körper eines neunjährigen Mädchens.

Ich schaue mich kurz um. Und ja, ich liege richtig mit meiner Vermutung. Nicht das Geburtstagskind steht hier grad im Mittelpunkt. Sondern meine schwerbehinderte Tochter. Leider. So soll es nicht sein. Und erst Recht nicht diese Art und Weise wie sie im Mittelpunkt steht. Die Gesichter der anderen Mütter und Väter sprechen Bände. Genervte, empört sprachlose, teilweise abfällige Blicke.

Entschuldigend suche ich die Mutter des Geburtstagskindes. Die ich aber nicht finden kann. Bis diese aber aus der Küche meinen Namen ruft. Ich erahne nun eine Predigt und lege mir im Kopf schon entschuldigende Worte zusammen, ziehe mein wütend weinendes Kind hinter mir her und bin überrascht was ich in der Küche sehe:

Die Mutter des Geburtstagskindes sitzt gelassen am Küchentisch und fragt Maja lächelnd: „Du hast heute auch Geburtstag, liebe Maja?“ … Maja schaut überrascht zu mir und lügt (naja, sie meint immer wenn sie Geschenke sieht, hat sie Geburtstag. Sie versteht es nun mal einfach nicht, dass sie wie jeder andere auch nur EINMAL im Jahr dran ist): „Ja!“ – „Na, dann schau mal, ich habe Dir auch eine Eule gebastelt. Aber vorsichtig, sie ist eiskalt.“ Sie reicht Maja einen roten kleinen Luftballon. Der Ballon ist gefüllt mit Tiefkühl-Erbsen. Auf den Ballon hat sie eine Eule gemalt.

Der Zweck, Maja´s Tastsinn zu reizen, ist durch die Erbsen erfüllt. Sogar noch gesteigert, durch die Kälte, die die tiefgekühlten Erbsen abgeben. Die Mutter steht auf, geht auf Maja zu und reicht ihr die selbstgebastelte Eule. Majas tränenverschmiertes Gesicht schaut erstaunt von mir – zu der Mutter – zu der Eule. In diesem Augenblick kommt das Geburtstgskind hinzu. Sie sieht die Eule ihrer Mutter und nimmt ihr diese aus der Hand und reicht sie Maja lächelnd mit den Worten: „Hier, für Dich Geburtstagskind.“ Maja nimmt die eiskalte Eule in die Hand, schreit erschrocken „uuuuh, kalt!“. Aber hält diese fest in der Hand und bohrt ihre Finger tief in den Ballon.

Ich wiederum schaue die Mutter des Geburtstagskindes einfach nur sprachlos lächelnd an. Ein leises „danke sehr“ und feuchte Augen meinerseits führen zu einer kurzen Umarmung. So viel Verständnis und Hilfe auf einmal haben mich schachmatt gesetzt.

Abends beim Abholen der kleinen Tochter wurde Maja, wie allen anderen kleinen Gästen auch, eine Krone geschenkt. Und die Kinder hatten sich auch schon einen Namen für Maja ausgedacht: „Die Prinzessin mit den eiskalten Erbsen“.

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  1. Wunderschöne Geschichte 🙂 Es könnte alles viel einfacher sein, wenn es mehr Menschen wie die Mutter des Geburtstagskindes gäbe, die in solchen Situationen einfach das Richtige tun. Mein Respekt.

  2. Wie schön:-)
    Mich hat das an meine ehrenamtliche Arbeit mit Demenzkranken erinnert: Eine Dame, die ich betreue, lebt quasi in ihrer eigenen Welt. Sie denkt sich als junge Frau die ihren Beruf über alles liebt. Natürlich ist sie um die 80, sitzt im Rollstuhl und wenn es um die Realität geht, z.B. mit Messer und Gabel essen, oft verwirrt, traurig und verzweifelt. Wenn es aber um ihre Arbeit geht, ist sie super glücklich, schwärmt und kann deutlich und klar erzählen.
    Auch wenn es manchmal nicht mit der Realität übereinstimmt, was ein Mensch sagt, denkt oder fühlt, sollte man ihm doch auf Augenhöhe begegnen. In deinem Fall das Geburtstagsgeschenk, in meinem Fall eben „Hallo Frau XY, was macht die Arbeit?“ und nicht „Frau XY, sie sitzen hier in der Küche eines Pflegeheims…“

  3. Wow, das rührt wirklich zu Tränen .. wie manche Menschen genau das Richtige tun können in solchen Situationen 🙂

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